Schwere Zeit: An ihrem 46. Geburtstag muss Elisabeth Hodolitsch ihre Heimat verlassen, und das ohne ihren Ehemann Georg – und den ältesten Sohn Georg. Beide sind im Krieg. Die dreifache Mutter flüchtet mit Tochter Katharina und Schwager Martin. Sohn Johann (6) musste sie in Pusztavám zu Grabe tragen. Das Foto ist Anfang der 1950er Jahre in Geretsried entstanden. 
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Schwere Zeit: An ihrem 46. Geburtstag muss Elisabeth Hodolitsch ihre Heimat verlassen, und das ohne ihren Ehemann Georg – und den ältesten Sohn Georg. Beide sind im Krieg. Die dreifache Mutter flüchtet mit Tochter Katharina und Schwager Martin. Sohn Johann (6) musste sie in Pusztavám zu Grabe tragen. Das Foto ist Anfang der 1950er Jahre in Geretsried entstanden. 

Geretsrieder Lebenslinien

„Wir sind Fremdlinge und heimatlos“: Auszüge aus dem Fluchttagebuch von Elisabeth Hodolitsch

  • Doris Schmid
    vonDoris Schmid
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Sie packten ihr Hab und Gut auf ein Pferdefuhrwerk und kehrten ihrer alten Heimat schweren Herzens den Rücken: 73 Personen mussten am 9. Dezember 1944 den Ort Pusztavám im heutigen Ungarn verlassen. Auch Elisabeth Hodolitsch gehörte dem Treck ein.  

  • 73 Personen mussten am 9. Dezember 1944 den Ort Pusztavám im heutigen Ungarn verlassen. Sie flohen vor der Roten Armee.
  • Zuflucht fanden sie im Januar 1945 in Beuerberg und später in Geretsried. Die Stadt sollte zu ihrer neuen Heimat werden.
  • Auch Elisabeth Hodolitsch gehörte dem Flüchtlingstreck an. Einige Jahre ihres bewegten Lebens hat die Bauersfrau in einem Tagebuch festgehalten. 

Geretsried – Im Jahr 1950 wurde Geretsried gegründet. Damals lebten 2260 Menschen zwischen Baracken und Ruinen. Inzwischen hat sich der Ort zu einer lebhaften Stadt mit über 26 000 Einwohnern entwickelt. Viele von ihnen haben ein bewegtes Leben hinter sich. In einer Serie porträtieren wir Persönlichkeiten, die einen besonderen Bezug zu Geretsried haben. Zum Auftakt werfen wir einen Blick in das Tagebuch von Elisabeth Hodolitsch. Sie musste vor der Roten Armee aus Pusztavám fliehen und fand in Geretsried eine neue Heimat.

Wir schreiben das Jahr 1944. Seit fünf Jahren herrscht Krieg in Europa, und ein baldiges Ende ist nicht in Sicht. Auch nicht in Pusztavám, einem 2500-Seelen-Dorf mit überwiegend deutscher Bevölkerung – etwa 80 Kilometer westlich von Ungarns Hauptstadt Budapest gelegen. Mitte Mai fliegen erste Fliegerverbände über den Ort, und im Oktober schieben sich Flüchtlingstrecks aus dem Banat und der Batschka durch Pusztavám. Das Donnern der Kanonen wird immer lauter, und die Lage wird von Tag zu Tag schlechter.

Die Front rückt näher

Im Dezember wird es sehr ernst. Die Front rückt immer näher. Am 4. Dezember bekommt Franz Stammler, den man als kommissarischen Bürgermeister eingesetzt hat, den Rat, die Flucht in die Wege zu leiten. Schon am nächsten Tag beginnen die Vorbereitungen. 600 bis 800 Dorfbewohner, hauptsächlich Frauen, Kinder und Senioren, entscheiden sich schweren Herzens, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. In vier Transporten verlassen sie Pusztavám in Richtung Schlesien, die damalige Tschechoslowakei und Österreich.

