Fußball Schiedsrichter Charly Dytrt
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Ein Mann mit Haltung: Als Schiedsrichter war Charly Dytrt bis hinauf in die Bezirksliga aktiv – und aufgrund seines konsequenten, aber stets gerechten Auftretens überall beliebt und angesehen.

PORTRÄT DER WOCHE

Schiedsrichter-Legende Dytrt: „Fußball ist mein Revier“

  • vonRudi Stallein
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Der Geretsrieder Karl „Charly“ Dytrt (62) war im Fußball erfolgreich als Torhüter, Referee und Jugendleiter - und dabei im ganzen Oberland bekannt und angesehen

Geretsried – Es war ein Spiel für die Geschichtsbücher, wenn auch nur auf regionaler Ebene: Am 11. April 1984 warf A-Klassist TuS Geretsried die hochfavorisierte SpVgg Unterhaching aus dem Pokal. Der krasse Außenseiter siegte 2:1 nach Verlängerung. Peter Erbeskorn hatte die Hachinger Führung (Torschütze: Wolfgang Proksch) kurz vor Ende der regulären Spielzeit per Kopfball egalisiert, Ralf Schaal zirkelte den Ball in der 116. Minute zum Siegtreffer ins Netz. Entscheidenden Anteil am Geretsrieder Erfolg hatte Torhüter Charly Dytrt. Der, so schrieb ein begeisterter Merkur-Redakteur Wolfgang Sporer, „fing, faustete und hechtete, dass die Fans auf der Tribüne ihre Würstchen vor Freude in die Luft warfen“. Und Unterhachings Star Andreas Karow, der ein uns andere Mal an dem stämmigen TuS-Keeper gescheitert war, staunte: „Der is ja a fliegende Tonne.“

Nur wenige Tage nach dem Erfolg gegen den Bayernligisten verabschiedete sich die Truppe von Trainer Hans Rest zwar mit einem 1:4 im Derby gegen den höherklassigen TSV Wolfratshausen aus dem Pokalwettbewerb. Aber Dytrt wurde seinen Spitznamen nicht mehr los. Er hängte seine Torwarthandschuhe aber schon früh an den Nagel, machte stattdessen als Schiedsrichter Karriere und prägte später 20 Jahre lang die Jugendabteilung des FC Geretsried. Doch bis heute weiß jeder ältere Fußball-Fan im Landkreis, wer gemeint ist, wenn von der „fliegenden Tonne“ die Rede ist.

Der 62-Jährige lächelt verschmitzt, wenn er von früheren Episoden erzählt und die Rede auf den Pokal-Coup kommt: „Mit meinem Gewicht, ich hatte damals so 130 bis 140 Kilo, hat mir das keiner zugetraut.“ Fußball war damals sein Leben und ist es geblieben. „Für mich hat’s nur Fußball gegeben.“

Als Kind, er wurde im November 1958 in Falkenau in der Tschechoslowakei geboren, habe er jeden Tag auf dem Fußballplatz gleich vor der Haustür verbracht. Im Mai 1969 siedelte die Familie nach Deutschland über. Nach einer Zwischenstation in einem Lager in Nürnberg kam er mit seinen Eltern und zwei Brüdern nach Geretsried. Mit elf Jahren kickte er zum ersten Mal in einer Mannschaft, bei den Schülern des TuS Geretsried. Von Anfang an stand er zwischen den Pfosten. „Ich war groß und stark genug“, erzählt Dytrt. „Ich hatte keine Angst vor nix. Das war mein Ding. Das hat mir Spaß gemacht.“ Als 14-Jähriger musste er schon gegen „die Großen“ ran. „Aber wir haben Erfolg gehabt.“ Der setzte sich nach der Jugend fort.

Der Urspung des Spitznamens: Als die „fliegende Tonne“ im Tor des TuS Geretsried machte sich Charly Dytrt 1984 im Pokalmatch gegen Unterhaching einen Namen.

„Fliegende Tonne“ beendet Karriere mit 28 Jahren

Mit den Herren des TuS ging es rauf bis in die Bezirksliga. 25 Jahre alt war er, als er die Stürmer der von dem kürzlich verstorbenen Peter Grosser trainierten Unterhachinger zur Verzweiflung brachte. Drei Jahre später beendete die „fliegende Tonne“ die aktive Fußballlaufbahn. „Ich war nicht konkurrenzlos. Da hast du dich schon durchbeißen müssen nach der Jugend“, berichtet er und nennt Paul Holdschik und Raimund Stumpfhauser als Beispiele. „Beide sehr gute Torhüter.“ Dann verpflichtete der TuS ein Talent, Klaus Hofmann. „Der war super“, erinnert sich Dytrt. Deshalb hat er sich nicht quergestellt, als der Verein ihn bat, dem Jüngeren den Vortritt zu lassen. „Ich hatte damit kein Problem und habe gesagt: Dann ist meine Fußballerkarriere beendet.“

