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Fahrzeugschau: An der Industrieausstellung zur Gemeindegründung 1950 beteiligte sich auch Horst Schröter mit einem Alpenland-Traktor samt Anhänger.

Traktoren aus dem Voralpenland

100 Arbeiter bauten in Geretsried Alpenland-Traktoren

Geretsried – Nur noch wenige Geretsrieder werden sich daran erinnern, dass die Firma Alpenland in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Geretsried Traktoren baute. Die Firma hatte über 100 Mitarbeiter.

Über 100 Beschäftigte konstruierten, schweißten und montierten bis ins Jahr 1952 in ausgedienten Bunkern der Dynamit Nobel AG (DAG) an der Elbestraße Schlepper. Heute befindet sich ein Teil der Fertigung des Kolbenpumpenherstellers Speck in einem der Gebäude.

Bereits in den 1930er-Jahren betrieben die vier Brüder Kurt, Hans Otto und Werner Schröter (Ingenieure) und Horst Schröter (Kaufmann) in Wechmar (Thüringen) mit der Thümag eine Fabrik, in der luftbereifte Anhänger und Ackerwagen hergestellt wurden – mit Erfolg. Die Fahrzeuge waren mit Stopfix-Auflaufbremsen ausgestattet, die sich die Familie hatte patentieren lassen.

Fertigung am laufenden Band: In der Werkshalle wurde in Hochzeiten in zwei Schichten gearbeitet.

1943 war ein Schicksalsjahr. Werner Schröter fiel während der kriegerischen Auseinandersetzungen in Nordafrika. Nach einer Reihe von Beschäftigungen begann Kurt Schröter mit einer eigenen kleinen Firma in Weyarn, der Fahrzeugbau Weyarn GmbH. Ein Mechaniker-Meister, der vorübergehend als Mitgesellschafter fungierte, hatte ihm seine Werkstatt überlassen. Geschäftszweck waren die Herstellung und der Vertrieb von Spezialfahrzeugen. 1945 verlegte die Firma ihren Sitz nach München, und 1948 zog Kurt Schröter mit seiner inzwischen in „Fahrzeugbau Alpenland“ umbenannten Firma nach Wolfratshausen-Gartenberg.

Der technische Kopf der Firma war Kurt Schröter, als kaufmännischer Leiter fungierte Horst Schröter. Hans Otto Schröter war als Geschäftsführer der Thümag in Thüringen geblieben. 1947 flüchtete er nach Westdeutschland, um der drohenden Deportation zu entgehen. Kurt Schröter widmete sich intensiv der Motorisierung der Landwirtschaft. Aufzeichnungen belegen viele unterschiedlicher Schlepperkonzepte.

Auch in Wolfratshausen wurde Schröter, wie vorher in Thüringen, mit den besonderen Anforderungen der Berglandwirtschaft konfrontiert. „Ein Transportgewerbe wider Willen“, lautete ein Schlagwort eines der Hauptprobleme, mit denen sich die Bauern herumschlagen mussten. Die Bestrebungen der Konstrukteure, ein billiges, stets einsatzbereites Fahrzeug für die bäuerliche Arbeit zu schaffen, resultierten aus dieser Erkenntnis. Unzählige Typen von Schleppern, unter ihnen zahlreiche wertvolle Konstruktionen, entstanden.

1949 berichtete unsere Zeitung über einen Erfolg der Firma in Italien: „Besonderes Aufsehen erregte auf der Anfang Oktober abgehaltenen Bozener Mustermesse der Alpenlandtraktor der Firma Fahrzeugbau Alpenland, Geretsried. Wie in den Lokalnachrichten bekannt gegeben wurde, erfolgte eine angekündigte Probefahrt auf einem steilen Weg in der Nähe Bozens, der teilweise ein Gefälle von 32 Prozent aufwies. In Anwesenheit des Präsidenten der Handelskammer, des Direktors des landwirtschaftlichen Inspektorats sowie zahlreicher Vertreter der landwirtschaftlichen Genossenschaften nahm der 15-PS-Traktor aus Geretsried die Steigung mit einer Schlepplast von 1700 Kilogramm.“

In der großen Maschinenhalle der Firma Alpenland liefen die Maschinen Tag und Nacht auf vollen Touren. Es wurde in zwei Schichten gearbeitet – angesichts der allgemeinen Wirtschaftsdepression eine beachtliche Entwicklung. Man hatte in Geretsried alle Hände voll zu tun, um den kurzfristigen Lieferverpflichtungen nachzukommen, die auf der Wanderschau der „Deutschen Landwirtschaftlichen Gesellschaft“ 1950 in Frankfurt eingegangen waren. 102 Arbeiter standen in Lohn und Brot. Das bedeutete eine gesicherte Existenz für rund 300 Menschen der damals jungen Gemeinde. In Spitzenzeiten waren bis zu 130 Mitarbeiter beschäftigt. Der Stundenlohn für gewerbliche Mitarbeiter lag je nach Qualifikation zwischen 0,85 und 1,30 D-Mark. Ein Schlepper kostete je nach Ausstattung 1200 D-Mark bis 1300 D-Mark. Zwischen Mitte 1948 und Ende 1952 wurden 733 Traktoren verschiedenen Typs und Ausstattung hergestellt.

Ende 1952 wurde die Herstellung der Traktoren und Anhänger aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten und zu viel Konkurrenz aus dem In- und Ausland eingestellt. Hans Otto Schröter gründete die Stopfix-Bremse GmbH und fertigte mit einem kleinen Team Ersatzteile, Hand- und Motorkraftheber sowie Zugdeichseln für Lkw-Anhänger mit der Stopfix-Auflaufbremse.

Der Unternehmergeist der Gebrüder Schröter wirkt bis heute in Geretsried nach. Die Firma Stopfix-Bremse Schröter & Co. GmbH gibt es immer noch. Bis 2012 leitete Gina-Beate Berg, eine Tochter von Werner Schröter, den Betrieb. Vor vier Jahren wurde die Firma verkauft, und Florian Kübler übernahm das Unternehmen. Emmy Schröter, die Ehefrau von Horst Schröter, eröffnete Mitte der 1950er an der Elbestraße ein Schreibwarengeschäft. Nach vielen Jahren am Karl-Lederer-Platz zog das Geschäft an die Adalbert-Stifter-Straße um. Inzwischen wird es in der dritten Generation von Michael Schröter geführt.  red

Quelle: In der Reihe „Geretsrieder Hefte“ hat der Arbeitskreis Historisches Geretsried im Jahr 2010 ein eigenes Heft über die Industriepioniere herausgebracht. Mit freundlicher Unterstützung der Autoren Werner Sebb und Friedrich Schumacher veröffentlichen wir einzelne Kapitel aus der inzwischen vergriffenen Publikation.

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