„Mit vielen Tränen packten wir unsere Kleider und Essmittel zusammen, und wir konnten nicht mehr schlafen bei der Nacht. Unser Herz war voll Jammern, und es kam der Befehl am 9. Dezember, an meinem Geburtstag, dass wir unsere teure Heimat verlassen mussten“, schreibt die damals 46-jährige Elisabeth Hodolitsch in ihr Tagebuch.

Tagelang im Treck unterwegs

Rund 30 Pferdegespanne mit 73 Personen brechen an jenem Samstag auf. Erster Halt ist in Kocs, dort wird übernachtet. Als der Treck am nächsten Tag aufbricht, fällt der Wagen mit sämtlichem Hab und Gut der Familie um. „Da waren wir sehr verzagt und haben geweint über das Elend“, schreibt die dreifache Mutter. „Wir packten auf und fuhren weiter.“ Tagelang bewegen sich die Gespanne in Richtung Österreich. An der Landesgrenze „blickten wir zurück und weinten, weil wir schwer an unsere teure Heimat dachten, die wir verlassen hatten“, schreibt die 46-Jährige. Am 19. Dezember erreicht der Treck Zillingdorf. Bei „guten Leuten“ verbringen die Flüchtlinge die Weihnachtsfeiertage. Am 3. Januar geht es weiter nach Neunkirchen. Dort werden sie mit ihren Wagen und Pferden in Eisenbahnwaggons verladen. Am 7. Januar treffen die Pusztavámer in Beuerberg ein. „Wir zogen in die Schule ein, wo lauter neue Betten standen“, beschreibt Hodolitsch ihre Eindrücke. „Auf der Schultafel stand ein Gruß geschrieben, herzlich willkommen ihr volksdeutschen Brüder.“ Es ist Sonntagabend, es gibt ein warmes Essen.

Bis zum 17. Januar sind die Mutter, ihre Tochter Katharina und ihr Schwager Martin in der Schule. Anschließend beziehen sie bei einem Bauern Quartier. Dort haben sie ein „gutes, warmes Zimmer“. Aber die Ehefrau sorgt sich um ihren Mann Georg, der 1944 im Alter von 50 Jahren noch in den Krieg eingerückt ist und von dem sie kein Lebenszeichen hat. Auch ihr ältester Sohn Georg ist eingezogen worden. Immerhin: Von ihm erhält sie Briefe.

In Beuerberg gibt’s wenig Felder

Der Winter vergeht, und das Frühjahr hält Einzug. Den Frühling hat die Bauersfrau in ihrer alten Heimat sehr geschätzt. In Beuerberg scheint zwar die Sonne. „Aber für uns scheint sie nicht. Wir können nicht anbauen, und in unserem Weingarten nicht arbeiten“, schreibt sie traurig.

Ihr fällt auf, dass in Beuerberg die Rinder „beim Hals angehängt sind“. Die Kühe geben nicht viel Milch. Es ist nur Heu zum Füttern da, sonst nichts. „Hier gibt es wenig Felder, nur Wiesen auf den Bergen“, so ihre Beobachtung. Seit sie von zu Hause fort ist, hat sie noch keine gute Milch getrunken – nur Magermilch. „Aber wir sind mit allem zufrieden. Nur der Feind soll nicht kommen.“

Elisabeth Hodolitsch ist sehr gläubig. In ihren Gebeten zu Gott sucht die Protestantin Zuspruch. Trotzdem fühlt sie sich verlassen in der Fremde. Sie sehnt sich nach dem Rest ihrer Familie. Liebend gern würde sie wieder in ihrem Weingarten und auf den Feldern arbeiten. In Beuerberg bleiben will sie nicht, weil es wenig Arbeit gibt. Freudige Überraschungen im tristen Alltag sind die Briefe ihres Sohnes Georg.

