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Vier Geretsrieder Schlara ffen: (v. li.) Ritter Ursulus (Kantzler), Ritter Sch(l)auspieler (Oberschlaraffe des Inneren), Ritter G´stanz (Oberschlaraffe des Äußeren) und Ritter Syngthetix (Oberschlaraffe der Kunst) alias Werner Sebb.

Vereinsleben

Das Spiel der beinahe Unsterblichen

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Wer ein Schlaraffe ist, hat ein eigenes, frauenloses Reych, viel Spaß – und ein langes Leben.

Geretsried– Der Sexist würde sagen: Ein Reich ohne Frauen – das kann nur das Schlaraffenland sein. Natürlich aber stand dieser Grundgedanke nicht Pate, als ausschließlich männliche Schauspieler, Musiker und Dramaturgen des Deutschen Theaters in Prag am 10. Oktober 1859 das erste Schlaraffen-Reych gründeten. „Protest war ihr Antrieb“, sagt Werner Sebb, einer der drei Oberschlaraffen der 1969 gegründeten Geretsrieder Ortsgruppe „Im Isarwinkl“.

Die Gründerväter nämlich hielten den adligen Snobs der Künstlervereinigung Arcadia,die Nicht-Aristokraten hartnäckig den Zutritt verweigerte, den Spiegel vor, indem sie das Rittertum persiflierten: Sprache, Anrede, Hierarchie und Kleidung der Schlaraffen – alles ist Parodie. Die „Burg“ ist das Vereinslokal, eine „Sippung“ die wöchentliche Zusammenkunft (zwischen 1. Oktober und 30. April), der „Sasse“ ein Mitglied, „Quell“ das Bier, „Lethe“ der Wein. Und erst die Namen: Werner Sebb ist Ritter Syngthetixder Weis(s)gestalter. Wer weiß, dass der 78-Jährige einen Chor leitet und einst in der Chemiebranche, Fachgebiet Bleichmittel, arbeitete, kann sich das erschließen.

Von Böhmen aus eroberten die bedingungslos deutschsprachigen Schlaraffen erst Europa und dann den Globus, im Schlaraffen-Latein „Uhuversum“ genannt: 438 Reyche weltweit waren es in der Spitze, aktuell sind es etwa 260. „Im Dritten Reich und im Kommunismus verschwanden einige“, sagt Sebb. Die Herrschenden mit feinem Spott zu überziehen, das kam in totalitären Regimen nicht gut an. Heute betrachten sich die Schlaraffen offiziell als eine Vereinigung von honorigen Männern zur Pflege von Freundschaft, Kunst und Humor und treiben ihr schlaraffisches Spiel. Sebb: „Was wir da machen, ist nicht ernst zu nehmen.“

Schlaraffe wird man nicht von sich aus. Ein Schlaraffe, der so genannte Pate, muss einen dazu einladen. Wenn es dem Prüfling in der Folge gelingt, die Sassen mit „Fechsungen“(selbstverfasste poetische, musikalische oder humorige Vorträge) zu erfreuen und überdies einige Prüfungen zu bestehen, wird er erst Knappe, dann Junker – und erhält irgendwann den Ritterschlag. Das Reych Isarwinkl, zu Hause in einem Keller an der Sudetenstraße 65, beherbergt zurzeit 24 Sassen – der jüngste 35, der älteste 86. „Wir waren schon mal herunten auf 18“, sagt Sebb, aber es geht langsam aufwärts. „Es kommen wieder Junge nach.“ Das gilt fürs gesamte Oberland: Reyche existieren in Garmisch, Miesbach, Tegernsee und Weilheim. Gegenseitige Besuche, „Ausritte“ genannt, sind nicht selten. Die Themen Religion, Politik und Geschäft klammern die Schlaraffen an ihren Abenden übrigens konsequent aus. Sie wollen ja Spaß haben.

Eine Sippung splittet sich auf in den offiziellen, streng nach den Regeln abgehaltenen Teil und jenen, der den Sassen jede gestalterische Freiheit lässt. Zwischen beiden liegt immer eine „Schmuspause“. Warum die so heißt, weiß Sebb „selber nicht“ und schmunzelt: „Frauen haben wir ja nicht dabei.“ Warum nicht mit dieser Tradition brechen? Kommt für Sebb „nicht in Frage“. Da versteht selbst der humorigste Schlaraffe keinen Spaß. „Womöglich waren unsere Ahnen damals der Meinung, dass Damen nur Unruhe reinbringen.“ Immerhin – das erlaubt das umfangreiche Regelwerk – „sind unsere Partnerinnen zu zwei Veranstaltungen im Jahr eingeladen“. Ein Dank für die lange Leine übers Winterhalbjahr muss sein.

Vielleicht bringt der ansonsten eiserne Ausschluss der holden Maiden den Herren einen nicht zu unterschätzenden Mehrwert: Laut Sebb haben Schlaraffen, „das ist statistisch belegt“, eine um fünf bis sechs Jahre höhere Lebenserwartung als der Rest der deutschen Männer. Ein Macho, wer Böses dabei denkt.

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