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Würfelzucker aus der Waldgaststätte

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Von: Doris Schmid

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Freitagsrunde: Einmal in der Woche traf man sich zum Kartenspielen. Links im Bild Wirt Stanislaus Chylla mit Sohn Alois.
Freitagsrunde: Einmal in der Woche traf man sich zum Kartenspielen. Links im Bild Wirt Stanislaus Chylla mit Sohn Alois. © privat

In der Serie „Historische Wirtshäuser“ stellen wir ehemalige Geretsrieder Gaststätten vor. Heute: die Waldgaststätte von Stanislaus Chylla in Stein.

Geretsried – „Geh ma zum Stani auf a Bier?“ Dieser Aufforderung folgten die Steiner gerne. Gemeint war mit dem „Stani“ die Waldgaststätte am heutigen Kochelseeweg, die Stanislaus Chylla zusammen mit seiner Frau Martha in den 1960er Jahren betrieb.

Stanislaus Chylla wollte unbedingt nach Deutschland

Die Chyllas stammten aus Ottmuth in Oberschlesien. Sie waren keine Heimatvertriebenen oder Flüchtlinge, wie der jüngste Sohn des Ehepaares, Florian Chylla im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt. „Mein Vater ist Mitte der 1950er Jahre mit seiner Frau und sechs Kindern ausgewandert. Er wollte unbedingt nach Deutschland.“

Machte ihrem Namen alle Ehre: Die Waldgaststätte am heutigen Kochelseeweg war von Bäumen umgeben. Vor dem Eingang gab es einen kleinen Biergarten.
Machte ihrem Namen alle Ehre: Die Waldgaststätte am heutigen Kochelseeweg war von Bäumen umgeben. Vor dem Eingang gab es einen kleinen Biergarten. © privat

Für die Großfamilie ging es zunächst ins Grenzdurchgangslager Friedland, dann nach Schalding in der Nähe von Passau. „Im Januar 1959 sind wir ins Durchgangslager nach Geretsried gekommen“, berichtet der heute 71-Jährige. In Oberschlesien hatte Stanislaus Chylla seinen Lebensunterhalt als Lagerarbeiter verdient. In Deutschland begann für den Familienvater ein neuer Lebensabschnitt, und zwar als Wirt der Waldgaststätte.

Vorne Gaststätte, hinten Lebensmittelladen

Das Lokal machte seinem Namen alle Ehre – es war von Bäumen umgeben. Laut Florian Chylla war es der erste Neubau in Stein zu dieser Zeit. „Hinten im Haus befand sich der Lebensmittelladen der Familie Gabor“, erinnert sich Florian Chylla. Die Gabors kannte Stanislaus Chylla noch aus Oberschlesien. Noch ein Grund, warum die Chyllas sich für Geretsried als neuen Lebensmittelpunkt entschieden hatten: Dort lebten bereits zwei ihrer Kinder.

Es müsste das Jahr 1960 gewesen sein, in dem die Waldgaststätte ihre Pforten öffnete. Ganz genau lasse sich das nicht mehr nachvollziehen, meint Florian Chylla. Die Wirtschaft war nicht sehr groß, mehr als 150 Quadratmeter waren es nicht. „Es gab fünf Tische und eine Bar, die um die Ecke ging.“ Vor dem Eingang des Lokals befand sich ein kleiner Biergarten.

Ausgeschenkt wurde Bier der Brauerei Hacker. Wirt Stanislaus stand hinter dem Tresen, Mutter Martha sorgte für die Kinder und bediente die Gäste. Auf der Speisekarte standen kleine Gerichte wie Gulaschsuppe, Wiener Würstchen und Brotzeiten. Samstags kochte die Mutter auch mal für einen ledigen Gast mit. „Aber das war nicht offiziell“, erzählt Florian Chylla mit einem Augenzwinkern.

Museumsreif: Neben zwei Fotos hat Florian Chylla im Fundus noch Würfelzucker in Originalverpackung aus der Waldgaststätte gefunden.
Museumsreif: Neben zwei Fotos hat Florian Chylla im Fundus noch Würfelzucker in Originalverpackung aus der Waldgaststätte gefunden. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Freitags trafen sich die Männer zum Kartenspielen. Dienstag war eigentlich Ruhetag. „Aber wenn jemand Geburtstag feiern wollte, ist der Ruhetag für solche Festivitäten hergenommen worden.“ Der jüngste Spross der Familie war ab und zu auch in der Gaststube und wurstelte mit, wenn er durfte. „Man konnte sich schnell eine Cola einschenken oder ein Eis nehmen, das war sehr praktisch“, erinnert sich der 71-Jährige. „Sonst musste man ja in den Laden und eins kaufen. So war man direkt an der Quelle. Das war eine schöne Zeit.“

Rückzug aus gesundheitlichen Gründen

Ende der 1960er Jahre zog sich Stanislaus Chylla aus gesundheitlichen Gründen zurück. Andere Pächter übernahmen das Lokal. Der Geretsrieder kann sich an einen Wirt aus München, einen Italiener und zwei Brüder aus Geretsried erinnern. Bei Letzteren sei es „ein bisschen wild zugegangen“. Vermutlich Anfang der 1970er Jahre schloss die Wirtschaft für immer ihre Pforten. Auch der Lebensmittelladen wurde aufgegeben.

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In unserer Serie „Historische Wirtshäuser“ stellen wir in loser Reihenfolge ehemalige Geretsrieder Gaststätten vor. Wer weitere Infos und Fotos beisteuern kann, meldet sich am besten per E-Mail an redaktion@isar-loisachbote.de

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