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Blick hinter die Kulissen der DDR-Wirtschaft: „Müssen Wissen über wiedervereinigtes Deutschland aktualisieren“

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Verbringt viel Zeit am Schreibtisch: Horst Böttge liest alles, was über die ehemalige DDR geschrieben wird. Daraus hat er nun eine Vortragsreihe erarbeitet.
Verbringt viel Zeit am Schreibtisch: Horst Böttge liest alles, was über die ehemalige DDR geschrieben wird. Daraus hat er nun eine Vortragsreihe erarbeitet. © hl/Archiv

Dr. Horst Böttge ist als junger Mann mit einer der letzten S-Bahnen aus der DDR geflohen. Ostdeutschland ist sein Lebensthema. Sein Wissen hat der 85-jährige Geretsrieder in eine Vortragsreihe gepackt.

Geretsried – Auch über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung kommen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland immer wieder zur Sprache. Stehen die neuen Bundesländer schlechter da als die alten? Wie war die DDR ab 1945 ökonomisch aufgestellt? Wie hat sich die Wirtschaft seit dem Beitritt zur Bundesrepublik entwickelt? Mit diesen Themen setzt sich der Geretsrieder Dr. Horst Böttge Zeit seines Lebens auseinander. In einer Vortragsreihe, die am Donnerstag, 18. November, startet, gibt der 85-Jährige einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand. „Die Ergebnisse werden überraschen“, kündigt der Geretsrieder an.

Die Vortragsreihe besteht aus drei Teilen. Zunächst behandelt Böttge die DDR-Wirtschaft. Um ein Beispiel für das Leben in der sozialistischen Planwirtschaft zu geben, erzählt Böttge auch von seinem bereits verstorbenen Bruder Richard, der im Laufe seiner beruflichen Karriere mehrfach ausgezeichnet wurde. Gleichzeitig arbeitete die Stasi aber daran, ihn hinter Gitter zu bringen. Ausführlich beschreibt der Geretsrieder das in dem Buch „Drangsaliert und dekoriert“. Auch einige Fotos wird Böttge bei seinem Vortrag zeigen, die den Zustand der DDR zum Zeitpunkt des Mauerfalls am 9. November 1989 veranschaulichen sollen. „Gebäude und Umwelt waren in verheerendem Zustand“, sagt Böttge.

Treuhand bereitete Wiedervereinigung vor

Im zweiten Teil befasst sich der DDR-Experte mit der Treuhand, die mit der Umstrukturierung der ostdeutschen Wirtschaft beauftragt war, um die Wiedervereinigung vorzubereiten. „Viele Ostdeutsche haben erstmal ihren Arbeitsplatz verloren“, erklärt Böttge. Man müsse aber auch deutlich machen, dass die Deindustrialisierung Ostdeutschlands bereits mit der Teilung Deutschlands begonnen habe.

Böttge selbst ist mit 25 Jahren aus der DDR geflohen, weil er dort nicht promovieren durfte. Am 12. August 1961 – drei Stunden vor dem Mauerbau – setzte er sich in Berlin in eine der letzten S-Bahnen Richtung Westen. Böttge arbeitete bei Giesecke & Devrient. Der heute weltweit tätige Konzern für Sicherheitstechnologien für Banknoten und Chipkarten wurde in Leipzig gegründet, zu DDR-Zeiten enteignet und anschließend in München wiederaufgebaut. Erfolgsgeschichten wie diese erzählt Böttge im dritten und letzten Teil der Vortragsreihe. Außerdem räumt der Diplom-Wirtschaftsingenieur mit Mythen über die DDR auf und vergleicht Ost und West 30 Jahre nach dem Mauerfall.

„Wissen über die DDR zu vermitteln, um unsere Demokratie heute zu bewahren“

„Wir müssen das Wissen über Deutschland als wiedervereinigtes Land aktualisieren“, sagt Böttge. Er selbst habe durch seine Recherchen viel dazugelernt. Neben seinen eigenen Erfahrungen sind Erkenntnisse aus aktueller Literatur zum Thema in die Vortragsreihe eingeflossen. Außerdem nehme er jedes Jahr am Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung teil.

Auf die Idee, einen Vortrag für Erwachsene über die wirtschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands von 1945 bis 30 Jahre nach dem Mauerfall zu erarbeiten, brachte ihn das Luisengymnasium München, so Böttge. Das und auch andere Schulen besucht der 85-Jährige regelmäßig, um aus seinem Buch zu lesen. Am Tag des Mauerfalls in diesem Jahr feierte er seine 50. Lesung – an seinem eigenen ehemaligen Gymnasium in der sächsischen Oberlausitz. Böttge: „Es ist wichtig, Wissen über die DDR zu vermitteln, um unsere Demokratie heute zu bewahren.“

sw

Info

Die Termine für die Vortragsreihe sind jeweils am Donnerstag, 18. November, 25. November und 2. Dezember, um 19 Uhr. Die Teilnahme pro Termin kostet 8 Euro. Eine Anmeldung ist erforderlich bei der VHS, Telefon 08171/529144 oder online auf www.vhs-geretsried.de

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