Pfarrvikar Thomas Barenth (li.) am Altar vor der Dorfschmiede.
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Segen zu Silvester: Hier ein Archivfoto mit Pfarrvikar Thomas Barenth (li.) am Altar vor der Dorfschmiede.

Brauchtumsgruppe

Silvester ohne Segen: Wegen Corona fällt der traditionelle Umritt aus

  • Susanne Weiss
    vonSusanne Weiss
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Jedes Jahr beginnt der 31. Dezember mit dem Silvesterritt in Gelting. Über 100 Reiter mit ihren Pferden nehmen daran teil. Heuer fällt er erstmals aus.

Gelting – Silvester in Gelting ist ein besonderer Festtag. Er beginnt früh im Stall, die Pferde werden gewaschen und geschmückt. Nach einem Silvesteramt in St. Benedikt umrunden die Rösser die katholische Kirche und erhalten den Segen. Anschließend treffen sich die Teilnehmer zum Weißwurstessen im Theatersaal. „Es ist immer eine schöne Sache“, sagt Markus Wirtensohn von der Brauchtumsgruppe, die den Umritt alljährlich organisiert.

In diesem Jahr legt die Tradition eine Zwangspause ein, der 31. Dezember wird ohne Silvesterritt in Gelting vergehen. „Wir haben schon Anfang November entschieden, dass wir es heuer nicht machen können“, sagt Wirtensohn. Es seien ja nicht nur die Reiter mit ihren Pferden unterwegs, im Hintergrund brauche es immer viele helfende Hände. „Wir sind alle traurig, aber irgendwann wird es wieder gehen.“ Die Brauchtumsgruppe jedenfalls halte die Tradition hoch, so der 44-Jährige. „Ich hoffe, sie wird den nächsten Generationen erhalten bleiben. Das wäre ein Traum.“

„Silvester war immer schon ein Feiertag für uns.“

Wirtensohn selbst war schon als kleiner Bub beim Silvesterritt dabei, heute betreut er die zahlreichen Teilnehmer. „Silvester war immer schon ein Feiertag für uns.“ Besonders freue ihn, dass auch seine Kinder Freude an der Tradition hätten. Sein Opa habe sich bereits am Silvesterritt beteiligt, als es die Brauchtumsgruppe noch gar nicht gab. Sie übernahm die Organisation mit ihrer Gründung im Jahr 1975. Seitdem findet der Umritt durchgehend statt – bis auf dieses Jahr.

Umritte gibt es jedoch schon viel länger. Wann der erste zu Ehren des heiligen Papst Silvester als bäuerlicher Schutzpatron stattfand, ist nicht überliefert. Dem Geltinger Heimatbuch zufolge gibt es Hinweise auf einen Zusammenhang mit dem Jahr 1630, in dem das Augustiner-Chorherrenstift Beuerberg einen Bittgang zum Fest Mariae Heimsuchung gelobte. Damals soll eine Rinder- und Pferdeseuche grassiert haben. Viele Zugtiere starben, sodass die Äcker nicht bestellt werden konnten.

Fest steht, dass sich regelmäßig am Silvestertag Geltinger mit ihren Pferden zum Jahresausklang getroffen haben. Die Kirche stand dabei mal mehr oder weniger im Vordergrund. Mitunter soll eine „wilde Reiterei“ daraus geworden sein, heißt es im Heimatbuch. 1910 erbaten der Gaderbauer Josef Hack und Hilfslehrer Fritz Leidl beim Wolfratshauser Pfarrherrn einen Pferdesegen für den Umritt am Silvestertag. Nach Unterbrechungen durch den Zweiten Weltkrieg und das Wirtschaftswunder – dank Traktoren war man nicht mehr so sehr auf Pferde angewiesen – wurde der Brauch immer wieder erneuert.

Der Silvesterritt in Bildern: Da die Tradition in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen muss, hier eine Impression aus den vergangenen Jahren. Besonderen Wert legt die Brauchtumsgruppe auf festliche Kleidung und schön hergerichtete Pferde. Hier Bürgermeister Michael Müller (re.) und Stadtrat Franz Wirtensohn hoch zu Ross.

Inzwischen zählt die Brauchtumsgruppe konstant über 100 Teilnehmer am Silvesterritt. In den 1980er Jahren seien es sogar über 200 Mitwirkende gewesen, sagt Markus Wirtensohn. Daher führt der Umritt nicht mehr wie anfangs direkt um die Kirche über den Friedhof, sondern über die umliegenden Straßen.

Hin und wieder war auch ein Esel dabei

Traditionell reiten vorneweg die Fahnenabordnung, die Bürgermeister und Pfarrer. Ihnen folgen der Reihe nach Kaltblüter, Haflinger, Warmblüter und Ponys. Hin und wieder geht auch ein Esel mit. Wichtig ist der Brauchtumsgruppe ein festlicher Charakter. „Wir bitten immer um geschmückte Pferde. Eine Indianerverkleidung wäre unerwünscht, aber wir mussten noch nie jemanden rausnehmen.“

Auch Kutschen gibt es beim Silvesterritt nicht. „In einem Jahr saß der Pfarrer in einer Kutsche, aber das ist nicht gut angekommen“, erinnert sich Wirtensohn. Daher habe die Brauchtumsgruppe festgeschrieben, dass nur geritten wird. Kommen darf aber jeder. „Es sind richtige Freundschaften entstanden“, sagt der Geltinger über die Teilnehmer unter anderem aus Mittenwald, dem Schwäbischen oder dem Ostallgäu. „Wenn bei denen etwas ist, fahren wir auch dorthin.“

Bürgermeister halten Tradition hoch

Der Verein schätzt sehr, dass bislang jeder Bürgermeister mitgeritten ist. „Manche saßen noch nie vorher auf einem Pferd, da haben wir uns vorher zum Proberitt getroffen“, so der 44-Jährige. Und natürlich habe die Brauchtumsgruppe besonders brave Pferde für die Kommunalpolitiker organisiert. „Passiert ist Gott sei Dank nie etwas.“

Michael Müller sei schon mitgeritten, als er noch kein Bürgermeister war. Auch sein Stellvertreter Gerhard Meinl sei immer „mit Herzblut“ dabei – auf einem der belgischen Kaltblüter, die die Brauereiwagen zum Oktoberfest ziehen. Geltings heimlicher Bürgermeister Franz Wirtensohn und weitere Stadträte beteiligen sich ebenso jedes Jahr. „Wir sind froh, dass sie den Silvesterritt so schätzen.“

Dass heuer keine Pferdesegnung möglich ist, findet Markus Wirtensohn „schade, aber es hilft nichts“. Als Besitzer von fünf Rössern, die ohnehin bewegt werden müssen, werde er am Silvestermorgen vermutlich mit seinen Kindern einen Ausritt machen. „Und anschließend werden wir im Familienkreis Weißwürste kochen.“ In der Hoffnung, dass dies bald wieder in großer Runde möglich sein wird.

sw

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