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Die Blutfahne war jenes Exemplar, das die Nazis bei ihrem gescheiterten Putschversuch 1923 mit sich führten. Später spielte es in der Choreographie von Aufmärschen eine wichtige Rolle. 

NS-Vergangenheit in Icking

Eine Nazi-Reliquie in Irschenhausen

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Die Gemeinde Icking hat beschlossen, ihre NS-Vergangenheit zu erforschen. Eine gewisse Rolle dürfte in diesem Zusammenhang Irschenhausen spielen: Dort waren in den 1920er Jahren führende Nazis wie Rudolf Hess gerne gesehen. Sogar die „Blutfahne“ soll dort versteckt gewesen sein. 

Icking – Irschenhausen um 1900 war ein kleines, kaum beachtetes Dorf. Aus damaliger Perspektive lag es weit vor den Toren Münchens. Das änderte sich um 1900, als Münchnern – bevorzugt Akademikern und Künstlern – das Stadtleben nicht mehr behagte. Lieber zogen sie in das von der Welt vergessene Dorf mit Blick in die Berge. Unter den Neuankömmlingen waren einige, die für die neue Ideologie des Nationalsozialismus gewisse Sympathien hegten und deren Protagonisten förderten. Einer dieser Nazi-Parteigänger war Ernst Schulte Strathaus, 1881 in der Nähe von Dortmund geboren. Um die Jahrhundertwende zog es ihn nach München, wo er als Buchhändler arbeitete und Bücher über Goethe veröffentlichte.

Goetheforscher, Hitler-Anhänger, Astrologe

In der so genannten Hauptstadt der Bewegung lernte Schulte Strathaus Rudolf Hess kennen, Hitlers späteren Stellvertreter – und ließ sich von ihm und seinem aggressiv propgagierten Führerkult faszinieren. Diese Gesinnung behielt der Dortmunder auch bei, als er sich in Irschenhausen ein Haus baute, das er mit seiner Frau, der Malerin Hedwig Schulte Strathaus, bewohnte. So unglaublich es auch klingen mag: Nebenbei betrieb der Neu-Irschenhausener die Astrologie und sagte einigen Nazis ihre Zukunft voraus – eine Eigenart, die ihm später schlecht bekommen sollte.

Die Blutfahne spielte für die Nazis eine wichtige Rolle

Es kam das Jahr 1923. Die Nationalsozialisten sahen die Zeit gekommen, die verhasste Demokratie der Weimarer Republik zu stürzen. Nach Mussolinis Vorbild, dem Marsch auf Rom, wollten Hitler und seine Anhänger am 8. und 9. November 1923 die Macht in Bayern an sich reißen, um dann von dort aus Berlin zu erobern. Das misslang gründlich. Der Aufrührer, Adolf Hitler, wurde inhaftiert. Andere, wie Rudolf Hess, konnten fliehen. Er erinnerte sich an seinen Gönner in Irschenhausen – und tauchte beim ihm unter. So schreibt es jedenfalls Gerda Heering in ihrer Ortsgeschichte „Dem Urso auf der Spur“ von 1967. Was Hess mitbrachte, war brisant. Es war die so genannte Blutfahne, also jenes Exemplar der Hakenkreuzflagge, das die Putschisten beim Marsch auf die Feldherrnhalle dabei hatten und das laut NS-Progaganda mit dem Blut einiger Revoluzzer getränkt wurde. Diese Fahne sollte später als Reliquie Karriere machen. Sie nahm in der Choreographie der Parteitage später eine wichtige Rolle ein. Noch später wurde sie – vermutlich – beim Bombenangriff der Amerikaner auf München zerstört. Doch all das war im Spätherbst 1923 noch nicht abzusehen. Da musste die Fahne weg. Und zwar schnell.

Hess fiel bei Hitler in Ungnade, ebenso sein Privatastrologe

Nachdem die Nazis 1933 die Macht übernahmen, bedankte sich Hess, den Hitler zu seinem Stellvertreter machte, bei seinem ehemaligen Förderer. Er berief Schulte Strathaus zu seinem Amtsleiter für Kunst- und Kulturfragen. Unter anderem kümmerte sich der Irschenhausener – inzwischen mit einer Tochter der Schriftstellerin Ina Seidel verheiratet – um beschlagnahmte jüdische Kunstschätze. Dann aber fiel Rudolf Hess in Ungnade. 1941 startete er eigenmächtig einen Flug in Richtung Kriegsgegner England, wo er nach einem Fallschirmsprung gefangen genommen wurde. Eine Tatsache, die Hitler als Hochverrat wertete. Er ordnete an, dass alle Mitwisser der Hess-Aktion verhaftet werden. Dazu gehörte auch Hobby-Astrologe Schulte Strathaus, der seinem Freund den 10. Mai – den Tag des fatalen Flugs – als „einen erfolgsversprechenden Tag für eine Reise“ vorausgesagt hatte. Die Strafe war hart: Der Hobby-Astrologe musste für elf Monate in Einzelhaft, später kam er ins KZ.

Wo sich die „Blutfahne“ heute befindet, ist unbekannt

Dass sie sich in die NS-Ideologie verrannt hatten, bekamen Hess und Schulte Strathaus nach dem Einmarsch der Amerikaner schmerzlich zu spüren. Hess wurde bei den Nürnberger Prozessen wegen Verschwö- rung gegen den Weltfrieden zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, am 17. August 1987 brachte er sich im Gefängnis um. Ernst Schulte Strathaus verlor im Krieg sein Hab und Gut, die Privatbibliothek mit 1500 Büchern ging in Flammen auf. In den Hungerjahren nach 1945 schlug er sich mehr schlecht als recht durch. 1968 starb er bei einem Verkehrsunfall. 

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