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Alles zu seiner Zeit: Gärtner Josef Holzer bedauert, dass Frühlings- und Sommerpflanzen immer früher verkauft werden. Dadurch gehe die Bedeutung der Jahreszeitenboten und auch die Qualität verloren.

Großmärkte bringen die Jahreszeiten durcheinander

Tulpen im Januar: Pflanzenverkauf treibt seltsame Blüten

Geretsried - Primeln und Geranien geht es nicht anders als Nikoläusen und Osterhasen: Sie werden immer eine Saison zu früh verkauft. Ihre Bedeutung als Jahreszeitenboten geht dadurch verloren, findet Gärtner Josef Holzer.

Tulpen und Narzissen gibt’s schon kurz nach Weihnachten. Geranien und Begonien werden spätestens ab Anfang April verkauft. Der Kunde freut sich: Endlich blüht es wieder, endlich kommt die Gartensaison. Doch vielen Gärtnern ist dieser Verkaufstrend ein Dorn im Auge. „Die so genannten Nahversorger wie Rewe oder Penny bringen die Jahreszeiten komplett durcheinander“, klagt Josef Holzer, Inhaber der gleichnamigen Gärtnerei in Gelting. So, wie man Ostereier an Ostern schon nicht mehr sehen könne, weil sie bereits Wochen vorher erhältlich sind, so würden auch viele Pflanzen durch das vorzeitige „Verramschen“ ihren Wert verlieren.

Bis Mitte Mai ist mit Nachfrost zu rechnen

Zum Beispiel die Geranien, die schon seit Wochen überall angeboten werden: „Das sind Sommerpflanzen, die vertragen die kalten Nächte nicht, die wir jetzt oft noch haben“, sagt Holzer. Vielen Kunden sei das nicht bewusst. Für den erfahrenen Gärtner reicht ein Blick in die Berge: „Wenn ich sehe, dass der Blomberg und der Kesselberg weiß sind, drückt es die kalte Luft in der Nacht bis zu uns.“ Geranien, Begonien und Co. sollten dann vorsorglich abends ins Haus. Bis zum Ende der Eisheiligen, also bis Mitte Mai, muss man den Bauernregeln zufolge mit Nachtfrösten rechnen. Das Problem sei aber: „In den Großmärkten stehen die Beet- und Balkonpflanzen schon seit Ostern neben den Primeln. Der Kunde nimmt sie halt mit, kennt aber die Unterschiede oft nicht.“ Das Fleißige Lieserl, das im Gartencenter so schön geblüht hat, sieht dann schnell traurig aus. „Das ist die Marktstrategie: Jeder will den anderen den Rang ablaufen und der Erste sein, der die Sachen verkauft“, meint Holzer. Auch in seiner Gärtnerei fragen die Kunden immer früher nach Sommerpflanzen. Er nimmt sie ab Anfang Mai ins Sortiment, „aber meine Mitarbeiter weisen jeden darauf hin, dass man sie noch nicht ins Freie stellen darf.“

„Eine ungute Situation“, findet auch Martina Schäffler vom Geretsrieder „Blumenfenster“: „Wir verkaufen die Sommerware ab der Muttertagswoche, weil die Kunden danach verlangen. Aber wenn man sie dann ehrlich berät, wollen sie diese oft doch noch nicht.“ Denn: Die kälteanfälligen Geranien, Begonien und Fuchsien im Haus zu behalten, ist auch nicht die optimale Lösung. „Schöner werden sie davon nicht“, sagt Holzer, weil es ihnen dort wiederum zu warm sei. In seinem Gewächshaus werden die Pflanzen dagegen „optimal gefahren und langsam an die Temperaturen draußen gewöhnt“.

Zwiebelgewächse gehören nach draußen

Ähnlich ist es mit den Tulpen und Narzissen im Topf, die im Supermarkt schon kurz nach Weihnachten Frühlingsträume wecken: „Die sind in der Wohnung nach 14 Tagen hinüber“, erklärt der 57-jährige Chef des Geltinger Familienbetriebs: „Zwiebelgewächse gehören nach draußen in den Boden, sie entfalten ihre Pracht bei niedrigen Temperaturen.“ In den Großgärtnereien würden sie in riesigen Gewächshäusern unter hohem Energieeinsatz in kurzer Zeit hochgezüchtet. „Masse statt Qualität“, sagt Holzer. Nach draußen pflanzen könne man die Frühlingsblüher in der Regel erst „um Josefi herum“, also ab Mitte März. Ein paar Minusgrade halten sie aber aus: „Sie bilden bei Frost Glycerin, deshalb gehen ihre Zellen beim Einfrieren nicht kaputt.“ Den Sommerpflanzen fehlt dieser Schutz.

Viele Menschen hätten das Gefühl für die Jahreszeiten und die Vegetationsperioden der Pflanzen verloren, „weil man heute alles rund ums Jahr bekommt“, sagt Holzer. Immer wieder wundert er sich über Kunden, die ihn im Januar fragen, warum er jetzt keine Rosenstöcke verkaufe. Dann muss er erst einmal Aufklärungsarbeit leisten. „Bei Dehner bekommt man die das ganze Jahr über. Aber wir treiben nicht vor, da blühen die Rosen naturgegeben halt erst Ende Mai“, erläutert der Bezirksvorsitzende des Bayerischen Gärtnereiverbands. Dafür könne er mit langsam gewachsenen, kräftigeren und abgehärteten Pflanzen punkten. „Die halten auch unser Klima hier aus.“ Holzers Strategie kommt bei den Kunden gut an, sagt er: „Unsere Stärke sind Beratung, Sortenvielfalt, Regionalität und Nachhaltigkeit. Das wissen immer mehr Leute zu schätzen.“ Dafür gibt’s bei ihm die Narzissen erst im März und die Geranien im Mai.

Clara Wildenrath

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