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So sieht die Lernlandschaft im Gymnasium aus: Würfelförmige Stoffhocker, Sitzsäcke und bunte Möbel sollen ein Wohlfühl-Klima schaffen.

Gymnasium Geretsried

Lerninseln als neues Pädagogik-Modell

Im Geretsrieder Gymnasium gibt es eine Neuerung. In einem modernen Pädagogik-Modell üben Fünftklässler „Selbst Organisiertes Lernen“. 

Geretsried – Zwei Mädchen haben es sich zusammen auf einem Sitzsack bequem gemacht und studieren den Diercke-Weltatlas. Um etwas aus dem Buch abzuschreiben, wechseln sie an den Tisch. Ein Junge liest bäuchlings auf dem Boden liegend einen Text. Er hat sich einen Lärmschutz-Kopfhörer aufgesetzt, damit er sich besser konzentrieren kann. Ein anderer ist mit seiner Aufgabe fertig und träumt im Sitzsack vor sich hin. In den Lernlandschaften am Geretsrieder Gymnasium machen seit September zum ersten Mal sämtliche Fünftklässler Bekanntschaft mit dem „Selbst Organisierten Lernen“.

Klassenzimmertüren stehen offen

SOL 5 heißt der im M-Gang im ersten Stock der Schule neu eingerichtete Bereich. Hier stehen alle Klassenzimmertüren offen. Ein Zimmer ist speziell für hörgeschädigte Kinder ausgestattet. Auf dem so genannten Marktplatz in der Mitte liegen orangefarbene Bodenkissen, es gibt würfelförmige Stoffhocker, aber auch Stühle und dreieckige Tische, die sich schnell zu größeren Tischen zusammenschieben lassen. In einer Hängeregistratur finden die Schüler Mappen voller Aufgaben samt Lösungen.

Mehr selbstständiges Lernen statt reiner Stoffvermittlung

Die provisorischen Lernlandschaften seien noch kein Vorzeigeobjekt, sagt Konrektorin Christine Kolbeck, die selbst in den fünften Klassen unterrichtet. Erst im Zuge der bevorstehenden Generalsanierung des Gymnasiums soll das moderne Pädagogik-Modell so umgesetzt werden, wie es von Fachleuten entwickelt wurde und wie es die Lehrer an anderen Schulen besichtigt haben. Das heißt, die Klassenräume werden gar keine Türen mehr besitzen, dafür Fenster, die den Blick auf den Marktplatz freigeben. Teppiche statt Linoleum werden für ein Wohnzimmer-Gefühl sorgen. Alles wird heller. Von der fünften bis zur achten Klasse sollen die Schüler die besondere Unterrichtsatmosphäre genießen dürfen. „Sie passt zum neuen Lehrplan Plus, der ab 2017 eingeführt wird. Er sieht mehr kompetenzorientiertes, selbstständiges Lernen statt reiner Stoffvermittlung vor“, erklärt Kolbeck. Die Schüler könnten flexibler arbeiten, alleine oder im Team, handschriftlich oder am Computer. Sie seien in Bewegung und damit – das ist wissenschaftlich erwiesen – ruhiger.

Schummeln bringt nichts

Nach einer Unterrichtseinheit im Klassenzimmer haben die Fünftklässler die freie Wahl, wo sie die vom Lehrer gestellten Aufgaben erledigen. Am Ende können sie in den vorbereiteten Mappen nachschauen, ob sie zu den richtigen Lösungen gekommen sind. „Wir schummeln nicht. Das bringt uns ja nichts“, sagt die zehnjährige Laura. Die Lehrer stehen selbstverständlich bei Fragen immer noch zur Verfügung. Auch sie sind dadurch mehr auf den Beinen, was Christine Kolbeck als angenehm empfindet.

Regeln gelten trotzdem

Freilich gelten bei aller Selbstorganisation Regeln: In den Klassenzimmern soll die „30-Zentimeter-Stimme“ eingehalten werden, in den Fluren die „Zehn-Zentimeter-Stimme“. In Stillarbeitsbereichen ist nicht einmal Flüstern erlaubt. Essen und Trinken sind ebenso verboten wie Rennen und Toben. Dafür sind die Pausen da.

Die Realschule testet die Lerninseln ebenfalls

Auch an der benachbarten Realschule wurden die Lerninseln heuer testweise eingeführt. Während der Sanierung des Schulzentrums werden die Fünftklässler des Gymnasiums und der Realschule je ein Stockwerk in einem Interimsgebäude beziehen. Es entsteht gerade an Stelle des Lehrerparkplatzes und soll im April bezugsfertig sein. In dem Bau werden die Schüler die vertrauten Elemente der Lernlandschaften wiederfinden. Nach der Sanierung des Schulzentrums warten jeweils die perfektionierten, endgültigen Lernlandschaften auf die Unterstufenschüler.

Den Kindern gefällt das Konzept sehr gut

Ihnen gefällt das Konzept ausgesprochen gut. Der zehnjährige Nicholas sagt, er schätze es, dass er in der so genannten Freiarbeitsphase zusammensitzen könne, mit wem er wolle. Den Marktplatz finde er gemütlich und schön bunt: „Sonst hat man überall braune Tische und Stühle und weiße Wände. Hier sind die Stühle Grün und die Regale Gelb.“ Laura, ebenfalls zehn Jahre alt, sagt, sie lerne besser in dem freundlichen SOL-Bereich, der ja auch ein bisschen nach Costa del Sol klingt. Mathe, Deutsch, Englisch, Religion und Geografie hat sie dort. Für die anderen Fächer wie Biologie geht es in die Fachräume. Janina (10) gefällt, dass sie zwischendurch mit den Kopfhörern auf den Ohren abschalten kann.

„Wir arbeiten jetzt viel mehr im Team“

Für die Lehrer bedeutet die Neuerung eine Umstellung. „Wir arbeiten jetzt viel mehr im Team“, sagt Christine Kolbeck. So würden sich alle Fünftklasslehrer absprechen, wann sie Schulaufgaben abhielten, damit im gesamten SOL-5-Bereich Ruhe herrsche. An das leise Reden musste sich Kolbeck erst gewöhnen: „Ich habe normalerweise eine laute Stimme. Es schadet aber sicher nicht, wenn ich sie zwischendurch schone“, meint die Konrektorin und lacht.

Von Tanja Lühr

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