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Vier Menschen haben einst in dem Zimmer geschlafen, das heute das Büro des Bürgermeisters ist, erinnert sich Waldtraut Diebl. „Heute schläft nur noch einer hier“, witzelt Bürgermeister Michael Müller und deutet auf seinen Schreibtischstuhl.

Serie „Vom Rand ins Rampenlicht“

Wiedersehen im Bürgermeisterbüro: Hier war einst Waldtraut Diebls Schlafzimmer

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Das Rathaus soll Mittelpunkt der „Neuen Mitte“ werden. Zeit, das denkmalgeschützte Gebäude inmitten der Großbaustelle am Karl-Lederer-Platz in einer Serie näher zu betrachten. Heute besucht Waldtraut Diebl (90) den Bürgermeister. In dessen Büro hat sie mal gewohnt.

Geretsried – Hier war die Küche, da eine Wand und dort eine Tür: Bürgermeister Michael Müller muss Waldtraut Diebl gar nicht hereinbitten, sie geht geradewegs ins Vorzimmer und weiter ins Büro des Rathauschefs. Von Berührungsängsten keine Spur – die Räume waren schließlich mal ihr Zuhause.

Die 85-Jährige hat von 1946 bis 1951 mit ihren Eltern und ihrem Bruder im heutigen Rathaus gewohnt, genau in dem Zimmer, in dem heute der Bürgermeister arbeitet. Vier Menschen haben in dem Raum geschlafen. „Heute schläft nur noch einer hier“, witzelt Müller und deutet auf seinen Schreibtischstuhl. Der Bürgermeister und seine „Vormieterin“ verstehen sich auf Anhieb.

Zuletzt war Diebl im Jahr 1982 an diesem Ort – damals war das heutige Bürgermeisterbüro das Trauungszimmer, und ihre Tochter Angelika, heute 56, hat dort geheiratet. An diesem späten Vormittag hat sich nun der Bürgermeister Zeit genommen, damit die Geretsriederin noch mal einen Blick in ihre ehemalige Unterkunft werfen kann. „Ich denke eigentlich gern zurück“, sagt Diebl und zeigt Müller einige Fotos und Dokumente von früher.

Erinnerungsfoto aus dem früheren Zuhause: Magdalena Dobner, Waldtraut Diebls Mutter, und Sohn Anton.

Ihr Vater Albert Dobner war vor seiner Familie in Geretsried. Er arbeitete beim Sprengkommando und schlief in Schwaigwall. Als Waldtraut Diebl mit ihrem Bruder und ihrer Mutter in Tachau im Egerland nach Illertissen in Schwaben ausgesiedelt wurden, holte der Vater sie zu sich.

Zu diesem Zeitpunkt wohnten drei Familien im Verwaltungsgebäude der Dynamit Aktiengesellschaft (DAG), dem heutigen Rathaus. Die Dobners kamen dort als vierte Familie unter – vor vielen weiteren Heimatvertriebenen. Die 85-Jährige hat die Anmeldebestätigung vom Bürgermeister für „Gelting bei Wolfratshausen“ bis heute aufgehoben. Die Gemeinde Geretsried wurde erst später gegründet.

Dort wo heute „IT-Sicherheitsfragen“, „Facility Management“ und andere Fachbücher im Regal stehen, stand 1946 das Ehebett von Waldtraut Diebls Eltern. Vor dem Fenster hatte die Familie einen Tisch. „Jeder Stuhl war anders“, erinnert sie sich. Ihr Vater hatte die Möbel nach und nach zusammengesucht. Aus dem Fenster Richtung Böhmwiese sah man Gemüsebeete. Jede Familie aus dem Verwaltungsgebäude hatte dort ein Stück Garten. Anderes war schwieriger zu bekommen. Die damals 14-Jährige musste nach Königsdorf und von Bauer zu Bauer laufen, um darum zu bitten, einen Schöpflöffel voll Milch zu kaufen – ein Leben in Knappheit.

Ausblick vom Zimmer „Dobner“ auf die Böhmwiese: Die Familien konnten vor dem Gebäude Gemüse anbauen.

„Es war eine schlechte Zeit, aber eine gute auch“, sagt Diebl. Sie erinnert sich an den Zusammenhalt im Verwaltungsgebäude. „Wir konnten die Wäsche im Speicher aufhängen, da hätte nie jemand etwas genommen.“ Als die Egerländer ihren ersten Maibaum aufstellen wollten, lagerten sie ihn im Hof hinter dem Verwaltungsgebäude. „Nachts ist Vater aus dem Bett gesprungen, da haben uns die Karlsbader den Baum gestohlen, das kannten wir gar nicht“, sagt die 85-Jährige und lacht herzlich.

Ihr Mann Josef (90) hat auch mit seiner Familie im Verwaltungsgebäude gewohnt, im Speicher. Seine jüngste Schwester Erika war das erste Baby im Haus. Nachdem Waldtraut und Josef Diebl geheiratet haben, endete ihre Zeit im späteren Rathaus. Die beiden zogen ins Steinhaus 1, das heutige Museum.

„Wenn Sie Lust haben, kommen Sie gerne mal wieder vorbei“, sagt Müller zum Abschied zu seiner „Vormieterin“. Auf dem Weg Richtung Ausgang sagt Diebl, dass sie noch genau weiß, wer in welchem Zimmer gewohnt hat. In die heutigen Büros müsse sie aber nicht mehr schauen. „Ich kenne ja alles.“

sw

Zuletzt durften wir für die Serie „Vom Rand ins Rampenlicht“ Rathaus Geretsried unters Dach des Rathauses sehen: So sieht es heute im ehemaligen Museum aus

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