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Die Autos kommen in die Tiefe, damit in der „Neuen Mitte“ Platz für Leben ist. Während am Karl-Lederer-Platz gebaut wird, können Bürger überlegen, wie die Oberfläche später einmal aussehen soll.

„Geretsried braucht ein Zentrum.“

So soll die „Neue Mitte“ aussehen: Bürgermeister Michael Müller im Interview

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Am Karl-Lederer-Platz wird großräumig gebaggert. Heuer können Bürger bei der Oberflächengestaltung an Karl-Lederer-Platz und Egerlandstraße mitreden. Parallel dazu plant die Stadt einen Ideenwettbewerb für Architekten. Im Interview spricht Bürgermeister Michael Müller über seine Gedanken zur Zentrumsgestaltung.

Herr Müller, die Baustelle am Karl-Lederer-Platz ist inzwischen ganz schön gewaltig. Wenn Sie aus dem Rathaus gehen, können Sie sich vorstellen, wie die „Neue Mitte“ mal aussehen soll?

Michael Müller: Langsam nicht mehr. Neulich hab’ ich ganz alte Bilder gesehen – vor dem Umbau des Platzes mit der vierspurigen Egerlandstraße und dem Fußgängerüberweg bei der damaligen Post. Selbst das hab’ ich mir nicht mehr vorstellen können. Langsam beginnt ein neues Bild zu entstehen, das muss langsam wachsen. Es ist eine Veränderung, aber auch eine qualitative Verbesserung.

Also ist die Umgestaltung auch für Sie gewöhnungsbedürftig?

Michael Müller: Natürlich muss man sich an Veränderungen gewöhnen, an veränderte Blickwinkel und Blickachsen.

Auch wenn Sie es sich gerade nicht gut vorstellen können, haben Sie ja eine Vision für die „Neue Mitte“. Wie sieht die aus?

Michael Müller: Geretsried braucht ein Zentrum. Wo die Menschen hingehen können, wo man sich treffen kann, sich begegnet, Einkäufe erledigt, zum Arzt geht, sich einfach zum Kaffee trifft, an einem Brunnen sitzt, die Kinder spielen, sich vielleicht auch ein Museum anschaut oder ein Kunstwerk. Wo die Menschen sagen können, hier ist das Herz, die Mitte Geretsrieds.

Das heißt konkret?

Michael Müller: Ein von Gebäuden umfasster Raum, den wir Zentrum nennen. Die Gebäude erfüllen viele unterschiedliche Funktionen: Einkaufen, Handel, Ärzte, Versorgung, aber auch Kultur, Bücherei, VHS, Rathaus, Gaststätte, Café und vieles mehr. Wir brauchen viele Menschen, die dorthin gehen, also auch die Möglichkeit haben, dorthin zu kommen und zu parken. Alle diese Funktionen sind durch den öffentlichen Raum verbunden – es braucht Begegnungsplätze mit Aufenthaltsqualität und eine Abfolge von Plätzen, so wie sie Städte, die über Jahrhunderte gewachsen sind, natürlich ausgebildet haben. Auf einem großen Parkplatz, wie wir ihn hatten, kann keine Begegnung stattfinden.

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Wobei ja auch viele Menschen Angst haben, dass es den Karl-Lederer-Platz in seiner Größe nicht mehr für Veranstaltungen geben wird.

Michael Müller: Was dabei nicht bedacht wird: der Stadtraum, die Neue Mitte, erstreckt sich von der Egerlandstraße bis zur Böhmwiese. Durch die Verlegung der Bundesstraße 11 ergibt sich eine völlig neue Dimension. Das Rathaus soll künftig die Mitte sein, noch sind wir am Rand. Deswegen fürchte ich mich nicht, wenn jemand sagt, der Platz wird kleiner.

Wann wird die B 11 denn verlegt?

Michael Müller: Wir sind jetzt immer von fünf bis sieben Jahren ausgegangen. Hoffentlich findet die Umsetzung des Bundesverkehrswegeplanes jetzt auch bei der neuen Regierung die notwendige Priorisierung. Der Koalitionsvertrag sieht das vor, und wir hoffen auf eine baldige Umsetzung. Man muss aber sehen, dass solche Infrastrukturprojekte leider auch Zeit brauchen. Das quält uns alle immer ein bisschen. Die Stadt hat es nicht in der Hand, wir setzen uns aber beim Straßenbauamt für eine schnelle Realisierung ein.

Können Sie nochmals zusammenfassen, warum Geretsried die „Neue Mitte“ braucht?

