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Feiner Pinselstrich: Annette Girke malt mit der linken Hand und schreibt mit der rechten. Dem kreativen Prozess schadet das nicht – eher im Gegenteil. 

Malerin Annette Girke im Portrait

„Ich will Emotionen auslösen“

Annette Girke hat auf vielen Umwegen zur Malerei gefunden. Sie malt mit links und schreibt mit rechts.

Icking/Höhenrain – Ein kleines pinkfarbenes Zelt, geschützt unter hochragenden Nadelbäumen. Ein Wohnwagen mitten im Nirgendwo an einem Gewässer. Ein Baumhaus, weit, weit weg vom Alltag – der aktuelle Bilderzyklus von Annette Girke heißt „Rückzugsorte“. Die Malerin und Bildhauerin verwandelt die Sehnsucht nach einem geschützten Ort, an dem „offline“ nicht nur die Abwesenheit von Technik meint, in gedämpftes Licht und Farbe. Man möchte in die Leinwand ein- und wenigstens für einen Augenblick abtauchen.

Die gebürtige Bambergerin hat sich erst spät entschieden, die bildende Kunst als „richtigen“ Beruf auszuüben. Nach dem Abitur kam zunächst ein Studium der Textiltechnik. „Meine Eltern waren heilfroh, dass ich mit meiner Mappe an der Modeschule abgelehnt wurde“, erinnert sie sich wehmütig. Wenn’s halt nicht reiche, solle sie lieber „etwas Anständiges“ lernen. Im heimischen Textilbetrieb fertigte man Stützstrümpfe. Für die damals 20-Jährige alles andere als sexy.

Zuerst Produktmanagerin bei Schiesser

Auf die Textiltechnik folgte der Wirtschaftingenieur. Girke arbeitete bei Schiesser als Produktmanagerin, lernte ihren Mann kennen, heiratete und zog nach Icking. Hier führte Annette Girke vor genau 20 Jahren die Bamberger Tradition des „Adventsfensterls“ ein. Es folgte der Umzug nach Starnberg im Jahr 2001. Und dann ein gesundheitlich bedingtes Innehalten. Während einer langwierigen Reha und diversen mühsamen Jobs zwischen den Behandlungsblöcken habe sie ihr Mann ermutigt: „Mach’ doch einfach mal das, wozu du Lust hast.“

Zunächst fing Girke an zu modellieren. Ihr Lehrer, der Bildhauer Max Wagner, von dem unter anderem auch die bekannte Figur von Oskar Maria Graf in Aufkirchen stammt, habe sie bis heute künstlerisch sehr geprägt, verrät sie lächelnd. 2010 mietete sie sich ein Atelier in der Künstlergemeinschaft Reismühle in Gauting, um zu modellieren. Hier lernte sie die Malerin Else Streifer-Schröck kennen und nahm bei ihr Malunterricht. Die Malerei fesselte sie so sehr, dass sie sich 2013 an der Akademie in Bad Reichenhall um ein Malereistudium bei Markus Lüpertz bewarb – und den Platz bekam. „Ich hab jemanden gebraucht, der mich an die Grenzen bringt“. Im Juni vergangenen Jahres schloss sie das Studium nach drei Jahren als Absolventin der Meisterklasse ab.

Annette Girke sagt, dass sie süchtig ist nach Malerei. Sie hat viel gearbeitet und experimentiert und dabei ihre ganz eigene Handschrift entwickelt. Das ist insofern bemerkenswert, als sie mit links malt und mit rechts schreibt. Die Künstlerin schmunzelt: „Beim Schreiben bin ich halt eine umerzogene Linkshänderin – aber mir hat niemand gesagt, in welcher Hand ich den Pinsel nehmen soll.“ Vielleicht ein Glück im Zusammenspiel von Vernunft und Kreativität.

Ausdrucksvolle Bronzeskulpturen

Die dreifache Mutter malt Menschen ebenso gerne wie Landschaften oder Stillleben, außerdem hat sie eine stattliche Zahl ausdruckvoller Bronzeskulpturen gefertigt. Wichtig mit ihrer Kunst ist es ihr, die Menschen zu berühren. „Ich möchte eine Emotion auslösen. Egal, ob positiv oder negativ. Und ich bin überzeugt von der Magie des Originals.“ Wer sich einmal für ein richtiges Bild entschieden hat, der will danach, betont sie mit Nachdruck, nie mehr einfach nur einen mittelmäßigen Druck an der Wand haben.

Seit September 2016 teilt sich Girke in Höhenrain im Dachgeschoss des Starnberger Brauhauses ein Atelier mit der Wolfratshauser Künstlerin Sandra Eder. Dort scheint sie ihren ganz persönlichen Rückzugsort gefunden zu haben, an dem sie kompromisslos kreativ sein kann. Ihre Werke sind inzwischen über die Landkreisgrenzen hinaus gefragt. In den kommenden Tagen stellt sie im Rahmen einer Gemeinschaftsausstellung von Markus Lüpertz in Düsseldorf aus. Im Herbst folgt eine Einzelausstellung im Gut Panker an der Ostsee. In der Region ist sie bereits mit dem Hollerhaus in Kontakt.

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