Am 29. April trifft ein Tieffliegerangriff den Ort. Elisabeth Hodolitsch schreibt von 25 Toten und mehreren Verletzten. Abends heißt es, der Feind kommt. „Aber er ist nicht gekommen, sondern am 30. April.“ Vor Angst kann die 46-Jährige nicht schlafen. Sie wird an diesem Abend Zeugin des Todesmarsches. Tausende Häftlinge aus dem KZ Dachau marschieren durch Beuerberg und werden von den Amerikanern befreit. Unter den Sträflingen sind auch Russen. Vor ihnen fürchtet sich Elisabeth Hodolitsch am meisten – die Pusztavámer mussten vor der Roten Armee fliehen. „Sie haben Vieles gestohlen und viel Schlechtigkeit getrieben, gezündet und gemordet“, erinnert sich die Bauersfrau. Sie spürt, dass der Krieg bald zu Ende geht – am 8. Mai ist es soweit. „Aber ob wir noch mal unsere Heimat sehen, wissen wir nicht.“

Zu Christi Himmelfahrt kann die Mutter endlich ihren Sohn in die Arme schließen. Überschwänglich dankt sie dem lieben Gott für seine Ankunft in Beuerberg. Aber sie weiß immer noch nicht, wo ihr Ehemann ist. Das und die tägliche Langeweile trüben die Freude. „Es geht noch keine Bahn, wir essen unsere eigene Kost. Dabei verdienen wir nichts. Die Tage sind uns so lang. Wir sind am Abend müde vom Simulieren.“

Keiner pflückt die Brennnesseln

Im Juni sehen die Pusztavámer, dass die Ernte nicht mehr weit ist. „Die Brennnesseln wachsen so schön, und es brockt kein Mensch“, schreibt Elisabeth Hodolitsch. Dabei wären die Pflanzen ein gutes Gänsefutter. Aber „hier sind keine Gänse“. Im Sommer ist das Getreide reif. Dieser Anblick bereitet der Bauersfrau Kummer. Sie muss an die Felder in ihrem Heimatort denken. In Beuerberg beteiligt sich die Familie an der Ernte. Sie schneidet das Korn mit der Sichel, „was uns dumm vorkam. Wir arbeiten hier, aber umsonst. Wir bekommen keinen Bissen Brot. Wir haben sehr wenig Mut zum Arbeiten.“

Am 2. September heißt es, dass die Pusztavámer bald in ihre Heimat zurückkehren können. Doch darauf geben sie nicht viel. Am 30. September wird in der Kirche das Erntedankfest gefeiert. Der Pfarrer predigt gut. Er fordert die Gläubigen auf, Gott für die Ernte zu danken. „Wir hätten ja gerne geerntet in der Heimat“, schreibt Elisabeth Hodolitsch. Sie bleibt zuversichtlich: „Der allmächtige Gott wird uns vielleicht doch ernähren und in unsere teure Heimat führen.“ Sie muss oft an ihren Mann, ihre Eltern und ihre fünf Geschwister denken. Ob sie wohl noch leben?

Der Herbst vergeht, und der Winter hält Einzug – mit wenig Schnee. Am 1. Dezember erfährt Elisabeth Hodolitsch, dass ihr Mann in britischer Gefangenschaft sein soll. „Was für eine Freude nach langem Bangen, sehne ich doch eine Nachricht von meinem Mann herbei.“ Zwei Tage später hält sie endlich einen Brief von ihrem Gatten in den Händen, datiert auf den 11. November. „Ein Jahr hatten wir kein Schreiben von ihm erhalten.“

Der 9. Dezember ist da – ein Tag, der gemischte Gefühle bei Elisabeth Hodolitsch hervorruft. Es ist ihr Geburtstag und der Tag, an dem sie ihre geliebte Heimat verlassen musste. In Pusztavám ist sie glücklich gewesen mit ihrem Ehemann samt Kindern, mit einem eigenen Haus und einem eigenen Herd, „wo wir so zufrieden lebten“.

