„Auf der Straße muss im Landkreis niemand schlafen“, sagen Christine von Pechmann (li.) und Claudia König-Heinle. Allerdings tun sich die beiden Caritas-Mitarbeiterinnen schwer, für ihr Klientel bezahlbare Wohnungen zu finden. Bei der Baugenossenschaft Geretsried ist seit Monaten nichts frei.

Ein Gespräch mit der Caritas-Wohnungslosenhilfe

Wohnungsnot: 30 Bewerber kommen auf eine Wohnung

Geretsried – Die Wohnungsnot in Geretsried ist groß. Das wird im Gespräch mit der Caritas-Wohnungslosenhilfe über die aktuelle Lage und die Pläne für das Lorenz-Areal deutlich.

2015 besaß die Baugenossenschaft (BG) Geretsried noch 1250 Sozialwohnungen. Aktuell sind es 850 und nächstes Jahr werden es nur noch 450 sein. Frei sind laut BG-Geschäftsführer Wolfgang Selig im Moment gar keine Wohnungen. Auch von privaten Vermietern wird kaum bezahlbarer Wohnraum in den Anzeigenblättern und im Internet angeboten.

Leidtragende sind nicht nur einheimische Sozialhilfeempfänger, anerkannte Asylbewerber und EU-Ausländer mit schlecht bezahlten Jobs, sondern auch die alleinerziehende Mutter, die Verkäuferin, die Krankenschwester oder der Koch, deren Einkommen für die Mieten auf dem freien Markt nicht reicht.
 
Claudia König-Heinle und Christine von Pechmann von der Wohnungslosenhilfe der Caritas appellieren im Gespräch mit unserer Zeitung daher dringend an Stadt und Land, mehr Mittel für die Prävention von Obdachlosigkeit zur Verfügung zu stellen und mehr sozialen Wohnungsbau zu betreiben. Das geplante Neubaugebiet auf dem ehemaligen Lorenz-Areal sei ein Anfang, sagen sie.

-Frau König-Heinle, Frau von Pechmann, können Sie uns zwei aktuelle Beispiele aus Ihrer täglichen Arbeit nennen?

Claudia König-Heinle: Ganz konkret kann ich wegen der möglichen Zuordnung nicht werden. Aber im Moment leben immer wieder Menschen mit Kindern in der Notunterkunft der Stadt, dem Haus Klara an der Jeschkenstraße, das die Caritas betreut. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Gründen, sei es weil die Eltern sich getrennt haben oder die Miete aufgrund von Arbeitslosigkeit nicht mehr bezahlt werden kann oder in einem aktuellen Fall ein Haus abgerissen werden soll. Wir versuchen, für unsere Klienten etwas Bezahlbares zu finden, was schwer ist. Bei kleinen Kindern und auch Haustieren geben leider viele Vermieter anderen Bewerbern den Vorzug.

Christine von Pechmann: Ein anderes Beispiel sind anerkannte Asylbewerber, die als so genannte Fehlbeleger in einer Asylbewerberunterkunft leben. Der Freistaat finanziert zwar weiterhin die Unterbringung dort, bis sie eine eigene Wohnung gefunden haben, doch zunächst einmal erhalten sie ein offizielles Schreiben, dass ihnen die Unterkunft gekündigt wird. Diese Menschen wenden sich dann verzweifelt an uns. Wir beruhigen sie und suchen eine dauerhafte Lösung. Auf der Straße muss im Landkreis niemand schlafen. Es gibt Einrichtungen wie das Haus Klara in Geretsried. Das sind Übergangslösungen.

-Doch wie finden Sie bezahlbare Wohnungen, wenn der Markt leergefegt ist?

König-Heinle: Das ist tatsächlich schwierig. In München kommen 72 Bewerber auf eine Wohnung, in Geretsried sind es 30. Immer mehr Menschen ziehen von der Landeshauptstadt zu uns. In den vergangenen zwei bis drei Jahren hat zudem die Anzahl an Migranten aus Osteuropa, Italien, Spanien und Griechenland zugenommen. Auch auf dem Land werden kleine Wohnungen gesucht, da die familiären Strukturen nicht mehr so stark vorhanden sind. Im Süden des Landkreises gibt es öfter kleine, günstige Wohnungen, aber wer im Norden arbeitet und womöglich kein Auto hat, zieht nicht nach Kochel oder in die Jachenau.

-Was können Sie hier tun?

