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Applaus, Applaus: Zum zwölften Mal hielt Ludwig Schmid alias Bruder Barnabas beim Starkbierfest der Gartenberger Bunkerblasmusik die Fastenpredigt.

Zwischen Steckerleis und Flüchtlingsnot

Starkbierfest Geretsried: Barnabas sagt ernste Worte

Geretsried – Zweimal ausverkaufter Saal, zweimal beste Stimmung beim Politikerderblecken in bewährt bissiger Art. Doch auch ernstere Töne schlug Ludwig Schmid alias Bruder Barnabas beim zwölften Starkbierfest der Gartenberger Bunkerblasmusik am Freitag und Samstag an.

Starkbierfest in Geretsried 2016: Die Bilder

Einen Sack voll Altlasten schleift Ludwig Schmid beim Einzug in die Ratsstuben hinter sich her. Nacheinander wird er in seiner Fastenpredigt eine Badekappe für das immer noch nicht gebaute interkommunale Schwimmbad, ein Steckerl-eis für den dachlosen Eissportclub, eine tröpfelnde, fast leere Wasserflasche für das gescheiterte Geothermieprojekt und eine Spielzeugeisenbahn, die wohl keiner Erklärung bedarf, auspacken. Das Marilyn-Monroe-Foto steht für Alt-Bürgermeisterin Cornelia Irmer.

Es gibt alte Themen, aber auch neue

Neue Themen, über die sich der Bäcker im Mönchsgewand lustig machen kann, gibt es freilich auch. Die Gewerbesteuererhöhung zum Beispiel. Schmid vergleicht die bisherigen 320 Prozentpunkte mit einem Hellen, die aktuellen 380 mit einem Salvator. Letzterer mache schneller prall, verursache aber bei manchem Schädelweh. Ätzenden Spott wegen seiner Stammtischauftritte muss Unternehmersprecher Jochen Pelz in dem Zusammenhang über sich ergehen lassen.

Bruder Barnabas (Ludwig Schmid) mit dem Steckerleis.

Mit der politischen Prominenz verfährt Bruder Barnabas ebenso wenig zimperlich. Bürgermeister Michael Müller wird an beiden Abenden vom Publikum ausgepfiffen. Der Grund: Er saß beim entscheidenden Klassenerhalt-Spiel der River Rats im Tölzer Eisstadion, um die Löwen anzufeuern, was Schmid genüsslich ausschlachtet. Der Rathauschef rechtfertigt sich nachher im Gespräch mit unserer Zeitung. Er sei von den Tölzer Stadtwerken schon Monate vor der Geretsrieder Abstiegskampf-Begegnung eingeladen worden. „Ich war in Sachen Energiewende Oberland unterwegs. Das ist auch wichtig“, sagt er etwas angefressen. Lachen kann er wiederum über die harmlosen Witze, die ihn als „gemütlichen, lustigen Hobbit“ mit eigenwilligem Kleidergeschmack darstellen.Versöhnlich merkt Schmid am Samstag an, dass Müller „lernfähig“ sei. Immerhin sei er zweimal in den Ratsstuben gekommen statt wie zugesagt am Freitag zum Starkbierfest in die Loisachhalle gegangen.

Die Streitigkeiten mit den Nachbarn nehmen breiten Raum ein

Breiten Raum nehmen an den beiden Abenden die Streitigkeiten in der Nachbarkommune ein. Ob Bürgerladen, Verkehrschaos, die Wlan-Hysterie des Grünen Dr. Hans Schmidt oder das Gezänk im Stadtrat – nichts lässt der Geretsrieder Prediger aus. Bürgermeister Klaus Heilinglechner findet’s am Ende „fast schon bedenklich“, dass die Loisachstadt offenbar mehr hergibt als die eigene. Freie-Wähler-Stadtrat Dominik Irmer schlägt deshalb vor, statt der Rede einmal ein Singspiel wie in Wolfratshausen auf die Beine zu stellen – „einfach mal zur Abwechslung“.

Die Lokalpolitiker amüsierten sich.

Dass Ludwig Schmid diesmal nicht ganz so viele Schenkelklopfer landet wie sonst, liegt auch daran, dass er sich an ernste Themen wagt. In der Debatte um Asylbewerber zeigt der 38-Jährige Fingerspitzengefühl. Es gelte eine Balance zu finden zwischen gesundem Menschenverstand und Menschlichkeit, sagt er. Nicht jeder Flüchtling sei ein Depp oder Grattler, nicht jeder Depp oder Grattler ein Flüchtling. Scharf verurteilt der Geretsrieder Geschäftsmann rechte Parolen wie die der AfD, die nächsten Samstag eine Kundgebung auf dem Neuen Platz plant („Die san mit ihre Ansichten so ungefähr knapp 80 Jahre hinterher“), prangert aber genauso Vandalismus durch Jugendliche an. Bei allem schwingt eine gehörige Portion Lokalpatriotismus mit, etwa wenn der gebürtige Geretsrieder einräumt, die zerstörten Brunnenfiguren am Karl-Lederer-Platz würden von einigen als „greislig“ bezeichnet: „Des mag ja sein, aber es san unsere Figuren. Echte Geretsrieder.“

Dass sich in der Kunst über Geschmack streiten lässt, musste auch Münsings Bürgermeister Michael Grasl erfahren. Er bekommt sein Fett weg wegen des vom Gemeinderat beschlossenen Badewannen-Loriot-Denkmals, das einigen Kulturvertretern kitschig erscheint. Der Münsinger Rathauschef, der an dem Abend traditionell mit seiner Tuba die Bunkerblasmusik verstärkt – ebenso wie Landrat Josef Niedermaier, der „interkommunale Turnhallenbettler“, der ein Gastspiel auf der Klarinette gibt – nimmt’s mit Humor.

Der Running-Gag ist das Sammelkörbchen

Der Running-Gag des zwölften Starkbierfests ist Schmids Sammelkörbchen, das er zu Beginn herumgehen lässt und auf das er immer wieder hinweist. „Des ist für die Betriebskosten“, frotzelt er in Anspielung auf die selbigen, die fürs interkommunale Hallenbad anfallen und von allen Umlandgemeinden mitgetragen werden sollen. Doch keine Angst: Die Fünf-Euro-Scheine und Münzen, die sich im Laufe des Abends in dem Spendenbehältnis ganz hübsch stapeln, müssen weder für den Schwimmbadbetrieb herhalten noch will sich Bruder Barnabas als katholischer Geistlicher selbst an dem Geld bereichern. „Des tuat de Musik nacha in Getränke anlegen“, erklärt Schmid.

Dem Publikum am Samstag hat die Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit, aus internem Spott und Blick über den Tellerrand, aus Zuckerbrot und Peitsche für die versammelte Politprominenz gefallen. „Geretsried legt allmählich seinen Ruf als reine Vertriebenenstadt ab und präsentiert sich selbstbewusst, auch hier am Starkbierfest“, finden Heide und Wilfried Kranz aus Dietramszell. Heinrich Smuda aus Geretsried bezeichnet die Predigt als „ausgewogen“, der ehemalige Kulturherbst-Organisator Günter Wagner meint, sie sei „ein bisserl schärfer als sonst“ gewesen, „aber des braucht’s auch“. Wolfratshausens Ex-Bürgermeister Helmut Forster ist vor allem Schmids Verbundenheit mit seiner Heimatstadt positiv aufgefallen, die dieser am Schluss noch mit einem großen „I love Geretsried“-Banner unterstrich. Forster: „Man merkt, dass ihm Geretsried am Herzen liegt. Das find’ ich gut.“

von Tanja Lühr

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