Fortan konzentrierte er sich auf den Schiedsrichter-Job. Die Prüfung hatte er schon mit 22 Jahren gemacht. Solange er selbst spiele, habe er als Schiedsrichter nicht aufsteigen können. Das holte er nun nach. In höheren Ligen zu pfeifen reizte ihn. „Das hat geklappt“, so Dytrt. Bald pfiff er in der damaligen A-Klasse, die heutige Kreisliga, ein Jahr später Bezirksliga. In der Bayernliga, zu jener Zeit die dritthöchste Spielklasse („da waren die Ligen noch was wert“), assistierte er Referees wie Klaus Simon aus Gaißach oder dem Deininger Karl Kufer als Linienrichter. „Die schönste Zeit waren die ein, zwei Jahre mit Adi Plotek vom SV Münsing in der Bayernliga“, erinnert sich Dytrt und plaudert aus dem Nähkästchen: „Er ist meist hingefahren, auf dem Rückweg musste ich fahren. Ich hab ja keinen Alkohol getrunken...“

Als Schiedsrichter waren die Derbys im südlichen Landkreis immer etwas Besonderes

Neun Jahre lang leitete der Geretsrieder, damals mit 30 schon im reiferen Schiedsrichteralter, Spiele in der Bezirksliga. Besonders begeistert habe er sich für manche Derbys im südlichen Landkreis. „Gaißach gegen Lenggries, oder Gaißach gegen Wackersberg, damals in der A-Klasse. Das waren Spiele, auf die du dich gefreut hast. Die haben sauber gekämpft, aber danach haben sie gesoffen miteinander. Das waren die Dörfer. Heute geht das nicht mehr so gemütlich runter. Die Zeit hat sich geändert. Auch von den Leuten her, die Jungen sind eine andere Generation. Die Derbys sind nicht mehr so wie früher. Aber das ist einfach so.“

Er selbst ist sich und seinen Prinzipien treu geblieben. Wenn es um Gerechtigkeit ging, kannte er keine Verwandten. Und das im wahrsten Sinne. „Ich habe sogar meinen Bruder einmal für zehn Minuten vom Platz gestellt, weil er glaubte, er kann sich mehr erlauben als andere“, sagt Dytrt. „Aber das geht bei mir nun mal nicht. Es soll gerecht zugehen.“ Im vorigen November hatte er 40-jähriges Schiedsrichterjubiläum. In all der Zeit habe es nie Probleme gegeben. Er muss selbst lachen, als er sagt: „Ich musste nie flüchten.“ Was wohl an seiner vermittelnden Art lag. In 40 Jahren habe er ganze neun Mal die rote Karte gezückt; gelb-rote habe er nicht gezählt, die gibt es öfter. „Bevor ich Karten zücke, gehe ich hin und rede erst mal“, sagt der Regelhüter, der heute mit derselben Leidenschaft wie vor 30 Jahren pfeift – bei den Herren in der B-Klasse wie Jugendspiele. „Mir macht’s einfach Spaß.“

Dass das Coronavirus derzeit den Spielbetrieb lahmlegt, macht ihm zu schaffen. „Mir geht das alles ab. Ich bewege mich viel, gehe spazieren mit der Frau oder fahre Rad. Aber der Sport fehlt.“ Das gilt auch für seine dritte Leidenschaft – den Jugendfußball. 20 Jahre lang war er Jugendleiter und Trainer beim Ortsnachbarn FC Geretsried, baute dort („nicht alleine, da haben viele mitgemacht“) die Nachwuchsabteilung auf. 1995 hat er damit angefangen, mit Ehefrau Anna-Maria, mit der er seit 33 Jahren verheiratet ist. Sie hat beim FC die Kantine gemanagt, Kaffee und Bier, Kuchen und Semmeln verkauft, wenn der Mann an der Seitenlinie stand. „Wenn sie das nicht gemacht hätte, wäre es nicht gegangen. Ich war von Montag bis Sonntag auf dem Fußballplatz“, sagt der Gatte.

Platzwart beim FC Geretsried

Der Nachwuchs liegt Charly Dytrt besonders am Herzen. An seine frühere Tätigkeit als Jugendleiter beim FC Geretsried möchte er bald wieder anknüpfen.

Heute hält er die Sportplätze mit in Schuss, beim FC und bei den Fußball-Freunden. Denen habe er, als der frühere Platzwart plötzlich starb, aushelfen wollen, „bis sie einen neuen Mann gefunden haben. Aber jetzt bin ich immer noch dort“, sagt er und lacht. „Aber ich ziehe nur die Linien, trete mal ein bisschen den Rasen ein und sprenge im Sommer. Den Rest macht der Hansi Hofmeister.“ Die Jugendarbeit musste er aus beruflichen Gründen vor ein paar Jahren aufgeben – zumindest vorübergehend. „Wenn ich was mache, dann mache ich es 100-prozentig. Und seit ich als Staplerfahrer in drei Schichten arbeite, konnte ich das alles nicht mehr machen“, erklärt Dytrt. Was ihm sichtlich schwerfällt. „Das tut weh. Ich seh’ ja, dass hier keine Jugend mehr ist“, sagt er bekümmert. Deshalb mag er auch noch lange nicht ans Aufhören denken. „Wenn ich in Rente bin, mache ich wieder bei der Jugend was, wenn es gesundheitlich geht“, betont der nimmermüde Fußballverrückte. „Das ist einfach mein Revier.“

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