1946 ist die Familie endlich vereint

Der 1. Januar 1946 ist ein Freudentag. Endlich trifft Georg Hodolitsch in Beuerberg ein. Die Familie ist wieder vereint und überglücklich. Im März erfährt die Elisabeth, dass sich ihre Eltern und Geschwister in Pusztavám aufhalten. Das sorgt für Beruhigung. Im April wird den Flüchtlingen erzählt, dass alle Deutschen ihre alte Heimat verlassen müssen. „Jetzt sind wir ganz ohne Hoffnung“, so Elisabeth Hodolitsch niedergeschlagen. „Wie gut war es in der Heimat. Hier sind wir Knechte und Dienstboten. Wir fühlen uns wie die verlorenen Schafe, die keinen Hirten haben.“ Im Mai verkauft die Familie schweren Herzens ihr Pferd.

Elisabeth Hodolitsch schreibt ihrer Mutter und bekommt auch einen Brief zurück. „Aber in diesem Schreiben fand ich nur Elend und Jammer und keine Hoffnung. Meine Mutter schreibt, sie leben nur von heute auf morgen.“ Sie wünscht sich, dass ihre Eltern und Geschwister bei ihr wären.

Flucht aus Pusztavám: Rund 30 Pferdegespanne mit 73 Personen brechen am 9. Dezember 1944 nach Österreich auf. Über Ödenburg (Foto) erreicht der Treck Zillingdorf. Von dort aus werden die Flüchtlinge mit ihren Gespannen in Eisenbahnwaggons verladen und nach Beuerberg transportiert. Etwa 750 Kilometer legen sie insgesamt zurück.

Der Sommer 1946 ist regnerisch, aber auch heiß „zum Verbrennen“. Am 14. August wird das letzte Stück des mitgebrachten Specks gegessen. „Hier ist ja alles auf Marken“, berichtet die Mutter. Vier Kilo Brot gibt es für eine Person im Monat, „was ja sehr wenig ist“. Von amerikanischen Glaubensbrüdern erhalten die Hodolitschs Kleidung. Die Familie arbeitet im Klosterhof, hilft bei Stall- und Heuarbeiten. Der Winter ist strenger als zu Hause, bringt viel Schnee und 20 Grad Kälte.

Auch im Jahr 1947 weiß die Familie nicht, wie es für sie weitergeht. Es ist von einer Siedlung für die Flüchtlinge die Rede. „Aber wie es ausschaut, will ja nichts daraus werden. Wir sind Fremdlinge und heimatlos.“ Im November blickt Elisabeth Hodolitsch auf den Sommer zurück, der ihr sehr zugesetzt hat: Sie musste sich einer schweren Operation unterziehen, von der sie sich nur langsam erholt. Ein Jahr später hat die inzwischen 50-Jährige manchmal Herzschmerzen. Aber sie ist glücklich und gesund.

Gartenberg wird zur neuen Heimat

Im November 1948 trifft ein Schicksalsschlag die Familie: Elisabeth Hodolitschs Vater stirbt in der alten Heimat. „Mit großer Trauer betrübt ist unser Herz“, schreibt sie an ihre Mutter in Pusztavám.

Im Mai 1949 steht ein freudiges Ereignis ins Haus: Sohn Georg feiert Hochzeit. Das Fest erfüllt Elisabeth Hodolitsch auch mit großer Traurigkeit, „weil von unseren Freunden so wenig dabei waren“. 1951 heiratet Tochter Katharina. Die Trauung findet in Wolfratshausen statt, die Feier ist in Gartenberg.

Der Geretsrieder Ortsteil soll zur neuen Heimat von Elisabeth und Georg Hodolitsch werden. Am 9. Januar 1952 beziehen sie ihr Zuhause. Sie zahlen 8,70 Mark Miete.

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