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Symbolfoto: Arzt Bassam Alabiad findet in der Region einfach keine Anstellung.

Radioreportage

Syrischer Arzt kämpft um seinen Beruf

Geretsried - Seit drei Jahren begleitet Journalistin Julia Smilga den aus Syrien geflüchteten Arzt Bassam Alabaid,  der in der Region keine Anstellung findet. Jetzt bringt Bayern 2 eine Reportage darüber.

Die freie Hörfunkjournalistin Julia Smilga (44) aus Geretsried lernte Bassam Alabaid vor drei Jahren beim Einzug der ersten Flüchtlinge in die Asylbewerberunterkunft am Robert-Schumann-Weg kennen. Der damals 32-Jährige sprach perfekt Russisch, weil er sechs Jahre lang in der Ukraine Allgemeinmedizin studiert hatte. „Uns verbindet nicht nur die Sprache, wir sind auch beide Flüchtlinge“, sagt Smilga. Sie kam vor 20 Jahren als sogenannter jüdischer Kontingentflüchtling mit ihrer Familie aus Russland nach Deutschland. In dem knapp einstündigen Feature für den Bayerischen Rundfunk erzählt die Geretsriederin Bassams Geschichte mit Rückblenden zu ihrer eigenen.

Julia Smilga Die Journalistin kam vor 20 Jahren selbst als Flüchtling nach Geretsried. Foto: sh Jobangebot als TellerwäscherGeretsrieder ist kein Einzelfall

„Als ich 1997 nach Deutschland kam, war es für Zuwanderer aus Nicht-EU-Ländern kaum möglich, hier in ihren erlernten Berufen zu arbeiten. Lehrer waren als Verkäufer tätig, Ärzte als Altenpfleger.“ Smilga selbst gelang nach dem Studium der Musik und Kunstgeschichte eine Karriere nach ihren Vorstellungen. Ihre Mutter, eine Deutschlehrerin, fand keine Stelle; sie musste von Sozialhilfe leben.

Bei ihrer ersten Begegnung mit Bassam im Februar 2014 war Smilga sicher, der gut ausgebildete, hoch motivierte syrische Asylbewerber würde es hier besser haben. Sie dachte, Deutschland habe sich in den 20 Jahren grundlegend verändert. Es sei offiziell ein Einwanderungsland geworden, es gebe Anerkennungsgesetze für ausländische Qualifikationen. Auch Bassam glaubte, wenn er sich anstrengen und schnell gut Deutsch lernen würde, könnte er in ein bis zwei Jahren als Arzt in seiner neuen Heimat arbeiten. Er liebe diesen Beruf über alles, sagt er im Interview, und in Deutschland herrsche Ärztemangel. Seine Russisch- und Arabischkenntnisse würden gefragt sein.

Jobangebot als Tellerwäscher

Doch dann zeigt die Hörfunkjournalistin in ihrem Beitrag auf, welchen Hürdenlauf Bassam bis heute hinter sich hat. Der seit Juli 2014 anerkannte Syrer hat seinen Part erfüllt: Er hat im Turbogang und teils auf eigene Kosten innerhalb eines Jahres Deutsch gelernt, von null auf B2/ C1-Niveau. Er zog als erster Flüchtling aus der Asylbewerberunterkunft in eine eigene Wohnung, suchte von Anfang an eine Beschäftigung. Vom Jobcenter sei ihm eine Stelle als Tellerwäscher angeboten worden, für die gutes Deutsch nicht notwendig gewesen wäre, erzählt Smilga. Das sei Bassams bislang größte Niederlage gewesen.

Bis vor Kurzem arbeitete der Mediziner als Wachmann bei einem Münchner Unternehmen, schrieb aber weiterhin Bewerbungen für eine Praktikumsstelle an einem Krankenhaus. Denn ein praktisches Jahr in Deutschland ist Voraussetzung für die Anerkennung seines ukrainischen Diploms in Bayern. Allerdings verfügen die deutschen Krankenhäuser über solche Stellen gar nicht, es sei denn Bassam wäre Student. Er würde sich sogar an der Uni in einem höheren Semester einschreiben, sagt Smilga. Doch die Studienplätze für Medizin sind rar, und ob er mit 34 Jahren Bafög bekommen kann, ist nicht sicher. Einen Lichtblick gibt es: Zurzeit absolviert Bassam dank der Beziehungen eines ehrenamtlichen Helfers aus Geretsried zumindest für drei Monate ein Praktikum am Tölzer Krankenhaus.

Geretsrieder ist kein Einzellfall

Julia Smilga macht deutlich, durch welchen „Buchbinder Wanninger“-Behördenwahnsinn ein Flüchtling in Deutschland gehen muss, um in seinem Beruf arbeiten zu können. Wie viele Menschen – im Feature kommt sie auf etwa 60 – ihm zu helfen versuchten. Und wie er letztendlich an den bestehenden Regelungen scheitert. Laut der Radioreporterin ist Bassam kein Einzelfall. Etwa 150 syrische Flüchtlinge sind deutschlandweit in der gleichen Situation. Sie haben sich über Facebook verknüpft.

Hinter dem Klischee „syrischer Arzt“, das in der Flüchtlingsdebatte immer wieder als Symbol für den langersehnten, hochqualifizierten Zuwanderer herhalten muss, verbirgt sich also oft ein nahezu aussichtsloser Kampf mit der deutschen Bürokratie. „Jungen Asylbewerbern, die noch zur Schule gehen, wird es leichter gemacht. Auch Facharbeiter finden eher einen Job. Die Industrie- und Handelskammer zum Beispiel bemüht sich sehr um sie“, sagt Smilga. In ihrer Langzeitbeobachtung versucht die Geretsriederin zu dokumentieren, wann und wie Integration vor Ort tatsächlich funktionieren kann, und fragt, warum zwischen theoretischen Ideen und Wünschen von Politikern und dem realen Leben der Flüchtlinge in Deutschland noch große Lücken klaffen.

Sendetermine

Das Radiofeature „Vom Arzt zum Wachmann – Werdegang eines syrischen Flüchtlings in Bayern“ wird am Samstag, 17. Dezember, ab 13.05 Uhr und am Sonntag, 18. Dezember, ab 21.05 Uhr auf Bayern 2 gesendet. Über bayern2de/radiofeature gelangt man zum kostenlosen Podcast zum Nachhören.

Von Tanja Lühr

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