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Was denken die Briten im Landkreis?

Brexit-Debatte: Unsere Briten wollen Deutsche werden

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    Andreas Steppan
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Bad Tölz-Wolfratshausen – Die Auswirkungen der Brexit-Debatte sind bis ins Landratsamt zu spüren. Dort verzeichnet man vermehrt Anfragen von Briten: Für den Fall eines EU-Austritts ihres Lands wollen sie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen.

Momentan leben 185 Briten im Landkreis, und viele sind angesichts des drohenden EU-Austritts alarmiert. Andrea Kraus, die im Landratsamt für Einbürgerungen zuständig ist, hat das in der verganenen Woche hautnah erlebt. „Solange ich hier arbeite, also seit dem Jahr 2000, kann ich mich an keinen Briten erinnern, der sich einbürgern lassen wollte“, sagt sie. „Es ist schon auffällig, dass wir in den letzten Wochen eine ganze Handvoll Anfragen von Briten hatten.“ Als Grund hätten sie die Unsicherheit genannt, wie es nach einem EU-Austritt Großbritanniens weitergeht.

Vanessa Magson-Mann

Diese Fragen treibt auch Vanessa Magson-Mann aus Icking um. Sie hätte nur zu gerne bei dieser für die Zukunft des Landes höchst wichtigen Wahl abgestimmt. Doch daraus wird nichts. Obwohl sie einen britischen Pass hat, darf sieihre Stimme nicht abgeben. „Man hat mir mitgeteilt, dass nur Briten voten dürfen, die noch nicht länger als 15 Jahre im Ausland leben.“ Sie aber lebt schon seit 25 Jahren auf dem europäischen Festland, „continental Europe“, wie man es auf der Insel nennt. Damit ist sie nicht stimmberechtigt. „Das ärgert mich wahnsinnig“, sagt sie.
 
Wie die Stimmung drüben ist, hat die Ickingerin, die im Verlagswesen arbeitet, im April bei der Londoner Buchmesse erfahren. „Das war natürlich ein besonderer Kreis, lauter gebildete Menschen“, sagt sie. „Dort ist man entsetzt über die Möglichkeit eines Brexit, jedem ist klar, dass das für England verheerend wäre.“ Doch das sei der Standpunkt von Menschen, die sich an Argumenten orientieren. Und das tue derzeit längst nicht jeder daheim auf der Insel. „Die Diskussion ist unglaublich emotional, es ist furchtbar.“

Aus genau diesem Grund hält sie es auch für einen fatalen Fehler, überhaupt das Volk über Verbleib oder Nicht-Verbleib in der EU abstimmen zu lassen. „Das ist völlig unverantwortlich“, findet sie. „Viele haben einfach nicht die Chance, die Tragweite dieser Entscheidung zu begreifen.“ Premierminister David Cameron habe sich verrechnet, als er die Volksabstimmung veranlassst hat, um Druck auf Europa zu machen.

Nach ihrem Eindruck ist es vor allem die ältere Generation, die den Brexit betreibt. Leidtragend wird aber die junge Generation sein. „Was wird zum Beispiel sein, wenn es für die jungen Briten auf dem Festland keine Studienplätze mehr geben wird?“ Fest steht: Sie wird an diesem Donnerstag gespannt vor dem Fernseher sitzen.

David Hobson

Ählich ergeht es David Hobson aus dem Münsinger Ortsteil Degerndorf, von Beruf Ingenieur und seit 29 Jahren in Deutschland. Er findet die ganze Diskussion den „hellen Irrsinn“. Er fühlt sich als Europäer durch und durch. Seine Eltern waren in Portugal, er selbst war lange in Frankreich, dann in Deutschland. „Die Freizügigkeit, die Europa gewährt, dürfen wir nicht einfach aufgeben“, sagt er. Sollte sich England wider alle Vernunft gegen Europa entscheiden, schaut es für sein Heimatland düster aus: „Das Land wird in der Bedeutungslosigkeit versinken.“
 
Hobson zweifelt daran, dass er im Falle eines Brexit seinen englischen Pass behalten wird. „Es wird mir nichts übrig bleiben als die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen.“ Er habe drei Jahrzehnte in Deutschland Steuern bezahlt, und irgendwann erwarte er auch eine Rente. Dass im Landratsamt schon vor dem Brexit Anträge auf Einbürgerung vorliegen, wundert ihn nicht.

Es gibt allerdings etwas, das ihm Hoffnung macht. Als sich Schottland 2014 vom Vereinigten Königreich unabhängig machen wollte, schien es auch im Vorfeld auf eine sehr, sehr enge Wahl hinauszulaufen. Schlussendlich wurde die Unabhängigkeit vom Volk mit relativ klarer Mehrheit abgelehnt. „Ich hoffe und glaube, dass es heute wieder so kommt“, sagt Hobson. Auch er wird, wie Vanessa Magson-Mann, vor dem Fernseher sitzen. „Das ist wichtiger als jedes Fußballspiel.“

Übrigens müssen im Falle eines Brexit die hiesigen Engländer wohl nicht vom Schlimmsten ausgehen. Für Klaus Köhler, Leiter des Sachgebiets Ausländerwesen, steht außer Zweifel, dass die Briten zwischen Loisach und Isar auch nach einem Brexit in Deutschland wohnen und ihren Beruf wie gewohnt ausüben dürfen. „Da gilt Vertrauensschutz“, sagt er. Als Nicht-EU-Bürger müssten sie jedoch wohl eine Aufenthaltserlaubnis beantragen.

vu/ast

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