Michael Müller: Geretsried ist als junge Stadt mit der Entstehung aus den Trümmern der Rüstungswerke niemals in der Lage gewesen, eine jahrhundertelange Stadtentwicklung mitzumachen. Sie ist relativ schnell gewachsen. Ein immer wieder empfundener Mangel in Geretsried ist, dass eine klar definierte Innenstadt, in der sich alle wichtigen Funktionalitäten finden, die so eine Stadt braucht und haben möchte, fehlt. Alles ist im Stadtgebiet verstreut. Wir wollen die Streulage des Handels und der kulturellen Angebote einsammeln und konzentrieren, um ein Herz der Stadt zu haben.

Wie zum Beispiel in ...

Michael Müller: Rothenburg. Da gibt es den Marktplatz, auf dem man den Kaiser empfangen, aber auch den Henker hingestellt hat. So ein Stadtplatz, auf dem sich alles Wichtige abgespielt hat, fehlt in Geretsried. Was auch fehlt, ist eine Stadtidentität und ein Stadtbezug. Rothenburg als freie Reichsstadt, Lübeck als die Handelsstadt, Hamburg als die Hafenstadt, Salzburg als Residenzstadt. In Geretsried haben wir uns aus den Vertreibungsgebieten über die Landsmannschaften identifiziert. Für meine Kinder ist das nicht mehr so wichtig. Auch wenn unsere Entstehungsgeschichte natürlich nicht vergessen werden darf, müssen wir für uns definieren: Was sind wir denn?

Eine Kulturstadt?

Michael Müller: Zum Beispiel. Diese Frage haben wir noch nicht ausdiskutiert. Was macht Geretsried aus? Was ist typisch für Geretsried? Was ist identitätsstiftend für unsere Stadt? Diese Debatte um unsere kulturelle Identität haben wir noch nicht geführt. Auch deswegen habe ich die Veranstaltungen in den Stadträumen initiiert („Dein Geretsried – Dialog direkt“ im April; d. Red.). Schließlich ist es nicht das Zentrum alleine. Die vier verschiedenen Stadträume – Gartenberg, Geretsried, Stein, Gelting – haben alle den Wunsch, auch vor Ort urbane Strukturen zu haben. Solche individuellen Fragen gilt es zu einer gemeinsamen Stadtentwicklung zusammenzuführen.

„Wir wollen die Streulage des Handels und der kulturellen Angebote einsammeln und konzentrieren, um ein Herz der Stadt zu haben“, sagt Bürgermeister Michael Müller im Interview mit Redakteurin Susanne Weiß. Hinten: Thomas Loibl, Pressereferent der Stadt.

Sie haben es vorhin erwähnt: Bücherei, Archiv und VHS sollen in die „Neue Mitte“ kommen. Wohin denn genau?

Michael Müller: Um das Rathaus herum. Es soll ja das Herz der „Neuen Mitte“ sein. Wie wir das am besten umsetzen, müssen wir uns gut überlegen. Um eine breite Ideenfindung zu haben, wollen wir einen Ideenwettbewerb anstoßen. Dadurch können wir die bestmöglichen Lösungsvorschläge und in einem vielschichtigen Diskussionsprozess eine bestmögliche Entwicklungsidee für diese kulturelle Mitte um das Rathaus als zentralen Punkt der Stadt finden. Ob das eher angedockt sein oder mehr wie ein Campus gestaltet wird, ist völlig offen.

Wie läuft der Ideenwettbewerb ab?

Michael Müller: Jetzt gerade arbeiten die Fachabteilungen im Rathaus an präzisen Vorgaben. Dabei geht es um die nötige Vergrößerung der Verwaltung und des Museums, aber auch um Anforderungen: für eine Bücherei, Galerie, Kunst, Kulturraum, die Gaststätte mit der Bühne. Innerhalb dieses vorgegebenen Rahmens gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Bauwerke zu strukturieren, anzuordnen und zu gestalten. Dazu werden bestimmte Architekturbüros ausgesucht, die Vorschläge erarbeiten sollen. Am Ende entscheidet eine Jury darüber.

Über welchen Zeitraum sprechen wir da?

Michael Müller: Wir bereiten jetzt die Grundlagen vor und wollen bis zur Jahresmitte soweit fertig sein, dass wir den Ideenwettbewerb anstoßen können.

Wie können sich die Bürger an diesem Ideenwettbewerb beteiligen?

