Endlich Bescherung: Erwachsenen mag die Magie von Weihnachten im Alltagsstress etwas verloren gehen. Für die meisten Kinder aber ist es immer noch das Fest der Feste.
+
Endlich Bescherung: Erwachsenen mag die Magie von Weihnachten im Alltagsstress etwas verloren gehen. Für die meisten Kinder aber ist es immer noch das Fest der Feste. 

Amazon oder Christkind?

Weihnachten aus Kindersicht: Fiebern im Hier und Jetzt

Weihnachten hat sich aus Kindersicht weniger verändert, als Erwachsene oft denken. Ein Besuch im Kindergarten.

Geretsried/Wolfratshausen –Der Mensch neigt dazu, sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken – und vergisst darüber bisweilen, dass seine eigene Wahrheit nur eine von vielen ist. Dem Autor geht es da nicht anders. Die Weihnachtszeit war früher schöner, denkt er jedes Jahr wehmütig: mehr Besinnlichkeit, Ruhe, Vorfreude und Schnee, weniger Hektik, Stress, Konsum und Oberflächlichkeit. Mit diesem (Vor-) Urteil im Kopf besucht er die „Arche Noah“, den Caritas-Kindergarten an der Graslitzer Straße in Geretsried und ist gespannt auf das, was die Kleinen zum Thema Weihnachten erzählen. Dass Amazon die Geschenke bringt, sie lieber fernsehen statt singen wollen und die Tage bis zum 24. Dezember, wie für uns Erwachsene, auch für die Kids wie im Flug vergehen – auf Aussagen wie diese spekuliert der Autor. Ergäbe eine hübsche Geschichte, ganz im Sinne seiner vorgefassten Meinung.

Den Zahn ziehen ihm Emma (5), Melina (4), Christina (5), Johanna (4), Lotti (3) und Melek (3) ab der ersten Sekunde ihrer kleinen Gesprächsrunde. Wer es gar nicht mehr erwarten könne, bis das Christkind kommt, fragt der Besucher. Sieben kleine Hände schnellen in die Höhe, alle rufen: „ich, ich“. Und dann erzählen sie mit leuchtenden Augen. „Ich habe schon einen Wunschzettel geschrieben“, tönt Emma, „und die Mama hat ihn dann dem Christkind hingelegt.“ Melina hat ihre Liste mit Papas Hilfe „an eine Stange auf der Terrasse geklebt“, und Christinas Geschenke bringt das Christkind just dann, „wenn wir alle in der Kirche sind und Lieder singen“. Auch Lottis Wünsche erfüllt nicht der Paketbote, sondern – anders als bei ihren Kameraden – „der Weihnachtsmann“; und der legt die Packerl „in den Garten“. Sogar Lana – irakischer Migrationshintergrund – feiert begeistert mit. Ihre Eltern stellten zu Hause einen Christbaum auf, erzählt das Mädchen, Präsente gebe es ebenfalls. Obwohl einige Familien aus einem völlig anderen Kulturkreis kämen, „sind alle Weihnachten gegenüber sehr aufgeschlossen“, sagt Erzieherin Myriam ein wenig stolz.

Vor dem vierten Advent geht’s richtig rund: Paketzustellerin im Interview

Allen Kindern gemein, das offenbart das Gespräch, ist die Ehrfurcht, in der sie über das geheimnisvolle Christkind reden. Myriam erlebt das in der Adventszeit Tag für Tag. Die 28-Jährige findet nicht, dass sich der Stellenwert der Feierlichkeiten von Jesu Geburt in den zehn Jahren, in denen sie nun als Kindergärtnerin arbeitet, groß verändert hat. „Alle glauben ans Christkind oder an den Weihnachtsmann, schreiben ihre Zettel und basteln gerne und viel, auch mit den Eltern zusammen.“ Die besinnliche Zeit mit Werken und Singen beginne eigentlich schon mit St. Martin, „dann kommen der Nikolaus und Weihnachten“ sagt Myriam. Die Rituale rund um das Fest der Feste sind nach wie vor Fixpunkte im Leben von Drei- bis Fünfjährigen. Und die Kleinen leben komplett im Hier und Jetzt – völlig losgelöst vom Heckmeck der Erwachsenenwelt. „Für die Kinder dauert es ewig, bis es Heiligabend ist, genauso wie bei uns früher“, sagt die Erzieherin.

Ob sich im vergangenen Jahrzehnt die Sicht des Nachwuchses auf das Fest verändert hat, kann kaum jemand so gut beurteilen, wie Katja Toppe. Die 49-Jährige und ihr Mann Hilmar haben sechs Kinder – im Alter von acht bis 18 Jahren. Trotz zum Teil älterer Geschwister „haben alle bis ins Grundschulalter ans Christkind geglaubt“, schwört die Farcheterin. Bis heute würde jeder – auch die Großen – „gerne mitspielen“, weil ihnen dieses Familienfest heilig sei. Zu elft feiern die Toppes an Heiligabend – inklusive zweier Großmütter und einer Cousine des Hausherrn. Keines der älteren Kinder habe bislang das Bedürfnis geäußert, sich beispielsweise nach der Bescherung zu verdrücken, um lieber noch Freunde zu treffen. „Die wollen es so, wie es ist“, sagt Katja Toppe. Von der einmal ins Spiel gebrachten Idee, über Weihnachten wegzufahren und woanders zu feiern, „haben wir uns nach kurzer Diskussion im Familienkreis schnell wieder verabschiedet“.

Natürlich, das räumt die sechsfache Mutter ein, „haben sich die Zeiten ein wenig geändert“. Zumindest die Geschenke, die im Handel vor Ort nicht zu bekommen sind, brächten mittlerweile die Paketdienste. Das erfordert schon mal eine größere Heimlichtuerei“, sagt die 49-Jährige, Nachbarn müssten als Empfänger einspringen. Insgesamt jedoch findet sie, „dass wir alles immer noch ganz gut hinkriegen“, im ursprünglichen Sinne des Festes. Die Magie, die von Weihnachten ausgeht, haben sich die Toppes bewahrt. „Unsere Familie ist zusammen, wir genießen uns und können an diesen Tagen auch immer noch sehr gut entschleunigen.“

Auch interessant

Kommentare