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Seit 1975 verheiratet: Christine Hodolitsch und ihr Mann Georg, hier beim Maitanz auf dem Karl-Lederer-Platz.

Familie stellt seit Jahren einen Maibaum auf

Wurzeln in Oberschlesien: Christine Hodolitsch erzählt ihre Geschichte

Wie und warum sind sie nach Geretsried gekommen? All das erzählen Menschen aus dem Stadtteil Stein in der Broschüre „Geschichte(n) in Stein geschrieben“. Heute: Christine Hodolitsch, aufgeschrieben von Sandra Mader.

Geretsried – Meine Eltern waren Deutsche aus Oberschlesien (heute: Polen) und lebten dort im Kreis Bielitz/Biala. Nach dem Krieg wurden die Mutter und Schwester meines Vaters aus der Heimat vertrieben und kamen über Sachsen und Thüringen nach Bayern. Mein Vater kam über Riedenburg nach Wimpasing bei Ammerland am Starnberger See und konnte als Handweber bei der Firma Rohi arbeiten.

Meine Mutter blieb nach der Vertreibung mit ihrer Familie in Thüringen und kam 1951 schwarz über die Grenze zu ihrem Bräutigam nach Wimpasing. Im gleichen Jahr heirateten die beiden in Münsing. Als die Firma Rohi nach Geretsried umsiedelte, kam auch das junge Ehepaar nach Geretsried. Die Firma Rohi gibt es bis heute, bereits in der dritten Generation, heute ist sie spezialisiert auf Textilien für Flugzeuginterieurs.

In Stein konnte das junge Ehepaar, sowie die Mutter und die Schwester meines Vaters, eine Zwei-Zimmerwohnung in einer Steinbaracke mit der Nummer 207 beziehen. Die Nummer unserer damaligen Baracke war mir aber bis zum Alt-Steiner Treffen vor zwei Jahren (2015) im Gasthof Geiger nicht mehr genau bekannt.

Geschichte(n) in Stein geschrieben: In der Broschüre des Trägervereins Jugend- und Sozialarbeit Geretsried kommen Stadtteilbewohner zu Wort.

1952 erblickte ich in Wolfratshausen das Licht der Welt. Nun lebten wir zu fünft, meine Eltern sowie die Mutter und Schwester meines Vaters, in der kleinen Wohnung, bestehend aus einer Wohnküche, einem Schlafzimmer und einem kleinen Bad. Ein Jahr später wurde in dieser Wohnung mein Bruder geboren. 1955 zogen meine Eltern mit uns zwei Kindern an die Richard-Wagner-Straße in das Laubenganghaus. Dort hatten wir auf zirka 56 Quadratmetern drei Zimmer, das Kinderzimmer wurde aber anfangs untervermietet, solange bis mein zweiter Bruder auf die Welt kam. Bis zu meiner Heirat im Jahr 1975 wohnte ich also mit meiner Familie in der Richard-Wagner-Straße. Da meine Tante und Oma aber in Stein blieben, ist der Kontakt zum Stadtteil nie abgebrochen. Oft besuchten wir uns gegenseitig. Im Statikbüro Tschammler & Sachers im Musikerviertel erlernte ich den Beruf der Bauzeichnerin und arbeitete 36 Jahre lang in diesem Büro.

Nach der Heirat lebten mein Mann und ich als Übergangslösung bei seinen Eltern im Blumenviertel in zwei Räumen. Wir hatten uns schon vorher für ein Baugrundstück in Stein beworben. Eigentlich wollten wir lieber im Blumenviertel bleiben, wo mein Mann aufwuchs. Doch die Bewerbung war erfolgreich, und so bauten wir unser Haus und wohnen nun seit 1979 in Stein, obwohl wir hier nie leben wollten. Die gut erhaltenen Sparren des ehemaligen Durchgangslagers haben wir, wie auch andere Nachbarn, gut für den Innenausbau im Dach und Keller verwenden können.

Die Heimat meiner Eltern hat mich und meinen Bruder nie interessiert, weil uns der Bezug dazu fehlte. Aber mein Mann ist seit 1960 in der Trachtengruppe der Deutschen aus Ungarn aktiv; seine Eltern sind als Deutsche in Ungarn aufgewachsen und nach dem Zweiten Weltkrieg als Heimatvertriebene nach Geretsried gekommen. In dieser Tanzgruppe bin auch ich aktiv gewesen, hier fühlte ich mich lange zugehörig. Was die Heimat der Eltern meines Mannes angeht, spielt auch der Weinbau eine große Rolle. Mein Mann hat seinen eigenen kleinen Weinkeller.

Wir haben hier in Stein unsere zwei Kinder großgezogen und fühlen uns sehr wohl. Zum 1. Mai stellen wir zusammen mit unseren Nachbarn seit 27 Jahren einen ungarndeutschen Maibaum in unserem Garten auf. Diesen Brauch hatte mein Mann mit seinen Brüdern und Cousin bereits als Schüler im Blumenviertel in Gartenberg bis etwa 1962 gepflegt. Jetzt ist er der höchste Maibaum in Stein und wird mit einer zünftigen ungarndeutschen Brotzeit gefeiert.

Sandra Mader

Über diese Serie

Dieser Text stammt aus der Broschüre „Geschichte(n) in Stein geschrieben“, die im Rahmen des internationalen Förderprogramms „Actors of Urban Change“ entstanden ist. Der Trägerverein Jugend- und Sozialarbeit sowie die Stadt haben ihn freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Lesen Sie auch:

Den ersten Teil der Serie: Deshalb zog Tamara Bykova von Kasachstan nach Geretsried

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