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Alliierte Soldaten - hier russische und amerikanische am 25. April 1945 in Torgau an der Elbe - befreiten Nazi-Deutschland. Was lange nicht thematisiert wurde: Viele Frauen wurden Opfer von Vergewaltigungen, auch durch amerikanische Soldaten. 

„Ami-Liebchen“ oder Gewaltopfer?

Vergewaltigung durch amerikanische Soldaten: Historikerin spricht über Tabu-Thema

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Die Historikerin Miriam Gebhardt spricht am Mittwoch im Livestream aus dem Hinterhalt über ein lange verdrängtes Thema: Vergewaltigungen durch amerikanische Soldaten. 

Dr. Miriam Gebhardt, Historikerin und Buchautorin

Gelting – Es ist ein düsterer Teil der Befreiungsgeschichte: die Massenvergewaltigung deutscher Frauen durch alliierte Soldaten. In der Reihe der Live-Stream-Veranstaltungen zu „75 Jahre Kriegsende“ kommt an diesem Mittwoch, 6. Mai, Prof. Dr. Miriam Gebhardt in die Kulturbühne Hinterhalt. Sie wird Auszüge aus ihren beiden Bestseller-Büchern „Als die Soldaten kamen“ und „Wir Kinder der Gewalt“ rezitieren und im Anschluss mit Historikerin Dr. Sybille Krafft über ihre Recherchen sprechen. Die 1962 geborene Historikerin, Journalistin und Buchautorin Gebhardt wohnt im Isartal bei München. Neben ihrer journalistischen Arbeit promovierte sie in Münster und habilitierte sich an der Universität Konstanz, wo sie als außerplanmäßige Professorin lehrt. Unsere Mitarbeiterin Andrea Weber sprach im Vorfeld der Lesung mit der Historikerin.

Frau Dr. Gebhardt, was hat Sie dazu veranlasst, sich diesem Thema intensiv anzunehmen?

Das Problem der sexualisierten Gewalt nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland hat man früher nur bei der Roten Armee gesehen. Meine Recherche wurde für mich in dem Moment spannend, als ich merkte, dass es nicht nur die Vertriebenen oder die Trümmerfrauen in Berlin getroffen hat, sondern dass alle Menschen in Deutschland kollektiv und flächendeckend von sexueller Gewalt durch die alliierten Truppen bedroht waren. Im Isartal durch die Amerikaner, in Stuttgart durch die Franzosen und in Hamburg durch die Engländer.

Sind Frauen heute emotional stärker und deshalb wehrhafter?

Für die betroffenen Frauen damals war besonders problematisch, dass sie zu einer Generation gehörten, die es nicht gewohnt war, über ihre Sexualität, über Gewalt und ganz allgemein über Gefühle und Traumata zu sprechen. Erst die Frauenbewegung in den 1970er Jahren und die Erfahrungen mit den kriegsbedingten Vergewaltigungen in Jugoslawien haben es möglich gemacht, darüber zu sprechen. Heute besteht ein allgemeines Unrechtsbewusstsein, was sexuelle Gewalt angeht. Frauen können sich eher dagegen zur Wehr setzen als damals.

Als die alliierten Streitkräfte nach Deutschland kamen, um dem Nationalsozialismus ein Ende zu bereiten, haben sie Grausames gesehen. Waren die Deutschen für die jungen Soldaten keine Menschen, sondern Monster? War es deshalb legitim den deutschen Frauen Gewalt anzutun?

Das Motiv der Rache hat vielleicht auch eine Rolle gespielt. Aber wir wissen heute, dass zum Beispiel die amerikanischen Soldaten auch die Frauen ihrer Verbündeten in England und in Frankreich vergewaltigen. Deshalb reicht das Rachemotiv als Erklärung nicht aus. Andere Gründe waren die Schwächung des militärischen Gegners und die Zerstörung des Zusammenhaltes der Deutschen. Außerdem konnten sich die Soldaten durch die gemeinschaftlich verübten Verbrechen zusammenschweißen.

Haben sich die Soldaten der Siegermächte gegenüber den deutschen Frauen unterschiedlich verhalten?

Alle vier Siegermächte haben sexuelle Gewalt in Deutschland ausgeübt. Nur die Deutschen sind damit unterschiedlich umgegangen. Wenn ein weißer westlicher Soldat der Täter war, hat die Gesellschaft angenommen, die Frau wird das schon freiwillig gemacht haben. Dann hieß es: Die ist ein „Ami-Liebchen“. Wenn der Täter jedoch ein Slawe war, ein Afroamerikaner oder ein französischer Kolonialsoldat, dann wurde dem Opfer Verständnis entgegengebracht. Die unterschiedliche Blickweise auf die Taten hat also viel mit den rassistischen Vorstellungen der Deutschen nach dem Krieg zu tun.

Info

Die Live-Stream-Lesung mit Prof. Dr. Miriam Gebhardt am Mittwoch, 6. Mai, beginnt um 20 Uhr. Den Link zu Youtube findet man auf der Internetseite www.kulturverein-isar-loisach.de.

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