+
Viel lernen, viel lesen – und cool bleiben: Linken-Politiker Andreas Wagner während der konstituierenden Sitzung des Deutschen Bundestags.  

„Man braucht Mut zur Lücke“

Seit 100 Tagen in Berlin: Geretsrieder Linken-Politiker zieht Bilanz

  • schließen

Vor 100 Tagen haben sich die Mitglieder des neu gewählten Bundestags zur ersten Sitzung getroffen. Mit dabei war auch der Linken-Abgeordnete Andreas Wagner aus Geretsried. Nun zieht er erste Bilanz.

Geretsried/Berlin – 100 Tage sind seit der konstituierenden Sitzung des Deutschen Bundestags am 24. Oktober vergangen. 100 Tage, an denen Neu-Parlamentarier Andreas Wagner oft pendeln, viel organisieren und noch mehr lernen musste. Die Abläufe und Anforderungen der Bundespolitik sind für den Abgeordneten der Linken Neuland. Redakteur Peter Borchers unterhielt sich mit dem 45-jährigen Familienvater aus Geretsried über seine ersten drei Monate in Berlin.

-Herr Wagner, haben Sie Ihr Arbeitsfeld innerhalb der Bundestagsfraktion der Linken mittlerweile gefunden?

Ja, die Fraktion hat mich zum Obmann für den Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur bestimmt. Außerdem bin ich fachpolitischer Sprecher der Fraktion für den Öffentlichen Personennahverkehr und Fahrradmobilität. Darauf freue ich mich sehr.

-Das heißt: Debattiert man im Plenum über den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) oder Fahrradmobilität, dann müssen – besser dürfen – Sie ans Rednerpult?

Genau. Wir haben ja in der Fraktion eine Arbeitsteilung. Jeder hat seinen Schwerpunkt. Meiner ist der Verkehr und im Speziellen der ÖPNV und das Fahrrad.

-Dieser Themenbereich lag Ihnen ja schon am Herzen, als Sie noch kommunalpolitisch unterwegs waren.

Stimmt, er ist mir sehr wichtig. Mobilität ist ein wesentlicher Faktor, damit Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Und unter dem Umweltaspekt werden wir uns damit zukünftig deutlich intensiver auseinandersetzen müssen, als wir das bisher getan haben.

-Ihr zweiter Schwerpunkt wird die digitale Infrastruktur sein. Eine Thematik, in der Sie auch zu Hause sind?

Das ist eher Neuland für mich, in das ich mich einarbeiten muss. Was aber auch für den ÖPNV gilt. Meine Grundeinstellung zu den Themen Verkehr und Digitalisierung gewährleistet ja nicht, dass ich alle Gesetze Vorschriften und Grundlagen kenne.

-Das heißt?

Ich muss mich einlesen. Wobei ich gar nicht weiß, wie ich das alles lesen soll, was ich lesen möchte. Es gibt ja neben diesen beiden Themenbereichen viele weitere, über die im Bundestag geredet wird und von denen ich ein Bild haben muss. Deshalb bin ich auch angewiesen auf eine entsprechende Zuarbeit meiner Mitarbeiter. Und ich sehe mir natürlich an, was die Fraktion bisher zu den Themen erarbeitet hat.

-Können Sie uns ein Projekt nennen, an dem Sie im Moment arbeiten?

Ein sehr aktuelles Beispiel – weil es vergangene Woche erst wieder einen Unfall gegeben hat – ist der Abbiege-Assistent für Lkw als Standardausrüstung. Es passiert relativ häufig, dass Lastwagen-Fahrer Fußgänger oder Radfahrer beim Abbiegen übersehen. Wir werden von meinem Büro aus eine Anfrage auf den Weg bringen, um das Problem zu thematisieren und Lösungen auf den Weg zu bringen – beispielsweise in dem Abbiege-Assistenten, der ein Signal gibt beziehungsweise den Lkw stoppt, wenn sich Personen im toten Winkel befinden.

-Sie haben nun schon einige Plenarsitzungen hinter sich. Ihr Eindruck?

Als Linke hatten wir bereits einen Erfolg. Die Fraktion hat zu Beginn der Wahlperiode den Antrag gestellt, dass rasch alle Ausschüsse eingesetzt werden, um entsprechend arbeiten zu können. Das hat der Bundestag in seiner ersten Sitzungswoche im Januar so beschlossen. Diese Woche konstituieren sich die Ausschüsse. Das bedeutet für mich: In der Sitzungswoche kommen zu den Treffen mit der Arbeitsgruppe der Linksfraktion für Verkehr und digitale Infrastruktur die Tagungen der entsprechenden Ausschüsse und von Mittwoch bis Freitag die Plenumssitzungen dazu.

