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Gott und die Welt

Statt zu gaffen: Anteilnahme und Nähe zeigen

Zum Stichwort Gaffen macht sich in unserer Reihe Gott und die Welt diesmal Georg Bücheler, evangelischer Pfarrer in Geretsried, Gedanken.

Geretsried – Attentat in Barcelona. Gegen 18 Uhr ertönt auf dem Smartphone das Zeichen für eine Video-Nachricht. Zu meinem Entsetzen war es das Video eines verrückten Gaffers auf den Las Ramblas. Jemand hatte es über Facebook weitergeleitet. Wieder mal viel zu spät gestoppt: Zutiefst widerlich und abstoßend die Bilder der Opfer in ihrer Not und ihrem Tod.

Strafrechtliche Drohungen halten offenbar nicht ab

Alle strafrechtlichen Androhungen scheinen Menschen von solchen Aufnahmen nicht abzuhalten. Denn Unglücksfälle unterhalten ja auch. Menschen schauen gern „vorbei“, wo etwas passiert, treten auf die Bremse für die Karambolage hinter der Leitplanke. Greifen zum Smartphone, um das Grausame festzuhalten. Menschen schauen zu im wohligen Schauer, weder Täter noch Opfer zu sein und doch etwas Schaurig-Schönes zu sehen. Und im Zeitalter moderner Medientechnik gehört das Verbreiten von eigenhändig aufgenommenen Bildern zum persönlichen Image.

Will man Bilder sehen, die einen nicht schlafen lassen? 

Mir fällt dazu die biblische Erzählung ein: Als man Jesus ans Kreuz genagelt hatte, standen auch Leute dabei. Abschreckung, auch Neugier auf ein Wunder. Die biblische Erzählung beunruhigt mich. Vielleicht, weil ich meine eigene Neugier kenne. Oder dieses hilflose Dabeistehen: Man kann nichts machen – aber wenigstens nicht weglaufen, sondern mit aushalten. Wenigstens so viel Anteilnahme und Nähe zeigen, weil mehr nicht geht. Solche Gefühle spielen dabei auch eine Rolle. Nur Zuschauer – oder böse gesagt nur Gaffer – die gibt es auch. 

Georg Bücheler: Evangelischer Pfarrer in Geretsried

Was will man da sehen? Bilder, die einen nachts nicht schlafen lassen? Man nähert sich dem Abgrund, vor dem man sich eigentlich fürchtet. Für manche hat das Gaffen auch etwas Beruhigendes: Mir kann das nicht passieren, mir ist es nicht passiert. Oder sogar Steigerung des Selbst-Bewusstseins nach dem Motto: Ich bin auch jemand. Ich kann davon berichten. Und sie stehen im Weg, glotzen, behindern die Helfer. Und dann wird das Sterben einer jungen Frau gefilmt, ins Netz gestellt.

Aggressive Gaffer sind weder erwachsen noch reif

Wie auch immer man dieses Verhalten psychologisch interpretieren kann, als Abwehr der eigenen Ängste, als Neid auf diejenigen, die zu helfen in der Lage sind oder denen die Hilfe zuteil wird, oder ein Verhalten, bei dem es um Beschämung und Entwürdigung geht. Es geht darum, nicht mitzumachen bei der Verbreitung solcher Tätlichkeiten, in Wort und Bild. Auch im eigenen Freundeskreis mit Mut ein solches Verhalten heftig zu kritisieren und abzuwehren. Es geht um Empathie und Respekt, und diese lernt man hoffentlich in frühester Kindheit, wenn Eltern ihren Kindern solches Verhalten nicht vormachen.

Aus der Traumpädagogik wissen wir: Aggressive Gaffer sind weder erwachsen noch reif. Sie agieren wie wütende Trotzmenschen mit dümmlichem Anstarren auf der Ebene sofortiger Triebbefriedigung, Schadenfreude und neidischer Gehässigkeit – häufig verbunden mit narzisstischer Sucht nach eigener Bedeutung, wenn Menschen in Gefahr sind. Im Duden steht für gaffen „mit dümmlichem Gesichtsausdruck etwas anstarren“. Der Gefühls-Analphabet sagt: „Geil, ich war dabei, als es Tote gab!“

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