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Hobbyhistoriker aus Leidenschaft: Walter Holzer hat ein neues Sonderheft erstellt.

Vom Weiler zum Wirtschaftstandort

Von der ersten Erwähnung bis zur Rüstungszeit: Neues Geretsrieder Sonderheft ist da

  • Doris Schmid
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Die Geschichte von Geretsried beginnt um 1083 mit der ersten Erwähung. Die Zeitspanne bis zur Rüstungszeit hat jetzt Walter Holzer erforscht. 

Geretsried – Für viele beginnt die Geschichte Geretsrieds mit der Gründung der Gemeinde vor 70 Jahren. Dabei reicht die Historie bis ins Jahr 1083 zurück. Eingehend damit beschäftigt hat sich Walter Holzer. Er hat eine Chronik des Weilers Geretsrieds bis zum Beginn der Rüstungsindustrie verfasst. Sie ist das neue Sonderheft, das der Arbeitskreis Historisches Geretsried herausgegeben hat.

Ein Weg mit Geschichte: Die heutige B11 vor dem Gasthaus Geiger als nicht asphaltierter Weg.

Bereits in den 2000er-Jahren hatte sich Holzer die Mühe gemacht, die Frühgeschichte Geretsrieds zu beleuchten. Seine Ergebnisse fasste er 2008 zusammen. Diese Blattsammlung ließ er binden – fertig war der Prototyp des aktuellen Sonderhefts, das nun in einer Auflage von 300 Stück mit Unterstützung des Museumsfördervereins und der Stadt Geretsried erschienen ist.

Eigentlich wollte der Arbeitskreis das Heft der Öffentlichkeit im Rahmen eines Vortrags vorstellen. Aber die Corona-Pandemie ließ das nicht zu. „Damit müssen wir nun noch ein bisschen warten“, sagt der 83-Jährige.

Zusammengetragen hat der gebürtige Baierbrunner in der Chronik neben Daten und Karten auch Fotos. Es geht los mit der Besiedelung des Isartals in der Steinzeit, etwa 3000 Jahre vor Christus. In der Zeit der Bajuwaren (ab zirka 500 nach Christus) entstanden Nachbarorte. „An die Landnahme der Bajuwaren erinnern Ortsnamen, die auf -ing enden“, sagt Holzer. „In unserer Umgebung sind das Orte wie Puppling, Egling, Münsing, Ascholding, Deining, Icking und Gelting.“ Dort, wo das Siedlungsgebiet weiter ausgebaut wurde, traten bald auch Orte mit der Endung -hofen und -hausen auf: zum Beispiel Peretshofen und Wolfratshausen.

Der Name Geretsried lässt auf eine Rodung schließen

Die Geretsrieder Anfänge reichen bis ins elfte Jahrhundert zurück. Die erste urkundliche Erwähnung des Weilers lässt sich aus einer Urkunde ablesen, die aus dem Jahr 1083 stammt. Dort ist von „Gerratesried“ die Rede. „Ortsnamen mit den Endungen -roth, -reuth, -reith und ried gehen auf das Wort roden zurück“, erklärt der Hobbyforscher. So liege die Vermutung nahe, dass „unser Ort eine Rodung eines solchen Gerrat ist“.

Dreh- und Angelpunkt sind ein Kirchlein und zwei Bauernhöfe – die St.-Nikolaus-Kapelle, der Donibauer und der heutige Gasthof Geiger. „Sie sind die Keimzelle Geretsrieds“, sagt Holzer. Zum ersten Mal um eine Schank-Konzession bemühte sich der „Lukas-Bauer“ Josef Mayr 1808. Diese erhielt vier Jahre später die Witwe des bei einem Unfall verstorbenen Mayr. „In der Zwischenzeit waren 95 Beschwerden und Briefe gegen ein Wirtshaus in Geretsried geschrieben worden“, so Holzer. Für den Bau des Gasthauses – und der Kirche in Königsdorf – wurde die Friedhofsmauer um die Nikolauskapelle abgetragen.

Lesen Sie auch: Das verschlungene Straßennetz von Geretsried

Zum Schluss gibt es für den Leser noch einen interessanten Zeitzeugenbericht von Georg Orterer (1886-1987), ein Bauer vom Donihof, der stolze 101 Jahre alt wurde. Er beschreibt sein Leben in der Einöde, das hauptsächlich aus Arbeit bestand. „Bei uns gab es monatelang kein Fleisch auf dem Tisch. Wir lebten nur von unseren eigenen Erzeugnissen Brot, Milch, Butter, Käse und Topfen.“ In der Abgeschiedenheit gab es keine Abnehmer für die Erzeugnisse. „Somit hatten wir kein Geld, uns anderes zu kaufen.“ Zur Kirche ging man nach Königsdorf – im Kirchlein vor der Haustür wurden nur selten Messen gehalten. „Wir lebten solange ruhig in unserer Einöde, bis es 1937 plötzlich hieß, dass nach Gartenberg, so wurde der Forst wegen des Hügels neben der B11 genannt, eine ,Schokoladenfabrik‘ käme.“

Das war der Deckname für die beiden Rüstungswerke, die die Kriegsmaschinerie von Adolf Hitler mit Sprengstoff versorgte. Nach Kriegsende fanden in den gesprengten Bunkern Flüchtlinge und Vertriebene eine neue Heimat. Mit ihrem Wissen und ihrem Handwerkszeug legten sie den Grundstein für den Wirtschaftsstandort Geretsried.

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