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Angeklagt: Sieber-Boss Dietmar Schach.

Amtsgericht Wolfratshausen

Sieber-Prozess: Milder Schuldspruch

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Dietmar Schach (52), Ex-Chef der Geretsrieder Großmetzgerei Sieber, ist mit einem relativ milden Urteil davongekommen. Das Amtsgericht Wolfratshausen stufte sein Handeln nur als fahrlässig, nicht als vorsätzlich ein. 

Geretsried/Wolfratshausen - Wer gegen einen Strafbefehl Einspruch einlegt, geht ein Risiko ein. Es ist nämlich durchaus möglich, dass bei der Verhandlung eine höhere Strafe herauskommt. Für Dietmar Schach hat sich das Risiko gelohnt, den Strafbefehl über 150 Tagessätze à 15 Euro nicht zu akzeptieren. Denn: Helmut Berger, Richter am Wolfratshauser Amtsgericht, qualifizierte das Handeln des Ex-Unternehmers im Zusammenhang mit dem hochgradig listerienverseuchten Wammerl nur als fahrlässig, nicht als vorsätzlich ein. Außerdem verurteilte er den Stockdorfer lediglich zu 60 statt der ursprünglichen 150 Tagessätze à 15 Euro.

Im Kern konnte Berger dem Angeklagten nur eines vorwerfen: „Sie haben in Ihren Bemühungen im Kampf gegen die Listerien irgendwann nachgelassen“, sagte er in der Urteilsbegründung. Dass Schach als großer Zulieferer von Lidl, Aldi und Co. das Risiko eingegangen wäre, verdorbene Ware in Umlauf zu bringen, erklärte Berger für unglaubwürdig: „Für so verrückt halte ich Sie nicht.“ Zu berücksichtigen waren nach Ansicht des Richters auch die fatalen Folgen des Wammerlfunds. „Das staatliche Handeln hat den Angeklagten ruiniert.“ Schach hat nach eigener Auskunft drei Millionen Euro Schulden.

Der Staatsanwalt hatte zuvor aus der eineinhalbtägigen Beweisaufnahme noch ganz andere Schlussfolgerungen gezogen. Er sah sich in der Annahme bestätigt, dass der Sieber-Boss ein Risiko für die Gesundheit der Verbraucher billigend in Kauf genommen hatte. Dafür sprach nach seiner Ansicht eine Reihe von Listerienfunden auf Sieber-Produkten seit dem Jahr 2013, als erstmals belastete Debreziner auftauchten. Dies habe Schach Mitarbeitern gegenüber verheimlicht. Auch den Behörden habe er nichts davon mitgeteilt, obwohl er laut Zoonose-Verordnung dazu verpflichtet gewesen wäre. Der Staatsanwalt forderte 180 statt der ursprünglichen 150 Tagessätze.

Schachs Verteidiger Andreas Meisterernst plädierte auf Freispruch. Er machte geltend, dass Schach alles nur Erdenkliche unternommen habe, um die Listerienproblematik in den Griff zu bekommen. „Man kann von Lebensmittelherstellern nichts Unmögliches verlangen“, sagte er. Das im März 2016 aus dem Verkehr gezogene Wammerl mit exorbitanten Listerienwerten sei ein „Ausreißer“ gewesen. Dass Schach seinen Mitarbeitern nicht immer alles gesagt habe, sei sein gutes Recht. „Er war der Chef.“

Auch in Sachen Kommunikation konnte Berger beim Angeklagten keine großen Verfehlungen erkennen. Dass so etwas wie eine Zoonose-Verordnung überhaupt existiert, ist nämlich auch in der Branche nicht allgemein bekannt. Sogar ein Lebensmittelkontrolleur des Landratsamts hatte zugegeben, sie lange nicht gekannt zu haben.

Ob eine der Parteien gegen das Urteil Einspruch einlegt, wird sich im Laufe der kommenden Woche zeigen, so lange läuft die Frist. Sowohl die Staatsanwalt als auch die Anwälte von Dietmar Schach Schach wollen sich zunächst beraten. Der Ex-Unternehmer selbst zeigte sich etwas erleichtert: „Für mich geht der erste Teil einer Reise zu Ende“, sagte er. Der zweite Teil ist die Schadensersatzklage der Sieber-Gläubiger gegen den Freistaat Bayern. Sie beläuft sich auf mehr als zehn Millionen Euro.

Den Prozess im Newsblog können Sie hier nachlesen

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