Der Horror eines Kriminalfalls aus dem wahren Leben

Kennt das Grauen: Rechtsanwalt und Autor Ferdinand von Schirach. Foto: Big

Schäftlarn - Der Jurist Ferdinand von Schirach liest Geschichten über Schwerverbrecher, Mörder und Vergewaltiger im Ebenhausener Mariandl.

Ein Strafverteidiger steht in der Gunst der Menschen nicht besonders hoch. Er muss lästige Fragen über sich ergehen lassen. Zum Beispiel die nach seiner eigenen Unbescholtenheit:

Wie kann er es mit seinem Gewissen vereinbaren, die Belange von Mördern und Schwerverbrechern über die des Opfers zu stellen? Steht diese „Gefühlskälte“ nicht im Widerspruch zum inneren Aufruhr, der ihn doch plagen muss?

Ferdinand von Schirach – schütteres, leicht gewelltes Haar, braunes Sakko und sanfte Stimme – wirkt genervt auf diese Frage, die aus dem Publikum an ihn gerichtet wird. Ohne die Tonlage zu verändern, geht er zum Gegenangriff über: Gerechtigkeit, erklärt er mit analytischer Brillanz, ist ein romantischer Begriff, der in Krimisendungen seinen Platz haben mag. In der rauen Prozesswirklichkeit aber hat er nichts zu suchen.

In den Gerichten geht es darum, komplizierte kriminalistische Sachverhalte zu entwirren und zu adäquaten Urteilen zu gelangen. Die müssen nicht unbedingt etwas mit Gerechtigkeit zu tun haben. Der Verteidiger ist Bestandteil dieses Systems, ohne das es keine „Gerechtigkeit“ in einem Rechtsstaat geben könne. Punkt.

Doch die Frage des Mannes war nicht falsch. Ist es doch von Schirach selbst, der in seinem Bestseller „Verbrechen“ den betörenden Satz schreibt: „An diesem Tag hatte ich meine Unschuld verloren“.

Es ist der erste Fall, mit dem der frisch vereidigte Rechtsanwalt 1994 betraut wird. Es ist ein Fall, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt – weil nichts darin erfunden ist. Von Schirach, der über Nacht in Deutschland zu einem neuen literarischen Hoffnungsträger geworden ist, liest diese Geschichte vor. Bisweilen holpert seine Stimme. Doch das hat nichts mit Nervosität zu tun. Eher damit, dass er sie schon so oft in der Öffentlichkeit vorgelesen hat. Er ist ganz einfach ein wenig nachlässig geworden.

In der Geschichte geht es um eine Teenagerin, die einem Sexualverbrechen zum Opfer fällt. Die Täter: Acht Musiker einer Blaskapelle, die bei einem Volksfest aufspielen. Alles ehrenwerte Männer, die ihren festen Platz in der Dorfgemeinschaft haben. Es ist Hochsommer, die Hitze hat allen den Verstand geraubt. Das hübsche junge Mädchen bringt den Musikern in der Pause Bier auf die Bühne. Der Vorhang ist zu. Niemand bemerkt etwas. Dann geschieht das Entsetzliche: Die alkoholisierten Männer fallen wie im Delirium über die Frau her, weiden sich an ihr, vergewaltigen sie. Später wird sie von der Polizei unter einem Bretterverschlag ohnmächtig gefunden – am ganzen Körper mit Bier, Sperma und Urin besudelt. Die Haut wurde mit Glasscherben zerschnitten. Nach einem aufzehrenden Prozess werden alle Beschuldigten entlassen – weil die DNA-Analyse damals noch in den Kinderschuhen steckte und nicht zweifelsfrei geklärt werden konnte, wer an der Tat beteiligt war und wer nicht.

Es war das Verdienst des jungen Rechtsanwalts, dem Fall diese Wende gegeben zu haben. Da schreibt von Schirach den Satz: „An diesem Tag hatte ich meine Unschuld verloren.“

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