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Eine berührende Begegnung: Für ein BR-Interview mit Dr. Sybille Krafft kehrte Nick Hope, geborener Nikolai Choprenko, an die Orte zurück, in denen er während des Krieges so viel Leid erfahren hatte.

Zeitzeugen-Gespräch

„Ich habe allen vergeben“

Historikerin Dr. Sybille Krafft unterhielt sich mit Nick Hope, einem ehemaligen Häftling im KZ Dachau.

Icking Vor 72 Jahren befreiten die Amerikaner das Konzentrationslager Dachau. Anlässlich des Jahrestags hält sich der inzwischen 92-jährige Zeitzeuge Nick Hope derzeit in Deutschland auf. Der ehemalige „Ostarbeiter“ hatte unter den Nationalsozialisten von 1942 bis 1943 mit anderen Zwangsarbeitern in den Rüstungsbetrieben im heutigen Geretsried geschuftet. Später brachten ihn die Nazis nach Dachau. Die Historikerin Dr. Sybille Krafft lud Hope für ein Interview für den Bayerischen Rundfunk zu sich nach Icking ein. Unsere Zeitung durfte dabei sein.

Klar und strukturiert erzählt der alte Herr aus seinem Leben. Geboren 1925 als Nikolai Choprenko im ukrainischen Pedrowka, war er das älteste von sieben Kindern. Die Ernährungslage zu Beginn der 1930er Jahre in der stalinistischen Sowjetunion war so schlimm, dass zwei seiner Geschwister verhungerten. 1941 marschierte Hitler-Deutschland in die Ukraine ein. Im Sommer 1942 geriet der 17-jährige Nikolai in die Fänge der Besatzer, als er mit zwei Freunden etwas zu essen organisieren wollte. Die Deutschen hielten die Burschen für Partisanen, verhafteten sie und verschleppten sie nach Bayern ins Lager Buchberg.

Als 17-Jähriger Von der Familie weggerissen

„Wir wussten nicht, was uns erwartet und konnten uns von unseren Familien nicht verabschieden. Es war furchtbar, als 17-Jähriger in einem Zwangsarbeiterlager zu sein“, sagt Hope. Die schlecht isolierten Baracken beherbergten jeweils 20 Männer. „Es gab kein Bad, kein warmes Wasser und eine einzige Toilette etwa 150 Meter entfernt.“ Auch Arbeitskleidung gab es nicht. Die Arbeiter mussten an sechs Wochentagen in ihren persönlichen Anziehsachen täglich zwölf Stunden in den Rüstungsbetrieben rackern.

Der Sonntag war frei, aber „den mussten wir nutzen, um unsere abgetragenen Holzschuhe zu reparieren und die armseligen Hosen und Hemden zu waschen und zu flicken.“ Noch schlimmer aber war der Hunger. Er habe „immer nur ans Essen gedacht“, erinnert sich Hope. Die Ernährung im Lager sei kaum besser gewesen als in der kommunistischen Heimat.

Die Nazis suchten einen Schuldigen

Als 1943 eine schwere Explosion in der Fabrik Tote und Verletzte forderte, suchte die Gestapo Schuldige – und fand einen in Nikolai Choprenko. Der hatte nämlich unter der Matratze eines verschwundenen Mithäftlings zerrissene Stoffsäcke aus der Dynamitproduktion entdeckt und diese für alle Fälle unter seiner eigenen Matratze versteckt. Die Nazis misshandelten Choprenko und brachten ihn nach Dachau.

„Man erzählte mir, ich käme in ein Sanatorium. Als ich durch das Tor mit der Aufschrift ‚Arbeit macht frei‘ fuhr, ahnte ich, dass alles noch schlimmer kommen würde.“ Im Konzentrationslager arbeitete der inzwischen 18-Jährige unter anderem für BMW, bis die SS ihn und andere Lagerinsassen vor den heranrückenden Amerikanern am 26. April 1945 auf den sogenannten Todesmarsch in Richtung Süden schickte. Seine Befreiung erlebte er, nur noch 40 Kilogramm schwer, vollkommen entkräftet in Aufkirchen nahe Starnberg.

Seine Eltern hat Hope niemals wiedergesehen. Nach dem Krieg konnte er wegen einer längeren Lungenerkrankung nicht in die Ukraine reisen. Dies sollte ihn vor Schlimmem bewahren: Die Sowjets hätten ihn als Landesverräter verurteilt und wohl in einem der berüchtigten Gulags verschwinden lassen.

Nach seiner Genesung arbeitete er in München als Fahrer für die US-Army und lebte mit seiner Frau Nadya und den drei Kindern in Ludwigsfeld bei Dachau. 1961 wanderte die Familie in die USA aus und änderte ihren Namen von Choprenko in Hope,

Die Botschaft lautet Hoffnung

„Gott allein verdanke ich mein Leben, und dass ich so alt werden konnte“, sagt Hope heute. Gott, zu dem er 1952 während einer Lebenskrise gefunden hatte, habe ihn gelehrt, seinen Peinigern von damals zu vergeben. Ob er für die heutige Jugend eine Botschaft habe, fragte ihn Sybille Krafft am Ende ihres langen Gesprächs. „Meine Botschaft lautet wie mein neuer Name: Hoffnung. So lange die Menschen mit Gott sind, so lange sie die göttlichen Gebote achten, so lange ist die Hoffnung für alle da.“

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