-Das klingt nach sehr viel Input.

In der Tat. Und daran muss ich mich auch erst gewöhnen beziehungsweise lernen, damit umzugehen. Ich möchte mich gut auf die Themen vorbereiten, möchte sie verstehen und mich gut positionieren können. Aufgrund der Fülle von Informationen und der begrenzten Aufnahmefähigkeit und Zeit ist das schlicht nicht möglich. Also braucht man einfach auch mal Mut zur Lücke.

-Besteht ansonsten die Gefahr, dass man sich verzettelt?

Genau. Ich muss mir ein- und zugestehen, nicht alles wissen zu können. Und ich muss eine gewisse Routine darin entwickeln, mich auf Schwerpunkte zu konzentrieren. Das dauert sicher ein wenig, bis ich das akzeptiere und – ja, cool bleibe.

-Gibt es im positiven Sinne etwas, dass Sie in Ihren ersten Monaten in der Bundeshauptstadt überrascht hat?

Das Miteinander und die Zusammenarbeit mit den Kollegen ist sehr gut. Aber das war für mich nicht überraschend, davon bin ich ausgegangen.

-Sie reden jetzt aber von Ihrer Fraktion. Wie sieht’s denn überfraktionell aus?

Gefreut habe ich mich, als mir kurz nach der Wahl Michael Kießling von der CSU über den Weg gelaufen ist. Mit ihm war ich im vergangenen Jahr auf einer Podiumsdiskussion in Landsberg. Das war eine schöne, freundschaftliche Begegnung, obwohl wir in so unterschiedlichen Parteien sind.

-Und Ihre bislang unangenehmste Erfahrung in Berlin?

Wie schon gesagt: alles auf die Reihe zu bekommen – auch mit dem Privatleben. Das ist wirklich eine große Herausforderung und leichter gesagt als getan. Zum Beispiel die Fahrerei. Damit Sie einen Eindruck haben: In einer Plenarwoche reise ich immer sonntags nach Berlin. Das letzte Mal bin ich übers folgende Wochenende dort geblieben, weil am Montag noch eine Sitzung war. Abends bin ich heim nach Geretsried und am Mittwoch wieder zurück nach Berlin, am Freitag wieder nach Bayern und am Sonntag wieder zurück. Ich bin also ganz schön unterwegs.

-Sie fliegen nicht, sondern reisen mit dem ICE auf der neuen, schnellen Strecke, wie Sie uns schon verraten haben. Ist der Zug immer pünktlich?

Ähm – (lange Pause) halbwegs.

-Nun, Sie sitzen ja jetzt in der richtigen Arbeitsgruppe. Dort können Sie dafür sorgen, dass es besser wird.

(lacht) Es wäre ein riesiger Erfolg, wenn wir da eine größere Verlässlichkeit hinbekommen.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Die mit den Hunden tanzt: Diese Frau unterrichtet „Dog-Dance“ in Geretsried
Auf dem Trainingsgelände des Hundesportvereins Königsdorf in Geretsried zeigen Vierbeiner ihr Können. Dazu zählt deutlich mehr als „Sitz“, „Platz“ und Stöckchenholen: …
Die mit den Hunden tanzt: Diese Frau unterrichtet „Dog-Dance“ in Geretsried
So holt Chris Böttcher Promis auf die Bühne
Auftakt der neuen Spielzeit im Dorfener Vereineheim: Musik-Comedian Chris Böttcher präsentiert sein neues Programm „Freischwimmer“.
So holt Chris Böttcher Promis auf die Bühne
Mercedes-Fahrer bringt BMW und Kia zum Kollidieren und flüchtet
Im Gemeindegebiet Egling ereignete sich am Freitag ein Unfall, bei dem eine 26-Jährige leicht verletzt wurde. Der Unfallverursacher flüchtete.
Mercedes-Fahrer bringt BMW und Kia zum Kollidieren und flüchtet
Nach Messerangriff auf Freund der Stieftochter: Wolfratshauser muss in Psychiatrie 
Ein Bierfahrer aus Wolfratshausen muss künftig in der Psychiatrie bleiben. Der Mann war daheim mit einem Messer auf den Freund seiner Stieftochter losgegangen. 
Nach Messerangriff auf Freund der Stieftochter: Wolfratshauser muss in Psychiatrie 

Kommentare