Steht seit rund einem Jahr leer: Der ehemalige Penny-Markt in Stein.
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Steht seit rund einem Jahr leer: Der ehemalige Penny-Markt in Stein.

„Die armen Leute müssen so weit laufen“

Seit einem Jahr kein Nahversorger in Stein – Standort für Branche unattraktiv

  • Doris Schmid
    VonDoris Schmid
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Seit etwa einem Jahr müssen die 2500 Bewohner des Ortsteils Stein ohne einen Nahversorger auskommen. Anwohner bedauern diese Situation sehr.

Geretsried – Inna Gerdt-Kubeckis (34) hat sich an unsere Zeitung gewandt, um erneut auf die Versorgungslücke aufmerksam zu machen. Möglicherweise entscheidet es sich aber noch diesen Sommer, wie es mit der leer stehenden Penny-Filiale weiter geht und wer dort vielleicht einzieht.

Wie berichtet hat Penny sein Geschäft in Stein mit dem Ende seiner Mietvertragslaufzeit aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben. Wer in Stein wohnt und sich mit den Dingen des täglichen Bedarfs eindecken will, muss nun auf andere Supermärkte im Stadtgebiet ausweichen. „Bis zum nächsten Laden sind es 1,5 Kilometer“, berichtet Inna Gerdt-Kubeckis. „Die armen alten Leute müssen so weit laufen oder mit dem Bus fahren mit Maske und die schweren Sachen eigenhändig nach Hause schleppen.“ Manche Leute könnten es sich nicht leisten, auf ihren Einkauf oben drauf auch noch das Ticket für den Stadtbus zu bezahlen. Gerdt-Kubeckis wünscht sich, dass wenigstens die Rentner kostenlos den Stadtbus nutzen können. „Viele andere Städte schaffen das irgendwie.“ Die Geretsriederin hat nach eigenen Worten versucht, Bürgermeister Michael Müller über soziale Medien zu kontaktieren – leider ohne Rückmeldung.

Die Stellung hält ein Bäcker

Die Eltern der 34-Jährigen konnten früher selbst mit dem Rollator Besorgungen erledigen. „Jetzt sind die total auf uns angewiesen“, sagt die Mutter von zwei Kindern. In der Vergangenheit machte bereits die Sparkasse ihre Filiale dicht, die Metzgerei schloss, und auch der Getränkemarkt verabschiedete sich aus Stein. Die Stellung hält ein Bäcker. Wie die Geretsriederin berichtet, soll in den Räumlichkeiten des ehemaligen Supermarkts ein Fahrradgeschäft eröffnen. „Das kann doch nicht wahr sein“, klagt sie. „Es können doch keine 2500 Leute ohne Einkaufsmöglichkeit bleiben.“

Eigentümer der Räumlichkeiten ist die Baugenossenschaft Geretsried (BG). Geschäftsführer Wolfgang Selig kann das Gerücht weder bestätigen noch dementieren, „weil wir bei diesem Thema noch nicht so weit sind“. Es sei aber nicht unrealistisch, dass man noch im Laufe des Sommers zu einem Ergebnis kommt.

„Gerne hätten wir die Räumlichkeiten erneut an die Lebensmittelbranche vermittelt und sind daher auch aktiv auf die Branche zugegangen“, sagt der Geschäftsführer im Gespräch mit unserer Zeitung. Doch das Einkaufsverhalten etlicher Steiner Bürger, die geringe Größe des Ortsteils, die begrenzte Ladenfläche für heutige Verhältnisse, die kleine Zahl der Parkplätze vor der Tür und die harte Konkurrenz innerhalb der Stadt „machen den Standort aus Sicht der Branche leider unattraktiv“.

Lage seit März 2020 nicht leicht

Aus diesem Grund hat die BG laut Selig auch Gespräche mit Vertretern anderer Branchen geführt. Auch dort seien die Zeiten häufig nicht leicht, weil die pandemiebedingten Einschränkungen den Einzelhandel in den vergangenen 15 Monaten „fast nirgendwo an Expansion haben denken lassen, sondern an die Rettung bestehender Standorte“. Das mache es für Vermieter und Mieter von gewerblichen Handelsflächen seit März 2020 nicht gerade einfach.

Diese Erklärung ist für die Steiner vermutlich nur wenig tröstlich. „Es macht keinen Spaß mehr, hier zu leben, total abgeschnitten von der ganzen Stadt“, spricht Gerdt-Kubeckis offen aus, was sich vermutlich viele Steiner denken. Die Bewohner des Ortsteils seien enttäuscht, und vor allem die Rentner würden unter der Situation leiden. Die Geretsriederin spricht noch einmal Klartext: „Niemand will in Stein wohnen. Wir auch nicht. Aber wir können nicht wegziehen, weil wir unsere Eltern hier nicht alleine lassen können. Die brauchen uns. Es hätte hier so schön sein können neben dem Wald und dem See.“

nej

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