Michael Müller: Jetzt muss man unterscheiden: Im Juni haben wir die Bürgerbeteiligung für Karl-Lederer-Platz und Egerlandstraße, wobei es um die Gestaltung des Platzes geht. Wie schaut die Oberfläche aus, wo ist Grün, wo ist Parkbank, wo plätschert der Bach. Dabei gibt es natürlich Vorgaben, etwa die räumliche Dimensionierung und dass es eine Tiefgarage gibt.

Ist die Kulturmeile auch so eine Vorgabe?

Michael Müller: Die Idee ist verknüpft mit der Kulturpreisverleihung, für die wir einen Wettbewerb ausloben, bei dem ein Kunstwerk mit Bezug zu Geretsried in Klein als Preis und in Groß für den öffentlichen Raum entstehen soll. Dafür stehen im Jahr 100.000 Euro zur Verfügung, einige Skulpturen haben wir schon. Wir wollen sie vom Museum bis zur Petruskirche platzieren und dadurch Geschichte und Identität der Stadt in Form von moderner Kunst abbilden, darstellen, erlebbar machen. Das ist aber nur eine Grundidee, keine abschließende Vorgabe. Sollte sich daraus noch eine bessere Idee entwickeln – gerne.

Michael Müller: Nochmals zurück zur vorherigen Frage: Hängen die Planungswerkstatt für Karl-Lederer-Platz und Egerlandstraße und der Ideenwettbewerb für den Rathausumgriff in irgendeiner Weise zusammen?

Sie greifen ineinander, es sind aber unterschiedliche Prozesse. Das eine ist ein konkreter Gestaltungsprozess – überspitzt gesagt, wo kommt eine Parkbank, wo ein Blumentopf hin. Das andere ist die Frage, ob wir einen größeren Veranstaltungsraum oder eine Bowlingbahn wollen. Natürlich wird sich aber das, was an Karl-Lederer-Platz und Egerlandstraße gestalterisch entschieden wird, in irgendeiner Form fortsetzen.

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Für den Ideenwettbewerb sind im Haushalt 130 000 Euro eingeplant. Warum haben der Stadtrat und Sie sich dafür entschieden? Und warum jetzt, da die Bauarbeiten im Zentrum schon begonnen haben?

Michael Müller: Das sind zwei unterschiedliche Sachen. Die Bauvorhaben für die Wohn- und Geschäftshäuser Puls G und Centrum 20 sind private Investments, genauso wie an der Egerlandstraße: Auch die Baugenossenschaft will keinen Architektenwettbewerb mehr machen, weil sie schlechte Erfahrungen damit gemacht hat. Der Stadtrat hat dort aber über den vorhabenbezogenen Bebauungsplan Einfluss genommen. Das Rathaus hingegen ist als öffentliches Gebäude anders zu sehen. Hier stellen wir uns ganz bewusst diesem Ideenwettbewerb.

Beim Ideenwettbewerb geht es auch um eine Rathauserweiterung. Warum ist das Rathaus denn zu klein?

Michael Müller: Die Anforderungen steigen – unter anderem im Datenschutz- und IT-Bereich, aber auch in Verwaltungsumfang und -aufwand. Wir haben erhebliche Bauvorhaben und müssen das Bauamt erweitern. Dadurch und durch steigende rechtliche Anforderungen haben wir eine Stellenmehrung. Wir müssen unseren Mitarbeitern optimale Arbeitsbedingungen bieten und gleichzeitig den Bürgerservice optimal ermöglichen.

Wie könnte der Umbau aussehen?

Michael Müller: Das ist genau die Frage hinsichtlich der Vorgaben, die man macht, und welche Ideen man einsammelt. Ich denke, wir werden den historischen Teil des Rathauses in seiner Fassade unberührt lassen wollen. Das ist eines der wenigen Gebäude, mit denen man Geretsried verbindet. Es soll nicht verschandelt oder umgestaltet werden. Aber Erweiterungen und sinnvolle Modernisierungen müssen möglich sein. Es ist ein lebendes Haus, das auch den modernen Anforderungen der Verwaltung genügen muss. Ich kann mir vorstellen, dass man zum Beispiel das Karree im Hof bebaut.

Sie haben außerdem von einem größeren Veranstaltungsraum gesprochen. Was wird dann aus den Ratsstuben?

Michael Müller: Wir halten natürlich daran fest. Die Veranstaltungshalle ist ja ein kultureller Mittelpunkt. Wir müssen so ein Angebot vorhalten und wollen das auch. Nach 40 Jahren müssen wir uns aber natürlich überlegen, wie wir den Ratsstubensaal renovieren und gestalten.

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