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Zunächst Büro, dann Direktverkauf: Das Foto, entstanden im Juni 1949, zeigt Dr. Walter Kneisl (2. v. li.) mit (v. li.) den Herren Niemec, Prof. Tutz und Josef Stricker vor dem „Knusperhäuschen“.

Serie: Geretsrieder Wirtschaftswunder  

Mit Marzipankugeln fing alles an

Vor gut 70 Jahren kamen die ersten Heimatvertriebenen in Geretsried an. Aus dem Nichts mussten sie sich eine neue Existenz aufbauen. In unserer Serie „Geretsrieder Wirtschaftswunder“ stellen wir Unternehmer vor, die den Grundstein für den heutigen Wirtschaftsstandort legten. Heute: der Süßwarenfabrikant Philipp Kneisl aus Mähren.

Geretsried – Eigentlich war Philipp Kneisl gelernter Weber. Als die mechanischen Webstühle aufkamen, erkannte er, dass es in seinem Beruf schwierig werden würde. 1863 gründete er in Holleschau im damals österreichischen Mähren ein Süßwarengeschäft. Aus dem kleinen Laden wurde bereits in der zweiten Generation unter Rudolf Kneisl eine Firma mit über 1000 Mitarbeitern und 60 Filialen. Die Fabrik war eines der bedeutendsten Unternehmen der Süßwarenbranche im böhmisch-mährischen Raum.

Neuanfang in einem alten Bunker

Die Folgen des Zweiten Weltkriegs trafen auch die Firma Kneisl: Das Unternehmen wurde enteignet, die Familie ausgewiesen und getrennt. Die beiden Söhne von Rudolf Kneisl, Dr. Walter Kneisl und Wilfried Kneisl, trafen 1948 in Ambach am Starnberger See wieder aufeinander. Dort beschlossen der Diplom-Volkswirt und der Diplom-Ingenieur den Wiederaufbau des Betriebs. Ein in Frage kommendes Gebäude fanden sie in Geretsried – in einer ehemaligen Wohlfahrtseinrichtung des Rüstungsbetriebs Dynamit (DAG) an der heutigen Adalbert-Stifter-Straße.

Gruppenfoto zur Erinnerung: Die ersten Mitarbeiter der Schokoladenfabrik – darunter viele Frauen – kamen aus den heimatlichen Betrieben im Osten. Sie leisteten in den ersten Stunden des Neubeginns der Firma maßgebliche Aufbauarbeit. Das Foto entstand im Dezember 1948.

In Eigenregie machten die Brüder den alten Bunker wieder nutzbar. Anschließend beschafften sie Maschinen, Verpackungs- und Transportmittel – keine leichte Aufgabe in Zeiten der Mangelwirtschaft. Ideenreichtum und Improvisationstalent waren auch bei der Produktion der ersten Marzipankugeln im Jahr 1949 gefragt. Ein wichtiger Bestandteil der Rohmasse – Mandeln – war auf dem Markt nicht erhältlich. Zucker war zwar kontingentiert, aber die Zuteilung an die Firma Kneisl war relativ. Die Menge richtete sich nach der Betriebsgröße vor dem Zweiten Weltkrieg. Statt der Mandelmasse wurde Kartoffelbrei gezuckert, Bittermandelöl sorgte für das Aroma. Verpackt wurde die Nascherei in gereinigten Pappschachteln, die in einem ungenutzten Munitionslagerbunker der DAG lagerten. Die Marzipankugeln waren nur drei Tage haltbar. Aber dieser Nachteil fiel nicht ins Gewicht, weil das Produkt reißenden Absatz fand und die Kunden schon vor Betriebsbeginn anstanden. 1950 wurde ein Fabrikverkauf eröffnet. Das so genannte Knusperhäuschen entwickelte sich zur ersten Adresse für Naschwerk in Geretsried.

