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In der virtuellen Welt: Zusammen mit Leiter Björn Rodenwaldt testet Volontärin Magdalena Höcherl die 3D-Brille im neu eröffneten Gaming-Raum der Stadtbücherei. Gerade spielt sie Tischtennis.

„Gaming ist eine echte Chance“

Virtuelle Welten: Der Geretsrieder Gaming-Raum im Test

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Vor Kurzem wurde der Gaming-Raum in der Geretsrieder Stadtbücherei eröffnet. Unsere Volontärin hat ihm einen Test unterzogen und sich durch virtuelle Welten gespielt. 

Geretsried – Alles um mich herum ist weiß: der Boden, die Wände, die Decke. Ich und stehe auf einem grauen Steinplateau mitten im Ozean. Um mich herum schwimmen gelb-blau gestreifte Fische. Ich schaue nach oben: Über meinem Kopf zieht ein Rochen vorbei, dann eine Schildkröte. Kurz ducke ich mich, weil sie so nah kommt. Rechts neben mir taucht ein ganzer Haufen orange-rosa Punkte auf. Die Quallen kommen direkt auf mich zu. Ich mache zwei, drei Schritte in ihre Richtung. Doch auf einmal leuchtet zwischen mir und den Meeresbewohnern ein grünes Gitternetz auf. Obwohl die Unterwasserwelt unendlich weit erscheint, ist für mich am Rand der steinernen Plattform Schluss mit Schnuppertauchen. Mein technisches Equipment hat seine Grenzen erreicht.

Als ich meine „Tauchausrüstung“ ausziehe, stehe ich mitten imneu eröffneten Gaming-Raum der Geretsrieder Stadtbücherei. Dabei hat sich der Ausflug in die Tiefe so echt angefühlt. Das Gerät, das ich eben noch wie einen Helm getragen habe, ist eine Virtual Reality Brille – laut Büchereileiter Björn Rodenwaldt das „Highlight“ hier. Mit Brillen wie der „HTC Vive“ könne man eintauchen in andere Welten, heißt es immer wieder in der Werbung. Dass das tatsächlich mehr als nur eine Floskel ist, verstehe ich nach meinem Besuch in dem Spielzimmer.

Die Ozeanlandschaft ist mehr eine zum Staunen als zum Spielen, also setze ich den Helm noch einmal auf. Rodenwaldt drückt mir zwei Controller – eine Art Fernbedienung für die Konsole – in die Hände und macht ein paar Klicks am Computer. So steuert er die Welt, die ich durch die schwarze Brille in 3D erlebe. Ich stehe in einer kleinen Wohnung, neben mir eine Couch, hinter mir ein Kleiderschrank, vor mir eine grüne Tischtennisplatte. Ein Blick nach unten: Statt meiner Hände sehe ich nur einen Ball und einen Schläger.

Kein Streit um die sechs Steuergeräte

Ich werfe ihn und versuche meinen ersten Aufschlag. Auf der anderen Seite der Platte schwebt auf einmal ein zweiter Schläger und spielt den Ball zurück. Das sieht echt verrückt aus. Ich hechte nach rechts, um ihn zu erwischen. Wieder leuchtet ein grünes Gitternetz auf. Ich gehe einen Schritt zurück nach links und kann weiterspielen. „Diese Art Wand markiert das Ende des Bereichs, in dem sich der Spieler mit der Brille bewegen kann“, erklärt Rodenwaldt. Was je nach Spiel wie eine ganze Wohnung, ein Fußballplatz oder eine Unterwasserlandschaft aussieht, spielt sich immer nur auf knapp zwölf Quadratmetern ab. Nach einer Viertelstunde ist Schluss für mich. So lange darf sie jeder Besucher zwei Mal die Woche ausprobieren.

Um Suchtverhalten und langen Wartezeiten vorzubeugen, kann jeder insgesamt eine Stunde im Gaming-Raum im Untergeschoss der Bücherei verbringen und eins von rund 100 digitalen Spielen testen. „Das wird schon jetzt intensiv genutzt“, sagt der Büchereileiter, während wir uns in dem Spiel „Super Mario Kart“ auf dem Bildschirm an der Wand als Pilz Toad und Prinzessin Peach in bunten Autos ein Rennen über eine Kuhweide liefern. „Nach Schulschluss ist hier sehr viel los.“ Streit gebe es bislang nicht um die sechs Steuergeräte für die „Nintendo Switch“-Konsole und die „Playstation 4“, die sich hauptsächlich Buben an der Theke wie Bücher ausleihen. Während die einen spielen, können die anderen Manga-Comics und Spielezeitschriften lesen oder zuschauen und anfeuern.

Spiele-Workshops und Infoabende für Skeptiker 

So soll es sein, findet Spiele-Fan Rodenwaldt, der sich mühelos durch die Hindernisse schlängelt, während ich als Zocker-Anfängerin immer wieder gegen Kühe rumse. Spielen sei ein Gesellschaftserlebnis. „Natürlich nur, wenn man nicht allein im Keller vor dem Monitor sitzt.“

Um mit dem Vorurteil aufzuräumen, dass alle Gamer nur als verschrobene Einzelkämpfer in virtuellen Welten leben, will Rodenwaldt künftig Spiele-Workshops und Infoabende für Skeptiker anbieten. „Gaming wird immer beliebter.“ Der Spielemarkt, der in Amerika und Asien bereits boomt, etabliere sich langsam auch in Europa. Den Trend sollten sich Bibliotheken zunutze machen, findet Rodenwaldt. „Sie müssen sich bewegen, um im Zeitalter der Digitalisierung zu überleben.“ Denn die Nutzer- und Ausleihzahlen von Büchern sind rückläufig, gerade was Jugendliche und junge Erwachsene angeht. Er schaut auf den Controller in seiner Hand. „Gaming ist für uns eine echte Chance.“

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