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Darf‘s noch etwas sein? Barbara und Karl Hecht im neuen großen Verkaufsraum der Metzgerei.

Serie: Geretsrieder Wirtschaftswunder

Der Traum von der eigenen Metzgerei

Vor 70 Jahren kamen die ersten Heimatvertriebenen in Geretsried an. Aus dem Nichts mussten sie sich eine neue Existenz aufbauen. In unserer Serie „Geretsrieder Wirtschaftswunder“ stellen wir Unternehmer vor, die den Grundstein für den heutigen Wirtschaftsstandort legten. Heute: Metzgermeister Karl Hecht aus dem Egerland.

Geretsried – Karl Hecht stammte aus der Stadt Eger. Dort betrieben seine Eltern eine Metzgerei. Da war es naheliegend, dass auch der Sohn das Metzgerhandwerk erlernte. Nach dem frühen Tod des Vaters übernahm er das Geschäft seiner Eltern. Karl Hechts Frau Barbara kam aus dem Dorf Dürnbach in der Nähe von Eger. Die beiden heirateten 1943, ein Jahr später kam Sohn Manfred zur Welt.

Jähr aus den Träumen gerissen

„Aus unseren Träumen von einer gesicherten Existenz wurden wir jäh gerissen, als wir 1945 nach Kriegsende aus unserer Heimat vertrieben wurden“, berichtet Barbara Hecht. Mit wenig Hab und Gut landete die dreiköpfige Familie in Wolfratshausen. Auf dem Bergkramerhof bewohnten sie ein Zimmer. Bald fand der Familienvater Arbeit – als Metzger und Milchfahrer. Barbara Hecht war gelernte Hauswirtschafterin. Sie arbeitete in der Küche und verrichtete sonstige Arbeiten, die auf einem Bauernhof anfielen. Nach 15 Monaten wechselte Karl Hecht als Koch in den „Loisachhof“.

Nächste Station: Freibank Wolfratshausen

1947 bot sich ihm die Gelegenheit, wieder in seinem erlernten Beruf arbeiten zu können: Die Freibank Wolfratshausen suchte einen neuen Leiter, und Hecht bekam die Stelle. Das Fleisch stammte von Tieren, die wegen Krankheit oder aufgrund eines Unfalls notgeschlachtet wurden. Es war einwandfrei, aber zweite Wahl und billiger. „In Wolfratshausen selbst konnten wir nur wenig davon verkaufen“, erinnert sich Hecht. „Deshalb fuhren wir über Land und breiteten am Rand der Dörfer auf Tüchern unsere Waren aus. Unsere Kunden waren Menschen, die sich damals nur billigeres Fleisch leisten konnten.“

Die Hechts wagten den Weg in die Selbstständigkeit

Der Wunsch, wieder eine eigene Metzgerei zu führen, ließ Karl Hecht nicht los. Ein guter Bekannter gab ihm den Tipp, in Geretsried eine Metzgerei zu eröffnen. Dort werde in nächster Zeit eine eigene Gemeinde entstehen, in der vorwiegend Heimatvertriebene angesiedelt würden. In einem alten Bunker wagten die Hechts den Schritt in die Selbstständigkeit. Nach umfangreichen Bauarbeiten eröffnete das Ehepaar am 1. Januar 1950 am Amselweg in Gartenberg seine eigene Metzgerei. Die Anzahl der Kunden wuchs stetig, und das Geschäft florierte.

Normaler Arbeitstag: in der Regel mehr als zwölf Stunden

Doch die Konkurrenz war groß. Die Hechts mussten sich gegen die Metzgereien von Franz Wild am Forst in Gartenberg sowie von Jakob Staffler und Karl Tschannerl im Ortsteil Geretsried behaupten. Später kamen die Metzgereien von Erwin Friedrich in Stein und von Hans Paulus in Gartenberg dazu. „Unser normaler Arbeitstag dauerte in der Regel mehr als zwölf Stunden“, schreibt Barbara Hecht. „Der Sonntag war keineswegs arbeitsfrei, und vor Festtagen waren die Nächte sehr, sehr kurz.“

Bald war die Familie auf sechs Personen angewachsen: Nach Sohn Manfred kam 1947 Sohn Günther auf die Welt, 1950 folgte Tochter Waltraud, 1953 erblickte Tochter Gerlinde das Licht der Welt. Vier Jahre später erwarben die Hechts den gepachteten Bunker mit Grundstück – für 9500 D-Mark.

