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Epicrates cenchria cenchria: Diese Schönheit, eine rote Regenbogenboa, ist eines der Tiere, die Clemens Drieschner im Haus einer Bekannten hält.

Er hat 20 Jahre Erfahrung

Der Schlangenmann: Dieser Geretsrieder ist ein Reptilienexperte 

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Der Geretsrieder Clemens Drieschner ist ein Reptilienexperte in der Region. Fundtiere landen meist bei ihm. Er erzählt von Härtefällen und dem Reptilienmarkt, der gerade boomt.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Rainer Calmund, Deutschlands dicksten Fußball-Experten, kennt man. Stellen Sie sich nun, heruntergerechnet auf die Gattung der Reptilien, eine Schildkröte mit dieser Leibesfülle vor. Ähnlich korpulent sah das arme Tier aus, das Clemens Drieschner anvertraut wurde. Ein Ehepaar hatte es viele Jahre zuvor gefunden, bei sich aufgenommen und – aus Unwissenheit – völlig falsch gehalten. „Katzen-Trockenfutter als Nahrung, ein brackiges Aquarium ohne Landanteil und Filteranlage, kaum größer als das Tier selbst, und vor allem kein Licht – die Herrschaften haben wirklich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann“, sagt der Reptilienexperte. Die Folgen? Verheerend. Die Schildkröte war verfettet, ihr Panzer mit einer zentimeterdicken, zementharten Dreckschicht überzogen, die ganze Kreatur dem Tod näher als dem Leben.

Nicht immer sind die Fälle, mit denen Drieschner konfrontiert wird, so dramatisch wie dieser. Über mangelnde Nachfrage aber – der Kontakt läuft immer übers Geltinger Tierheim – kann der Geretsrieder nicht klagen: Rund 15 bis 30 Mal im Jahr wird er angerufen. Seit 2014 etwa landet fast jedes im Landkreis aufgefundene, ausgesetzte oder ausgebüchste Reptil, mehrheitlich Schildkröten, bei ihm. Warum bei dem 29-Jährigen, einem Autodidakten, und nicht in der Münchner Reptilienauffang-Station, ist leicht zu erklären. Die Einrichtung in München sei eine von sehr wenigen in ganz Deutschland, sagt der selbstständige IT-Fachmann, „und deshalb völlig überlastet“.

Der Reptilienmarkt boomt

Clemens Drieschner: Der Geretsrieder gilt als der Reptilien-Experte im Landkreis. Fundtiere landen meist bei ihm.

Kein Wunder: Der Markt boomt. „Viel mehr Menschen, als man denkt, halten sich Reptilien in Terrarien“, sagt Drieschner. Leider ist der Markt nicht immer sauber: Echsen und Schlangen aus Massenzüchtungen in Übersee gelangen, oft schon krank oder verletzt, über den Tiergroßhandel hierzulande in die Hände von unerfahrenen Neulingen. Die sind mit ihnen überfordert und/oder ihnen überdrüssig – wenn sich Probleme auftun. Eine seiner ersten Schlangen, erstanden im Großhandel, sei ihm selbst elendig verhungert, sagt Drieschner. Sie verweigerte das Fressen, weil sie als Jungtier nicht, wie es sein hätte sollen, fachmännisch angefüttert worden war – ein Opfer übler Praktiken im Massentierhandel.

Reptilien von einem erfahrenen Halter zu kaufen, sei der bessere Weg, empfiehlt der 29-Jährige. Dem privaten Züchter gehe es um das Tier, nicht um den Profit. Drieschner selbst erlebte es als 14-Jähriger, wie sich der Verkäufer einer Boa „mit Kind und Kegel ins Auto setzte“ und 150 Kilometer zu ihm fuhr, um sich das plötzlich kränkelnde Tier anzuschauen. Diagnose: Die erste Häutung hatte nicht funktioniert, sich in der Folge eine zweite und dritte Haut darüber geschoben. Der Züchter wusste, was zu tun ist, und die Boa war bald wieder gesund.

Nach knapp 20 Jahren ist Drieschner ein Experte

Nach knapp 20 Jahren Reptilienhaltung – übrigens im Haus einer Bekannten, Drieschner nimmt in seiner eigenen Wohnung nur Notfälle kurzfristig auf – ist der Geretsrieder selbst ein Experte. Seine erste Schlange, eine amerikanische Schwimmnatter, bekam er als Zehnjähriger. Damals verschlang er die einschlägige Literatur zu dem Thema geradezu. Etwas, das er heute kritischer sieht. Er ist „nicht mehr ganz d’accord mit dem Wissen aus den Büchern“. Gerade bei diesen Tieren, „die doch relativ wenig erforscht sind, ist eigene Erfahrung meist der bessere Lehrmeister“. Im Fall der Schwimmnatter hätten die Bücher beispielsweise davon gesprochen, dass sie so lange frisst, wie sie Nahrung bekommt. Füttere man sie also permanent, werde sie verhungern, weil sie die verschlungenen Fische ständig ausspuckt. „Völliger Humbug“, sagt der Geretsrieder, „meine Schlange ist teilweise mit drei Fischen in ihrem Teich geschwommen, ohne sie zu fressen, nachdem ich sie ein wenig konditioniert hatte.“

Übrigens: Calli, eingangs erwähnte Schildkröte, lebt mittlerweile bei jemandem, der weiß wie man sie behandelt. Sie sieht viel Tageslicht, erhält die richtige Diät und ist deutlich erschlankt. „Richtig gesund wird sie wohl nie mehr“, sagt Clemens Drieschner, „aber den Umständen entsprechend geht es ihr ganz gut.“

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