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Sensationsfund auf dem Speicher

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Dr. Otto Rothe (li.) und Walter Holzer haben zwei Kirchenrechnungsbücher von St. Nikolaus aus den Jahren 1719 und 1720 auf dem Speicher der Mutterkirche Maria Hilf entdeckt.
Stolz auf ihren Schatz: Dr. Otto Rothe (li.) und Walter Holzer haben zwei Kirchenrechnungsbücher von St. Nikolaus aus den Jahren 1719 und 1720 auf dem Speicher der Mutterkirche Maria Hilf entdeckt. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Einen Schatz haben Dr. Otto Rothe und Walter Holzer gehoben. Die beiden Gründungsmitglieder der Interessengemeinschaft zur Erhaltung der Nikolauskapelle haben zwei Kirchenrechnungsbücher von St. Nikolaus aus den Jahren 1719 und 1720 entdeckt.

Geretsried – In mühevoller Kleinarbeit hat Holzer die damals verwendete Kurrentschrift transkribiert. Die beiden Bücher, eigentlich eher Heftchen, umfassen nur jeweils 50 Seiten, liefern aber wichtige Hinweise auf die Geschichte der Nikolauskapelle an der B11. Auch ein Gerücht wird durch die Einträge entkräftet.

Mit einem Vortrag im Pfarrsaal von Maria Hilf gewährten die beiden Hobbyhistoriker – sie sind Ende 80 und Anfang 90 – auch den rund 30 Besuchern einen Einblick in die „Kürchenrechnung des würdigen St.Nicolaj Filial Gottes Haus zu Geretsriedt“. Es fällt auf, dass bei der Vorgängerkirche von St. Nikolaus, die bis 1722 stand, nie die Rede von einer „Kapelle“ war. Im Gegenteil.

Dokument belegt: Es gab zwei Glocken

Die 1315 erstmals erwähnte Filialkirche der Königsdorfer Mutterpfarrei war eine wichtige Institution. Sie verfügte über einen eigenen Pfarrgemeinderat, die Kirchenpröbste, und eine eigene Finanzverwaltung. Jedes Jahr musste eine Kirchenrechnung mit allen Ausgaben und Einnahmen erstellt werden, die im Zechschrein, einer Truhe mit drei Schlössern und drei Schlüsseln, aufbewahrt wurde. Laut einem Vermerk in einem Dokument von 1588 im Königsdorfer Gemeindearchiv gab es sogar zwei Glocken, was darauf schließen lässt, dass die ursprüngliche Kirche größer war als die jetzige Kapelle.

Und nicht nur das. „St.Nicolaj“ war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit auch wesentlich reicher als heute. Das Gesamtvermögen wird in der Kirchenrechnung von 1719 mit „6976 Gulden, 42 Kreuzern und einem halben Heller“ angegeben – das ist umgerechnet mehr als eine Million Euro. „Die umliegenden Höfe waren zinspflichtig gegenüber der Kirche“, erklärte Rothe. Auch erhielt die Kirche viele Anwesen als Schenkungen, wenn es keine Erben gab. Schließlich brachte der Ablasshandel Geld ein. Kleinere Summen kamen durch das „Lichtgeld“ für Hochzeiten, bei Kreuzgängen und durch Spenden zusammen.

Nikolauskapelle braucht ein neues Dach

Auf Initiative von Bürgermeister Karl Lederer und der 1967 gegründeten Interessengemeinschaft zur Erhaltung der Nikolauskapelle wurde die Kirche von 1967 bis 1972 erstmals renoviert. Die Vereinsmitglieder nannten sich „die 14 Nothelfer“ in Anlehnung an die 14 heiligen Nothelfer, die im Inneren der Kapelle abgebildet sind. Walter Holzer und Dr. Otto Rothe sind die letzten übrigen Gründungsmitglieder. Die zweite große Renovierung erfolgte von 1988 bis 1990.

Mittlerweile sind erneut umfangreiche Sanierungsarbeiten notwendig. Die Lärchenschindeln auf dem Dach sind verrottet und zum Teil schon abgefallen. Allgemein ist die Dachkonstruktion so schlecht, dass die Kapelle ein neues Dach braucht. Auch der Holzwurm im Inneren muss großflächig bekämpft werden. Insgesamt rechnet die Interessengemeinschaft mit 400 000 Euro an Kosten. Ein Zuschussantrag an das Erzbischöfliche Ordinariat ist gestellt. Die Sanierung soll 2022 starten.

Die Kirche gewährte Privatleuten, anderen Pfarreien und den Mächtigen im Land Darlehen. In den Kirchenbüchern sind Darlehensnehmer aufgelistet, deren Namen man noch heute im Landkreis findet. Ein Georg Poschenrieder aus Niederham lieh sich etwas, ebenso ein Adam März aus Wolfratshausen und ein Simon Friedinger aus Geretsried. Thanning renovierte sein Gotteshaus mithilfe von St.Nicolaj, Oberhaching seinen Pfarrhof und Königsdorf seinen Turm. Alle zahlten sie ihre Schulden pünktlich samt Zinsen zurück. Nur der größte Darlehensnehmer, Kurfürst Maximilian II. Emanuel, nicht. Rothe hat über den verschwenderischen Wittelsbacher recherchiert, dass Bayern das gesamte 18. Jahrhundert hindurch noch mit der von ihm verursachten enormen Schuldenlast zu kämpfen hatte.

Gerücht kann widerlegt werden

Vor dem Fund der Rechnungsbücher hielt sich in Geretsried hartnäckig das Gerücht, die Vorgängerkirche der heutigen Nikolauskapelle sei ein Holzbau gewesen. Nach einem Blitzeinschlag habe sie Feuer gefangen und sei zerstört worden. Walter Holzer und Otto Rothe können dies jedoch widerlegen. An Ausgaben sind in den Büchern zum Beispiel „drei Tagelohn“ für einen Maurer vermerkt sowie die Kosten für vier Eimer Kalk. Außerdem spricht nach Ansicht Holzers die Tatsache, dass die Kirche zwei Glocken besaß (Ausgaben für „zwei neue Gloggen Sail“ sind aufgelistet) gegen eine bescheidene Holzkapelle.

Um 1700 verfiel das Bauwerk jedoch stark. 1712 schrieb Pfarrvikar Gänsle an den zuständigen Bischof in Freising, man müsse die Kirche „a fondo“, also von Grund auf, neu errichten, was innerhalb der nächsten zehn Jahre geschah. Das neue Gotteshaus an selber Stelle wurde am 18. September 1722 durch den Freisinger Bischof Johann Franz Eckher von Kapfing dem Heiligen Nikolaus geweiht. 1951 wurde die Kapelle Filialkirche der Pfarrei Maria Hilf, zu der sie bis heute gehört.

Tanja Lühr

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