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Bau, Sprengung, Demontage: 1939 begann man mit der Errichtung der Rüstungswerke im Wolfratshauser Forst. Zwischen 1946 und 1948 wurden etwa 200 Bunker gesprengt und demontiert.

Auf den Resten zweier Rüstungswerke

Wie die Amerikaner das heutige Geretsried erschufen

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Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollten die Amerikaner eigentlich die Munitionsfabriken zerstören. Doch sie überlegten es sich anders. Es entstand Geretsried. 

Geretsried – Was für eine rasante Entwicklung hat Geretsried hingelegt: Von einer kleinen Siedlung im Wolfratshauser Forst hat sich die Gemeinde innerhalb von 70 Jahren zu einer modernen Stadt mit 26 000 Einwohnern entwickelt. Aber Geretsried ist keineswegs aus dem Nichts entstanden. Wichtige Bausteine waren die Reste zweier Munitionsfabriken, auf denen die Stadt von Heimatvertriebenen errichtet wurde.

Volles Haus: Friedrich Schumacher vom Arbeitskreis Historisches Geretsried referierte im evangelischen Gemeindezentrum über die Anfänge Geretsrieds. 

In den Munitionsfabriken von Dynamit Aktiengesellschaft (DAG) und Deutscher Sprengchemie (DSC) wurde während des Zweiten Weltkriegs Sprengstoff hergestellt. Insgesamt gab es etwa 600 Gebäude, berichtete Friedrich Schumacher vom Arbeitskreis Historisches Geretsried beim Treffpunkt Wendeltreppe am Donnerstagabend im Gemeindezentrum der evangelischen Petruskirche. Drei Kraftwerke, die in der Nähe der Isar lagen, trieben mit dem erzeugten Strom die Maschinen an.

Einen Monat vor Kriegsende am 8. Mai 1945 fielen auf die gut getarnten Werke bei einem Luftangriff der Amerikaner 2000 Bomben. Sie richteten keinen großen Schaden an. „Es wurden zwei Bunkergebäude getroffen, ein Wachslager und eine Ausbildungsstätte für Arbeiter“, sagte Schumacher. Aber einige Leitungen wurden zerstört – das sollte später die Stromversorgung erschweren. Dann besetzten die Amerikaner die Rüstungsbetriebe. „Sie wollten die Munitionsfabriken dem Erdboden gleich machen“, sagte Schumacher. „Aber bald änderte sich ihre Vorgehensweise.“ Die Gebäude wurden enttarnt, die Anlagen demontiert und 200 Bunker gesprengt.

Die Heimatvertriebenen brauchten ein Dach über dem Kopf

Erhalten blieben unter anderem vier Verladerampen. Die am Haydnweg wurde zu einem Wohnhaus umgebaut. Im Erdgeschoss befindet sich seit Jahrzehnten ein Tante-Emma-Laden. Eines der schönsten Gebäude, das erhalten geblieben ist, ist für Schumacher das ehemalige Gästehaus der DSC an der Adalbert-Stifter-Straße. Bis 1962 gingen dort Kinder zur Schule. Seit 50 Jahren ist es Teil des Seniorenheims St. Hedwig. Ein Lagerhaus wurde zur katholischen Notkirche umgebaut.

Während des Kriegs lebten im damaligen Landkreis Wolfratshausen 23 000 Menschen, nach dem Krieg waren es 45 000. Ausgebombte Münchner, Flüchtlinge und Heimatvertriebe suchten hier Zuflucht. Schumacher: „Es lag auf der Hand, auf die Munitionsfabriken zurückzugreifen.“ Die ersten Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland erreichten Geretsried im April 1946. Sie wurden in den heruntergewirtschafteten Baracken der ehemaligen Arbeiter einquartiert. Der erste Betrieb, der sich im gleichen Jahr ansiedelte, war die Firma Rudolf Chemie, die es bis heute gibt.

Notbehelf: Das erste Gotteshaus von Geretsried befand sich in einem Bunker. Sie stand unweit der heutigen Pfarrkirche Maria Hilf.

Die Trasse der ehemaligen Werksbahn spielt bis heute eine tragende Rolle. Zwar sei die Gleisanlage erheblich dezimiert worden, berichtete Schumacher. Aber ein Teil davon ist das heutige Industriegleis, über das Gefahrgüter für zwei Geretsrieder Firmen – die Tyczka-Unternehmensgruppe und Pulcra Chemicals – transportiert werden. Es ist im Besitz der Stadt, die es der Landesanstalt für Aufbaufinanzierung 1974 für 150 000 Mark abgekauft hat.

Aus den ehemaligen Rollwegen wurde das Verkehrsnetz

Auch ein engmaschiges Netz an Betonstraßen durchzog die Werksgelände damals. „Sie waren ein guter Anfang“, sagte der Hobbyhistoriker. Heute spiegeln sie das Straßennetz wider. 1952 erhielten die wichtigsten Straßen einen Namen. 1961 waren auch kleinere Straßen dran. Und: Alle Gebäude erhielten eine Hausnummer. „Bis dahin galt die Rentnerauskunft“, meinte Schumacher schmunzelnd. Die älteren Herrschaften wussten genau, wer wo wohnte.

Lesen Sie auch: Warum ist das Geretsrieder Straßennetz so verschlungen?

Fast alle Rollwege sind mittlerweile verschwunden und durch ordentliche Straßen ersetzt. Nur jenseits der Jeschkenstraße im Staatswald gibt es noch welche. Auch Bunkerreste sind dort noch zu finden. Inzwischen hat sie die Natur vereinnahmt und wieder gut getarnt.

nej

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