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Auch in Kriegszeiten: Ukrainer und Russen trainieren gemeinsam in bayerischem Boxclub - „Alle sind gleich“ 

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Von: Leonie Hudelmaier

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Waleri Weinert trainiert in Geretsried Sportler aus vielen Ländern.
Waleri Weinert trainiert in Geretsried Sportler aus vielen Ländern. © Oliver Bodmer

In Waleri Weinerts Boxclub „Edelweiss“ in Geretsried treffen sich auch Ukrainer und Russen. Doch Herkunft spielt hier - auch in Zeiten des Ukraine-Kriegs - keine Rolle.

Geretsried – „Zeig her.“ Waleri Weinert nimmt die Hand des 13-jährigen Rion und kontrolliert seine Bandagen. „Du musst das richtig machen, nicht dass du dich verletzt“, sagt er mit einer fürsorglichen Strenge. Rion nickt. Was der Trainer sagt, das wird gemacht. Weinert, 61, ist Trainer und Chef zugleich.

Vor 24 Jahren gründete er in Geretsried im Landkreis Bad Tölz - Wolfratshausen den Sport- und Jugendverein „Edelweiss“. 120 Mitglieder hat der Verein. Es sind vor allem Jugendliche, die hierher kommen, um zu trainieren, zu chillen oder um einfach „zu quatschen“, wie Weinert erzählt.

Ukraine-Konflikt: Bei Deutsch-Russen trainieren Ukrainer und Russen gemeinsam

Bei dem Deutsch-Russen trainieren Menschen aus aller Welt, auch junge Männer mit ukrainischen und russischen Wurzeln. Der kleine Club ist ein Ort ohne Grenzen, auch in diesen Tagen des Krieges. Waleri Weinert hat es geschafft, den schrecklichen Konflikt vor der Clubtür zu lassen. Und das soll so bleiben. „Alle sind gleich – das ist meine Philosophie. Als Trainer möchte ich was beibringen. Es ist mir egal, ob jemand Afghane, Albaner, Ukrainer oder Russe ist“, sagt er mit Nachdruck.

Weinerts Konzept ist Integration durch Sport. „Wir haben einen gemeinsamen Nenner – wir sind sportlich. Und der Sport bringt uns zusammen“, sagt der 61-Jährige, der auch eine Ausbildung als Sozialpädagoge hat. Der Krieg in der Ukraine ändere daran nichts. „Die Jungs wissen, was da los ist. Es wird in der Schule gesprochen. Das heißt aber nicht, dass ein Ukrainer kommt und was gegen Russen sagt. Das gibt es nicht.“

Ukraine: Boxtrainer vom Krieg betroffen - „Deutscher mit ukrainischen Wurzeln und geboren in Russland“

Das „Edelweiss“ hat drei Räume. In einem wird geboxt. Der kleine Raum füllt sich schnell. Zwei Dutzend Sportler sind heute da, darunter auch eine Frau und ein Mädchen. Boxsäcke hängen von der niedrigen Decke, in einer Ecke ist ein provisorischer Boxring aufgebaut. Wie immer beginnt das Training mit Aufwärmen.

Weinert wechselt seinen Pulli und kommt aus seinem Büro, an dessen Tür ein Plakat der Box-Legende Muhammad Ali hängt. „Rottweiler“, ruft er – und alle rennen so schnell sie können auf der Stelle, als würde sie ein bulliger Vierbeiner jagen. Schweiß fließt, die Luft wird stickig. Die Sportler geben alles, der Trainer ist in seinem Element. Seine Euphorie ist ansteckend, die Boxer saugen jeden Tipp auf. Alles andere spielt gerade keine Rolle, auch nicht der Krieg.

Weinert ist von dem Krieg mehr betroffen als andere Geretsrieder. Denn er ist „Deutscher mit ukrainischen Wurzeln und geboren in Russland“, wie er erzählt. Seine Vorfahren kommen aus der Ukraine und aus Deutschland, nach dem Zweiten Weltkrieg kam seine Familie nach Russland in ein Arbeitslager.

Danach ging sie wieder nach Deutschland. Weinert folgte 1994 nach – und landete in Geretsried, einer Stadt, in der sich vor allem Vertriebene aus dem Osten ansiedelten. 476 Geretsrieder haben heute einen russischen Pass, 82 einen ukrainischen.

In Boxclub: Trainer duldet keine Anfeindungen wegen der Herkunft - „Da ist der Ausgang“

Für Weinert spielt der Pass keine Rolle. Spontan fragt er einen seiner Schützlinge, wo seine Eltern geboren seien. Der 13-jährige Ruslan überlegt kurz. Die Mutter komme aus der Ukraine, der Vater aus Kirgisistan, sagt Ruslan. Kirgisistan gehörte einst zur Sowjetunion. „Ihm ist die Herkunft nicht wichtig, genauso wie mir“, sagt der Boxtrainer gelassen.

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Von den 120 Mitgliedern im Edelweiss hätten etwa 20 Prozent ihre Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion, schätzt Weinert. Viele der Jugendlichen seien aber in Deutschland geboren. Anfeindungen wegen der Herkunft duldet Weinert nicht. Er würde dann sofort sagen: „Da ist der Ausgang!“

Außerhalb des Clubs sieht es anders aus. Weinert erzählt von einem Vorfall an einer Tankstelle. Ein Autofahrer sprach ihn auf die kleinen Boxhandschuhe in Russlandfarben an, die er am Rückspiegel hängen hat. Als er davon erzählt, wirkt er aufgewühlt. „Ich habe gar nicht an so was gedacht. Die hängen da schon seit zehn Jahren.“ Jetzt hat er sie abgehängt, „bevor jemand mein Auto zerkratzt oder die Reifen durchsticht“, sagt er schulterzuckend. „Ich war ein Deutscher in Russland. Ein Russe bleibe ich in Deutschland, obwohl ich schon 28 Jahre da bin.“

Ukraine-Krieg: Konflikt belastet Deutsch-Russen - „Beiden Seiten geht es nicht gut“

Spurlos geht der Ukraine-Krieg an dem Deutsch-Russen nicht vorbei. „Wie geht das weiter?“, fragt er. Plötzlich wird er ruhig, faltet seine Hände und betet symbolisch gen Himmel. „Ende, Ende, Ende“, sagt er laut. Er habe Verwandte in Russland und Bekannte in der Ukraine. „Beiden Seiten geht es nicht gut“, erzählt er mit belegter Stimme.

Die Arbeit in seinem Club lässt ihn all das etwas vergessen. Er selbst boxt schon seit der vierten Klasse. „Ich war immer der Kleinste und ein Deutscher in Russland – ich hab in der Schule immer einstecken müssen“, sagt er. Deswegen habe ihn sein Vater zum Boxen geschickt.

In Geretsried trainierte Waleri Weinert anfangs alleine auf einem Spielplatz. „Dann kamen ein paar Jungs und haben gefragt: Dürfen wir mitmachen? Einen Monat später waren wir schon 30.“ Daraus ist das „Edelweiss“ geworden. 24 Jahre ist das jetzt her und noch immer sprüht der 61-Jährige vor Energie, wenn er die Boxhandschuhe überzieht. Wie lange er noch in den Ring steigen will? „Solange es die Gesundheit zulässt“, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht. VON LEONIE HUDELMAIER

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