1952 erhielt die Firma eine Anfrage für einen Großauftrag: Für die Aachener Schokoladenfabrik Trumpf sollte der Betrieb innerhalb von drei Monaten monatlich 30 Tonnen Tafelschokolade herstellen. Dr. Walter Kneisl sagte zu, obwohl für diesen Auftrag weder eine Produktionshalle noch entsprechende Maschinen und Fachpersonal zur Verfügung standen. Noch am selben Tag nahm er Kontakt zur Bauträgerfirma Krämmel und Sachers auf, ein Betrieb, der sich 1948 in Geretsried angesiedelt hatte. Dort teilte man dem Volkswirt mit, dass sich der Termin halten lasse – wenn man die 40 mal 15 Meter große Halle aus Fertigteilen baut. Dafür war jedoch eine Baugenehmigung notwendig. Wartezeit: drei bis vier Monate. Mit Hilfe des damaligen Bürgermeisters Karl Lederer gelang es, die Halle ohne offizielle Genehmigung zu bauen. So konnte man tatsächlich die Zusage über die Lieferung von 30 Tonnen Tafelschokolade innerhalb von drei Monaten einhalten. Mit dem Anlauf der Produktion kam auch die offizielle Baugenehmigung für die neue Fertigungshalle.

Akkordarbeit: für einen Großauftrag: In einer neuen Produktionshalle aus Fertigteilen stellten die Mitarbeiter Tafelschokolade für die Aachener Schokoladenfabrik Trumpf her. Kneisl hielt seine Zusage und lieferte 30 Tonnen innerhalb von drei Monaten.

Alle Produktionsschritte erfolgten in Geretsried: Die Kakaobohnen wurden gereinigt, geröstet und zu Kakaomasse verarbeitet. Manchmal lagen den Bohnensäcken aus dem Senegal Grüße der afrikanischen Arbeiter mit kleinen Geschenken wie Holzkettchen bei. Die Zahl der Mitarbeiter lag bei etwa 100. Bis Ende der 1960er Jahre stellte die Fabrik ein vielfältiges Süßwarensortiment her.

Mit dem Wirtschaftswachstum entwickelte sich auch das Angebot der Industrie auf dem Süßwarenmarkt. Wieder musste sich Kneisl an die neuen Gegebenheiten anpassen – mit Spezialisierung und Lohnaufträgen für große Firmen wie Mauxion, Waldbauer, Stollwerk, Eszet, Sprengel und Gubor. 1973 stieg mit Hilmar Kneisl (Sohn von Dr. Walter Kneisl) und Michael Kneisl (Sohn von Wilfried Kneisl) die vierte Generation ins Unternehmen ein. In jenem Jahr richtete sich die Fabrik endgültig neu aus: Man kreierte Schokofrüchte – bis Ende der 1980 Jahre ein absolutes Erfolgsprodukt.

Knusperhäuschen ist geblieben

Mit dem Ende der DDR 1989 begann auf dem Süßwarenmarkt ein harter Preis-kampf, der auch die Firma Kneisl traf. Drei Jahre zuvor war das Rösten der Kakaobohnen in Geretsried wegen Geruchsemissionen verboten worden. Die Kakaomasse musste – zwar nach Rezepten der Firma Kneisl hergestellt – von auswärts bezogen werden. Hinzu kamen zunehmend behördliche Auflagen.

Innerhalb der Familie fand sich kein Mitglied, das die Firma weiterführen wollte. Deshalb wurde sie 1996 an den Süßwarenriesen Gubor verkauft. Mit der Schließung übernahm der Hersteller Eybel aus Waakirchen das Knusperhäuschen, das sich seit 2009 an der Sudetenstraße befindet. Das ehemalige Fabrikgelände wurde mit Wohnhäusern bebaut.

Quelle

In der Reihe „Geretsrieder Hefte“ hat der Arbeitskreis Historisches Geretsried im Jahr 2010 ein eigenes Heft über die Industriepioniere herausgebracht. Mit freundlicher Unterstützung der Autoren Werner Sebb und Friedrich Schumacher veröffentlichen wir einzelne Kapitel aus der inzwischen vergriffenen Publikation.

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