König-Heinle: Wir versuchen, die allgemeine Situation der Wohnungssuchenden zu verbessern. Oft sind psychische Probleme oder Suchtprobleme der Grund für Arbeitslosigkeit und somit schlechte Chancen auf eine Wohnung. Die Caritas kann hier mit ihren vielen Angeboten helfen. Oft finden wir durch intensiven Einsatz, manchmal auch durch Zufall passende Wohnungen, von privat oder von der Baugenossenschaft. Pechmann: Wir sind sehr gut mit den Städten und Gemeinden vernetzt. Es gibt regelmäßige Treffen mit dem Ziel, erst gar keine Obdachlosigkeit entstehen zu lassen.

-Aufgrund der starken Zuwanderung durch Asylbewerber haben Bund und Länder den sozialen Wohnungsbau wiederentdeckt und fördern ihn finanziell. Ist das Bauprojekt auf dem ehemaligen Lorenz-Areal mit 30 Prozent Sozialwohnungen und 30 Prozent günstigen Mietwohnungen ein guter Anfang?

König-Heinle: Auf jeden Fall. Wir sagen: danke schön. Der Wohnungsmarkt für bezahlbare Wohnungen ist bereits seit einigen Jahren sehr angespannt. Nur durch das Hinzukommen der Asylbewerber ist jetzt die Politik bereit zum Umdenken und hat neue Förderprogramme aufgelegt. Wir unterstützen den Freisinger Appell. Hier haben sich vor einem Jahr bei einem dreitägigen Forum die Stadt München, die umliegenden Gemeinden und verschiedene soziale Einrichtungen zusammengetan, um ein zukunftsfähiges Konzept zu erarbeiten.

-Auf dem Lorenz-Areal könnten rund 550 Wohnungen entstehen.

Ein Lichtblick sind die Pläne für das Lorenz-Areal. Hier sollen zu je 30 Prozent Sozialwohnungen und günstige Mietwohnungen entstehen.

König-Heinle: Das Lorenz-Gebiet birgt die Chance auf ein neues Stadtteilviertel mit einer guten Durchmischung an Bewohnern. Der Anteil an Sozialwohnungen könnte höher sein. Man muss berücksichtigen, dass die Bewohner des Baugenossenschafts-Blocks an der Egerlandstraße ja auf das Lorenz-Gelände umziehen sollen, wenn die Baugenossenschaft im Zentrum ein neues Geschäfts- und Wohnhaus – mit wahrscheinlich weniger Wohnungen – anstelle des Blocks errichtet. Das ist ein bisschen Augenwischerei.
 
-Was gilt es zu bedenken?
 
König-Heinle: Wichtig ist es, in dem neuen Stadtteilviertel auch in die Zukunft zu denken und soziale Angebote wie Beratung, eine Nachbarschaftshilfe oder Treffpunkte zu schaffen. Die Wohnqualität sollte hoch sein, damit sich die Menschen auch wohl fühlen. Den ersten Plänen zufolge wirkt der Komplex auf mich sehr eng und verdichtet. Mehr Grün und mehr Plätze zum Verweilen wären schön.

-Macht Ihnen Ihre Arbeit trotz der steigenden Belastung noch Spaß?

Pechmann: Ja. Die Arbeit ist sehr vielfältig, und man sieht die Erfolge seiner Bemühungen. Im vergangenen Jahr hatten wir 220 Fälle. Wir haben bei der Antragstellung bei Behörden geholfen, haben Spenden akquiriert zum Wohnungserhalt, haben in 41 Fällen die Wohnung erhalten können und in neun Fällen den Umzug in eine neue Wohnung erreicht.

König-Heinle: Wir sind ein tolles Team und kooperieren gut mit den Kolleginnen Ines Lobenstein in Wolfratshausen und Barbara Stärz in Bad Tölz. Die Wohnungslosenhilfe ist im Landkreis außerordentlich gut aufgestellt.

-Gibt es dennoch Wünsche an die Politik?

König-Heinle: Die Stadt sollte Belegungsrechte für einige Baugenossenschafts-Wohnungen haben, um in Notfällen schnell helfen zu können. Dadurch gäbe es mehr Möglichkeiten als die sechs Zimmer im Haus Klara, die für Familien mit Kindern nicht besonders geeignet sind. Auf dem Lorenz-Areal könnte in dieser Richtung ein Anfang gemacht werden.

Pechmann: Das Verständnis seitens der Stadt ist da. Ich würde mir noch mehr Umsetzung und eine noch engere Vernetzung wünschen.

von Tanja Lühr

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