Ton ab, Kamera läuft: Schüler des Geretsrieder Gymnasiums führten mit Vertretern des Historischen Vereins Wolfratshausen sowie Zeitzeugen Interviews über die Zeit des Lagers Föhrenwald. Foto: Sebastian Dorn

Geschichtsstunde mit Time-Code

Waldram/Icking - Für ein Zeitzeugenprojekt übernehmen zehn Schüler des Geretsrieder Gymnasiums Aufgaben hinter Videokamera und Schnittpult. Mit Vertretern des Historischen Vereins Wolfratshausen führten sie Interviews über die Zeit des Lagers Föhrenwald.

Am Drehtag sind alle ein bisschen aufgeregt. Die Zeitzeugen Jcek Surowicz (78) und Jacques Cohen (68), weil sie gleich im Scheinwerferlicht sitzen werden. Die Dokumentarfilmerin Dr. Sybille Krafft, weil für sie jedes Gespräch ein Highlight mit neuen Erfahrungen ist. Niemand weiß schließlich, welche spannenden Geschichten zu Tage gefördert werden können. Am lautesten pocht das Herz aber wohl bei Veronika Schlosser (16), Viktoria Ziesler (17) und Felix Wieland (17). Die drei Elftklässler des Geretsrieder Gymnasiums übernehmen die Hauptarbeit für den Dokumentarfilm: Sie stellen nicht nur vor der Kamera die Fragen, sondern kümmern sich hinter den Kulissen auch um Ton und Schnitt.

Gemeinsam mit dem Ickinger Filmproduzenten Rüdiger Lorenz (59) und dessen Sohn Philipp (21) zeichnen sie die Gespräche in Icking auf. Ist das Bild scharf? Sitzt der Puder? Läuft der Ton? Das alles müssen die Schüler beachten, bevor die Kamera läuft. Beim Gespräch mit Surowicz steht Veronika hinter der Kamera, Viktoria und Krafft nehmen neben dem Zeitzeugen auf blauen Kinosesseln Platz. Professionell wechseln sie sich beim Abarbeiten des Fragenkatalogs ab. Die Atmosphäre ist beeindruckend: Lorenz hat ein kleines Kino in seinen Keller gebaut, überall hängen Lichter und stehen Mikrofone.

Anfangs möchte es aber noch nicht so recht klappen. Erst ist der Ton nicht laut genug, dann spricht Surowicz nicht in Richtung Kamera, sondern zu seinem Freund Cohen. Das sieht auf dem Video seltsam aus. Glücklicherweise verfliegt die Aufregung schnell, ein spannendes Gespräch entsteht. Über die Traditionen der „displaced persons“, Hochzeiten, Freizeit- sowie Bildungsangebote. Und über die Mikwa, das Ritualbad im Keller des Badehauses, dessen Existenz Krafft wie berichtet schon mehrfach belegt hat. Bevor Surowicz nach Föhrenwald kam, hatte er sich mehrere Jahre in den Wäldern der Ukraine vor der SS versteckt, erzählt er. Den Zuhörern im Raum stockt der Atem - mit dieser ergreifenden Geschichte konnten sie bei den Planungen nicht rechnen. Die Schüler agieren dennoch wie Profis, haken gefühlvoll nach, wechseln die Schwerpunkte. Krafft lächelt immer wieder anerkennend.

Gut eineinhalb Stunden später ist das erste Gespräch im Kasten. Zwei Kameras haben jede Regung von Surowicz aufgezeichnet, eine aus naher Perspektive, eine in die Totale. In den nächsten Tagen werden die Schülerinnen das Gespräch Wort für Wort abtippen, anschließend das Videomaterial mit so genannten Time-Codes versehen. Das ermöglicht es laut Expertin Krafft, später wichtige Passagen zu finden, „ohne sich zu Tode zu suchen“.

In ein paar Wochen werden die Elftklässler gemeinsam mit Philipp Lorenz, der Medienkommunikation studiert, themenbezogene Clips schneiden. Insgesamt führen zehn Schüler mit fünf Zeitzeugen Gespräche. Die werden in Kontext gestellt. „Sie haben sich sehr gut geschlagen“, lobt Filmprofi Krafft. Die fertigen Filme sollen auf Multimediastationen im renovierten Waldramer Badehaus und im Internet gezeigt werden.

Gefördert wird das Dokumentarprojekt durch das Leo Baeck-Programm, erklärt die in Holzen/Icking lebende Historikerin. Alle Kosten, etwa für das Videoequipment, sind so abgedeckt. Schon bei der Antragstellung vor knapp zwei Jahren sei vorgesehen gewesen, mit Lehrerin Eva Greif und einer Schulklasse des Geretsrieder Gymnasiums zusammenzuarbeiten. „Wir haben uns mit der Waldramer Geschichte intensiv auseinander gesetzt. Dass wir das Projekt professionell begleiten dürfen, ist ein tolles Erlebnis“, sagt Viktoria.

Was alles hinter der Kamera passierte und wie schwierig der Weg zum fertigen Film ist, wird auf Video zu sehen sein. Felix hat die Dreharbeiten aus dem Blickwinkel der Akteure mit seiner Handykamera gefilmt.

Sebastian Dorn

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