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Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Statt großem Urzelkrautessen in den Ratsstuben versorgte Familie Wagner die Siebenbürger Sachsen heuer coronakonform wie an einem Drive-in-Schalter.
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Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Statt großem Urzelkrautessen in den Ratsstuben versorgte Familie Wagner die Siebenbürger Sachsen heuer coronakonform wie an einem Drive-in-Schalter.

Siebenbürger Sachsen

Tradition zu Fasching mal anders: Urzelkraut „to go“

Fasching fällt heuer flach, aber deswegen mussten die Geretsrieder auf einen lieb gewonnenen Brauch nicht verzichten: das Urzelkrautessen. Die Siebenbürger-Sachsen kochten das Traditionsgericht ihrer Heimat einfach zum Mitnehmen.

Geretsried – Schon von Weitem weht einem am Samstagmittag im Seniweg der Duft von Sauerkraut und gebratenem Wammerl in der kalten Winterluft entgegen. Auf der Ladefläche eines Gabelstaplers stehen zwei Töpfe, jeweils groß genug, um ein Bundeswehr-Bataillon zu versorgen. In einem liegen gestapelt Krautwickerl und Knödel, im anderen Sauerkraut und Schweinefleisch.

Pünktlich um 12.30 Uhr kommen die ersten Hungrigen mit ihren Autos angefahren, um ihre zuvor telefonisch bestellten Portionen abzuholen. Sie haben Kunststoff- oder Glasschüsseln dabei, in die Kerstin Wagner und ihre Tochter Maria im Urzelgewand das dampfende Essen füllen. Peter Wagner kassiert derweil die sieben Euro pro Gericht. 306 Mahlzeiten werden innerhalb von eineinhalb Stunden auf diese Art wie am Drive-in-Schalter von Schnellimbissen verkauft – unter Einhaltung aller Hygieneregeln.

„Bis zuletzt hatten wir gehofft, unser Fest wie jedes Jahr am Samstag vor dem Faschingsdienstag in den Ratsstuben veranstalten zu können“, sagt Peter Wagner, Chef der Geretsrieder Urzelzunft. Der Saal und die Musikkapelle waren ein Jahr im Voraus bestellt. Doch der Lockdown machte die Pläne zunichte. Also krempelten zehn Frauen und Männer am Freitagabend die Ärmel hoch und bereiteten die Wickel samt Beilagen in Peter Wagners Werkstatt vor, damit die Geretsrieder Siebenbürger Sachsen nicht auf die Köstlichkeit verzichten mussten.

Die Ehefrau des Metallbauers kennt das Geheimrezept für die Hackfleischfüllung, die in die Weißkohlblätter kommt. Der gehobelte Kohl lagerte bereits seit November zusammen mit Dill, Bohnenkraut, Meerrettich und Salz in Fässern, um zu Sauerkraut zu werden. Am Samstag kochten die Wagners alles von 6.30 Uhr an gar.

Elisabeth und Arnold Blahm waren die ersten, die vorfuhren, um sich ihr Mittagessen abzuholen. „Wir lieben Krautwickerl. In den Ratsstuben sind wir jedes Jahr mit von der Partie“, sagen die Rentner. Sie stammen aus Mediasch in Siebenbürgen, dem heutigen Rumänien. Die Stadt liegt 35 Kilometer entfernt von Agnetheln im Kreis Hermannstadt.

Dort hat der Urzelbrauch seinen Ursprung. Horst Wagner, Peter Wagners Vater, hat ihn vor 35 Jahren in Geretsried eingeführt. Die Legende besagt, dass vor vielen hundert Jahren eine Burg in Siebenbürgen von Türken belagert wurde. Eine Frau namens Ursula verkleidete sich mit einem furchteinflößenden, zotteligen Gewand und schlug so die Feinde in die Flucht. „Urzel“ ist wahrscheinlich eine Abwandlung von Ursula. Später sollen auch Handwerksgesellen die Gewänder genutzt haben, um Diebe zu verscheuchen. In Geretsried treten die Urzeln jeden Faschingsdienstag in Erscheinung. Mit Peitschen, Rasseln, und Kuhglocken ziehen die maskierten Frauen, Männer und Kinder durch die Straßen und vertreiben die bösen Geister. Ein Besuch im Rathaus zuvor ist obligatorisch.

Die Krautwickel „to go“ zu verkaufen, findet Klaus Durlesser eine „super Idee“, wie er sagt. Seine Heimat ist Schäßburg. Als er drei Jahre alt war, siedelte seine Familie nach Geretsried aus. Die Schwestern Hannelore Andree und Inge Mitran stammen direkt aus Agnetheln. „Das Gericht schmeckt nach zuhause“, sagen sie. Vor allem das Sauerkraut mit den typischen Kräutern und Gewürzen erinnere sie an Siebenbürgen.

Doch auch Vertreter anderer Landsmannschaften wissen das deftige Urzel-Mahl zu schätzen. Georg Hodolitsch, Vorsitzender der Trachtengruppe der Deutschen aus Ungarn, hatte sich unter die Wartenden eingereiht, um sich das besondere Mittagessen nicht entgehen zu lassen.

Tanja Lühr

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