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Mann mit den 1000 Gesichtern: Sigi Zimmerschied schlüpfte im Hinterhalt permanent in neue Rollen. 

Hinterhalt Gelting

Rückkehr der Feindbilder

Gelting - Am 7. Januar hat man in der freigeistigen Hinterhalt-Bühne eines schwarzen Tages gedacht: Genau ein Jahr zuvor hatten Fanatiker ein Attentat auf die Redaktion des Satire-Magazins "Charlie Hebdo" verübt. Dazu passte der Auftritt von Sigi Zimmerschied ganz prächtig. 

Ach ja, ein Leben ohne Vorurteile! Das wäre schön, findet der gedrungene Mann mit Brille und lichtem Haar, der da lässig auf die Bühne des Hinterhalts schlendert. Er pfeift ein Lied vor sich hin und sagt ganz milde: „Ich habe meine eigenen Feindbilder satt.“ Also alles eitel Harmonie? Vorsicht! Der Mann heißt Sigi Zimmerschied, ein rabiater Schimpfer und rigoroser Autoritätenbeleidiger aus Passau. Sein jüngstes Soloprogramm „Tendenz steigend – ein Hochwassermonolog“, das er zum Besten gibt, ist in diesem Moment erst zwei Minuten alt. Da kommt noch was.

Die Donau steigt und steigt und steigt

Das ist der Donau zu verdanken. Sie tut nämlich, was sie gerne tut: Sie steigt, droht die Keller zu überschwemmen und jagt den Menschen Angst ein. Die nahende Katastrophe macht die jeweiligen Ichs, die Zimmerschied verkörpert, zunehmend nervös und aggressiv. Die Feindbilder, die sie gerade noch verabschieden wollten, kehren mit Wucht zurück. So hatte der Mann da oben anfangs die ganze Welt willkommen geheißen, christliche Nigerianer, schwule Russen, ja sogar normale Österreicher. Doch mit dieser Toleranz ist es ruckzuck vorbei. Bei den Russen drängt sich ihm die Frage auf: „Wo will der noch überall hin?“ Und die Österreicher bezeichnet er als „vorzeitigen Samenerguss der Schöpfung.“ Wofür er sich auch noch scheinheilig entschuldigt. So hinterfotzig ist der Typ.

Warum sich der Berti wohl einen Bart wachsen lässt?

Feindbild Nummer eins, natürlich, die Familie. Da ist zum Beispiel der Neffe Berti. Man kann sich nur wundern, warum er neben seinem Orientalistik-Studium nicht mehr zum Rasieren kommt. Irgendwann dämmert es: Der Berti will in den Dschihad ziehen. Was, der? Der immer nur vor dem Computer hockt und Angst vor Frauen und wahrscheinlich auch noch vor dem Nikolaus hat? „Nein, so armselig kann kein Gott sein, dass er den in seiner Armee brauchen kann.“ Wasserstand 2,88 Meter. Tendenz steigend.

Ein liebreizender Weihbischof... oder doch nicht?

Oder die Kirche, seit jeher Zimmerschieds bevorzugte Zielscheibe. Tut sich da womöglich was? Wird man ausgerechnet in Passau, wo der Kabarettist einst wegen Gotteslästerung angeklagt war, liberal? Der junge, smarte Weihbischof jedenfalls wohnt angeblich in einer WG mit Nonnen. Zimmerschied, wen auch immer er gerade darstellt, findet das zunächst „liebreizend“. Später gehen allerdings die sexuellen Fantasien mit ihm durch, und zwar so deftig, dass man es lieber nicht in die Zeitung schreibt. Nur so viel: „Geschiedene und Hinterlader/ Gehören nicht ins Jagdgeschwader.“ Die säkulare Hinterhalt-Gemeinde johlt. Tendenz, natürlich: steigend.

Je mehr Apps, desto bescheuerter der Handybesitzer

Auch die Zweifel am Segen der allgemeinen Digitalisierung werden im Angesicht der Katastrophe massiv. Faustregel: Je mehr Apps einer auf seinem Handy hat, desto bescheuerter ist er. Bei weniger als zehn Apps handelt es sich vermutlich um einen selbstständig denkenden Menschen, der allein den Weg durch das Leben findet. 20 Apps: „ichschwacher Karrierist“. 40 Apps: „die moderne Variante des Behindertenausweises“. „Solche hat man früher im Krieg super für die erste Reihe gebrauchen können.“ Wasserstand: Besorgniserregende 7,60 Meter. Beim Hochwasser 2013 waren es zwar 12,89 Metern. Aber jetzt kommt das Polentief dazu.

Dieser Mann kennt das Volk ziemlich gut

So geht das eineinhalb Stunden lang. Was Zimmerschied bietet, ist schauspielerisch extrem anspruchsvoll, alle paar Minuten, ja alle paar Sekunden schlüpft er in neue Rollen. Gestik und Mimik sind so ausgeprägt, dass man nur sagen kann: Der Mann hat dem Volk nicht nur aufs Maul geschaut, sondern auch sonst überall hin. Manchmal redet der Passauer schneller, als die Synapsen seiner Zuhörer schalten können, aber das macht nichts. Einmal rüffelt er die Gäste, weil sie Fotos von ihm machen. „Das nervt“, donnert er ins Parterre. Und: „Denkt’s lieber über das nach, was ich hier oben sage, da habt’s genug zu tun.“ Wohl wahr.

Frieden mit der Welt bei Backhendl und Weißbier

Irgendwann beruhigt sich die Lage, die Donau steigt nicht über die Ufer, das Desaster bleibt aus. Schade fast, so eine Katastrophe wäre mal eine erfrischende Abwechslung gewesen. Und der Abschied von den liebgewonnen Hassobjekten fällt auch nicht ganz leicht. Aber bei einem Weißbier mit Backhendl und Kartoffelsalat schließen die Figuren nacheinander ihren Frieden mit der Welt. Sogar der Berti nimmt vom Heiligen Krieg Abstand. Ist halt doch etwas abgelegen, dieses Syrien. Donnernder Applaus. Volker Ufertinger

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