Montags war Schlachttag 

In der ersten Zeit bezogen die Hechts ihr Schlachtvieh von Bauern aus der Umgebung, vorwiegend vom Gut Schwaigwall. Später kauften sie bei Viehhändlern aus Niederbayern ein. Montags wurden die lebenden Tiere geliefert, es war Schlachttag. Dienstags kochte Metzger Hecht Kesselfleisch, machte Presssack, Leber- und Blutwürste. Mittwochs wurden die Tierhälften für den Verkauf portioniert. Donnerstags war Wursttag. Freitags stellte die Metzgerei „weiße Ware“ her: Brät, Bratwürste, Kalbsbratwürste, Weißwürste. Hauptverkaufstage waren Freitag und Samstag. Was an Fleisch nicht verkauft wurde, musste am Samstag nach Geschäftsschluss zu Pökelfleisch verarbeitet werden, um es für eine spätere Weiterverarbeitung haltbar zu machen.

1958 wird der Betrieb erweitert

Bald wurde es zu eng in der Metzgerei. 1958 begann das Ehepaar, den Betrieb um einen Anbau zu erweitern. Als die beiden Söhne ins Berufsleben einstiegen, war es keine Frage, dass sie beim Vater das Metzgerhandwerk erlernen würden. Schon während der letzten Schuljahre halfen sie im Betrieb mit. Tochter Waltraud machte eine Ausbildung zur Fachverkäuferin im Fleischerhandwerk, Tochter Gerlinde wurde Bankkauffrau. Sie half aber immer wieder aus, wenn es viel Arbeit gab.

Um ihren Kindern eine optimale berufliche Zukunft zu ermöglichen, errichteten die Hechts zwischen 1961 und 1964 an der Rückseite des Bunkers einen weiteren Anbau. Dort wurde ein neues Schlachthaus untergebracht. „Durch moderne technische Einrichtungen konnten wir den Metzgern die schweren Arbeitsvorgänge deutlich erleichtern“, berichtet Barbara Hecht.

Die Siebziger waren die besten Jahre

Die besten Jahre waren die 1970er Jahre: In der Regel bekam die Metzgerei zu Wochenbeginn 15 Schweine, zwei Rinder und zwei Kälber geliefert, die im Laufe der Woche verarbeitet und verkauft wurden. Ab 1976 bezog die Metzgerei statt lebendem Schlachtvieh Rind-, Kalb- und Schweinefleisch in Form von Tierhälften. Ab da entfiel der Schlachttag. Hecht: „Die Nachbarn waren froh um die deutlich reduzierte Lärm- und Geruchsbelästigung durch die Schlachttiere, die laut Verordnung damals erst einen Tag nach dem Transport geschlachtet werden durften.“

Karl Hecht hielt noch lange die Fäden in der Hand

Karl Hecht hätte 1972 in Rente gehen können. Aber er konnte sich nicht von seinem Geschäft trennen. So war sein Arbeitsplatz an der Kasse der richtige Ort, wo er noch die Fäden in der Hand halten konnte. Zu sehr hing er an seinem Lebenswerk: der eigenen Metzgerei in Geretsried.

1980 übergab das Ehepaar den Betrieb an die Söhne Manfred und Günther. Vier Jahre später führten sie das Geschäft als „Gebrüder Hecht Metzgerei GmbH“ weiter. Mitte 1988 gaben sie die Metzgerei aus gesundheitlichen Gründen auf und verpachteten sie an Erwin und Andrea Knöbl. Das Ehepaar führte die Metzgerei bis Ende Januar. Zum 1. Februar übergaben sie die Führung an Metzgermeister Andreas Länger 

Quelle

In der Reihe „Geretsrieder Hefte“ hat der Arbeitskreis Historisches Geretsried im Jahr 2010 ein eigenes Heft über die Industriepioniere herausgebracht. Mit freundlicher Unterstützung der Autoren Werner Sebb und Friedrich Schumacher veröffentlichen wir einzelne Kapitel aus der inzwischen vergriffenen Publikation.

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