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Offen und ehrlich stellte sich der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker den Fragen der Geretsrieder Schüler. Auch zum Thema Drogen gab er bereitwillig Auskunft. 

In tiefster Seele Anarchist

Konstantin Wecker zu Gast im Geretsrieder Gymnasium

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Geretsried – Liedermacher, Poet, Anarchist: Konstantin Wecker besuchte den Oberstufenkurs Musik der Q11 am Geretsrieder Gymnasium. Dabei ging es nicht nur um Musik, sondern auch um Drogen und die  „Kunst des Scheiterns“.

Wie wird man eigentlich Liedermacher? Diese Frage stand nicht im Vordergrund der Diskussionsrunde unter der Leitung von Studienrat Benedikt Jilek. Die Schüler wollten von dem 68-jährigen Musiker vor allem wissen, ob er noch zeitgemäß sei. „Vor ein paar Jahren habe ich auf einem Label junge Liedermacher vereint“, sagte Wecker und machte dabei auf die junge deutsche Sängerin Cynthia Nickschas aufmerksam. Außerdem unterrichte er regelmäßig an der Uni Würzburg Songwriting. „Ich bin also durchaus auf der Höhe der Zeit“, sagte der gebürtige Münchner. Apropos Zeit: In der Ära von Facebook und Twitter sei es „an der Zeit, ein Plädoyer für das Schreiben zu halten“. Egal ob Tagebücher oder Gedichte, nur beim Schreiben könne man sich selbst entdecken, appellierte Wecker an die anwesenden 16- bis 17-Jährigen. „Das Schreiben ist heutzutage schon ein revolutionärer Akt.“ Auf die Frage, wie und was ihn inspirieren würde, empfahl Wecker Literatur. Denn natürlich gehöre zum Schreiben auch das Lesen. „Wenn ich beispielsweise Dostojewski lese, werde ich kurzfristig zu einem besseren Menschen.“ Auch Erich Kästner oder Bertolt Brecht seien ganz tolle Vorbilder für lyrische Vertonungen. Er selbst schreibt seit seinem zwölften Lebensjahr Gedichte, erzählte der Liedermacher, der sich als Lyriker empfindet. Eigentlich hätte er Opernkomponist werden wollen, doch dann hörte er erstmals Franz Josef Degenhardt und er wurde zu dem, was er heute ist.

Idealismus und Authentizität

Das Politisch-Andersdenkende hat Konstantin Wecker wohl aus dem Elternhaus. Sein Vater, ein „nur mäßig“ erfolgreicher Opernsänger, habe sich in der Nazi-Zeit geweigert, zum Militär zu gehen. „Das war für mich schon ein bisschen heldenhaft.“ Deshalb freut es ihn besonders, dass er demnächst mit dem Erich-Mühsam-Preis ausgezeichnet werde. Mühsam war ein deutscher Schriftsteller, Publizist und Antimilitarist (1878-1934). Als politischer Aktivist war er maßgeblich an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt, wofür er zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt wurde. „Diese Räterepublik war die einzige Ära, in der Dichter an der Regierung waren. Leider nur für kurze Zeit“, sagte Wecker und spielte auf heutige populistische Politiker „wie Seehofer oder Söder“ an. „Als alter Linker muss ich schon sagen, dass sich unsere Bundeskanzlerin in der Flüchtlingsfrage großartig verhält“, lobte Wecker . „Merkel hat wenigstens eine Meinung und steht dazu. Das ist heutzutage selten.“ Auch er selbst habe nie etwas geschrieben oder gesungen, was nicht authentisch gewesen wäre. „Ich habe immer versucht, ein idealistisches Leben zu führen.“

Durchbruch mit dem "Willy"

Mit seinem Lied „Gestern habns an Willy daschlagn“ gelang Konstantin Wecker Ende der 1970er Jahre der Durchbruch. Doch nicht die vielen Auszeichnungen (Deutscher Schallplattenpreis, Deutscher Kleinkunstpreis), die er später als Künstler bekommen habe, hätten sein Leben beeinflusst. „Es waren die Niederlagen und Misserfolge, die mich geprägt haben“, gab er offen zu. „Mein Schicksal hat mich davor gewarnt, zu fett, zu eitel und zu satt zu werden.“ Zudem hätten ihm ältere Freunde wie der verstorbene Kabarettist Dieter Hildebrandt oft den Kopf zurechtgerückt.

Offen und ehrlich zeigte sich Wecker auch bei kritischen Themen. Etwa als die Geretsrieder Schüler ihn auf seine Drogenprobleme ansprachen, die er viele Jahre hatte (1995 wurde er wegen Kokainbesitz verhaftet). „Man darf nicht den Fehler machen, zu glauben, dass Drogen die Kreativität fördern, aber so manche Erfahrung damit möchte ich nicht missen“, sagte Wecker und betonte, natürlich nicht zum Drogenkonsum animieren zu wollen. „Vielmehr nervt mich die Hinterfotzigkeit der Regierung, die Alkohol als salonfähig verharmlost. Mir ist lieber, mein 16-jähriger Sohn raucht ab und zu einen Joint, als dass er durch zu viel Wodka zum Säufer wird“, sagte der Liedermacher, der in „tiefster Seele ein Anarchist“ ist und nach wie vor an eine „herrschaftsfreie Gesellschaft“ glaubt.

rd

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