Ausstellung in der Stadtbücherei

Was treibt Menschen zur Flucht? Schockierende Lebenswege und beklemmende Zahlen

Von Andrea Weber

Auf lebensgroßen Tafeln werden in der Stadtbücherei die Fluchtwege von Menschen aus Syrien und anderen Ländern nachgezeichnet.

Sie nehmen große Strapazen auf sich - nicht selten sind sie in Lebensgefahr: Das Thema Flucht ist allgegenwärtig. In der Stadtbücherei zeichnet eine Ausstellung die Lebenswege einiger Flüchtlinge nach.

Geretsried – „Spieglein, Spieglein an der Wand“ heißt eine neue Ausstellung in der Stadtbücherei. Studierende der Uni Erlangen haben mit Geflüchteten gesprochen und deren Lebensweg auf Schautafeln nachgezeichnet – von der Entscheidung, die Heimat zu verlassen, bis zur Ankunft in einem für sie fremden Land.

Björn Rodenwaldt, Leiter der Stadtbücherei, brachte es bei der Eröffnung der Ausstellung am Dienstagabend auf den Punkt: „Jeder von uns wird täglich mit diesen Themen konfrontiert. Ich war zuerst begeistert, diese Ausstellung hier zu zeigen und danach entsetzt, als ich sie mir genauer angeschaut habe.“

Nour, ein syrisches Mädchen, sah keine Überlebenschance in ihrer Heimatstadt Damaskus

Auf Tafeln sind Daten und Fakten der Flüchtlingsbewegung ab 2015 ausführlich und informativ erläutert: die Routen, die Gefahren, die Kosten, die Ankunft, die behördlichen Hürden, die rechtlichen Bestimmungen. Zudem werden vier Flüchtlinge in lebensgroßen Fotografien vorgestellt: Abiy aus Äthiopien, Psychologie-Student, Aktivist für Menschenrechte in seinem Land, verhaftet und gefoltert. Er musste nach seiner Entlassung aus seiner Heimat fliehen. Nour, ein syrisches Mädchen, sah keine Überlebenschance in ihrer Heimatstadt Damaskus. Nisreen, eine Englischlehrerin aus Damaskus, die 2015 Syrien verließ und sich 27 Tage lang auf einen gefährlichen Fluchtweg nach Deutschland begab. Und schließlich Andrii aus der Ukraine, der mit seiner Familie floh, als der Krieg unmittelbar bevorstand.

Werbung
Werbung

Nur wer mit den Menschen spricht, wird ihre Beweggründe verstehen

Hannah Schreyer

Auch wenn das Thema Migration durch Corona aus den Schlagzeilen verdrängt wurde, sei die Flüchtlingsbewegung weltweit so hoch wie nie, erklärte Hannah Schreyer von der Koordinationsstelle „Integration Aktiv“ des Trägervereins Jugend- und Sozialarbeit Geretsried. 82,4 Millionen Menschen müssen ihre Heimat verlassen. Im vergangenen Jahr stellten in Deutschland 243 000 Menschen einen Asylantrag. Schreyer hat an dem Projekt der Uni Erlangen mitgearbeitet und die Ausstellung nach Geretsried geholt. „Nur wer mit den Menschen spricht, wird ihre Beweggründe verstehen“, sagte sie. Niemand verlasse freiwillig seine Heimat, um in einem fremden Land neu zu beginnen.

Flucht und Migration gehören zur Identität der Stadt

Flucht und Migration sei ein wichtiges Thema in Geretsried, denn es gehört zur Geschichte der Stadt. So wie Rudi Mühlhans, Geschäftsführer des Trägervereins, kennen viele Geretsrieder dieses Thema aus der eigenen Familiengeschichte. Die Großeltern wurden nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben, mussten Hab und Gut zurücklassen, oftmals wurden die Familien getrennt. Die Stadtbücherei Geretsried sei der richtige Ort für diese Ausstellung.

Lesen Sie auch: Kürzlich erhielt die Stadtbücherei eine besondere Ehre

Björn Rodenwaldt und sein Team wollen auch die Asylbewerber aus der nahen Unterkunft zu sich einladen. „Die Kinder und Jugendlichen kommen inzwischen gerne.“ Die Erwachsenen seien zurückhaltender. „Die haben andere Sorgen in ihrem Alltag.“ Die Ausstellung ist noch bis zum 30. September zu sehen.

Andrea Weber

Info

Die Ausstellung ist während der Öffnungszeiten der Stadtbücherei zu sehen:

Dienstag 12 bis 18 Uhr,
Mittwoch 10 bis 16 Uhr, Donnerstag, 12 bis 19 Uhr, Freitag 12 bis 18 Uhr,
Samstag 9 bis 13 Uhr.

Mehr zum Thema

Geretsried
Kommentare zu diesem Artikel