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Was tun? Der Ickinger Gemeinderat entschied sich am Donnerstagabend dazu, in der causa Wenzberg eine Arbeitsgruppe zu installieren. Die Mitglieder sollen die NS-Geschichte der Isartalgemeinde gründlich ausleuchten. 

Gemeinderat will tiefer einsteigen

Fall Wenz: Arbeitskreis statt Schnellschuss

Das aktuell „allgegenwärtige Thema“, wie Bürgermeisterin Margit Menrad (Unabhängige Bürgerliste/UBI) sagte – das heißt, ob der Wenzberg weiter Wenzberg heißt, wird Icking wohl noch eine ganze Weile beschäftigen.

Icking–  Bei der ersten Beratung im Gemeinderat am Donnerstagabend kam das Gremium überein, erstmal einen Arbeitskreis zu gründen – um tiefer in die Materie einzusteigen. „Es steht mir nicht zu, so schnell zu urteilen“: Dieses Gefühl hatte nicht nur Gabriel Baumüller (SPD/Grüne).

Aufklären statt Ignorieren

Für die Isartalgemeinde geht es nicht nur darum, ob die Verbindung zwischen Bahngleis und Ludwig-Dürr-Straße umbenannt werden soll oder eben nicht – weil ihr Namensgeber Paul Wenz ein aktiver Nationalsozialist gewesen ist. Sondern: Man kann sich in Icking auch vorstellen, zusätzlich beziehungsweise anstelle der Namensänderung auf einer Infotafel Leben und Wirken (in NS-Organisationen) des umstrittenen Architekten zu beleuchten. Wie berichtet waren Wenz und seine Frau Else Wenz-Vietor 1916 ins damalige 435-Seelen-Dorf bei München gezogen. Und es wird außerdem überlegt, die Gelegenheit zu nutzen, um sich ganz allgemein mit der NS-Geschichte vor der Haustür näher zu befassen – eine der Anregungen von Claudia Roederstein (UBI) und Dr. Peter Schweiger (Parteifreie Wählergemeinschaft/PWG). 

Dr. Schweiger mahnte: Thema sei zum Profilieren nicht geeignet

Roederstein und Schweiger legten am Donnerstag in einer ausführlichen Powerpoint-Präsentation dar, was bisher über die Familie Wenz bekannt ist. Schweiger mahnte zur Besonnenheit: „Das Thema ist nicht geeignet, dass man sich in irgendeiner Weise profiliert.“ Etwa ein Dutzend Zuhörer waren ins Rathaus gekommen, unter ihnen Karin Teufl, die mit einer Ausstellung über Else Wenz-Vietor, die Illustratorin und Designerin war, im Garmischer Museum Aschenbrenner die Debatte ins Rollen gebracht hatte: Weil sie im Ausstellungskatalog auf die politische Haltung der damals recht bekannten Künstlerin eingegangen war. Auch einige Anwohner vom Wenzberg verfolgten die Sitzung – von denen die überwiegende Mehrheit, das hat Rathauschefin Menrad eruiert, wenig Lust verspüre, sich neue Briefköpfe mit neuen Adressen drucken zu lassen.

Gottfried Greiner: „Vergessen: nein! Vergeben: ja!“

Ihre Hilfe angeboten hat der Gemeinde bereits Dr. Sybille Krafft, Journalistin und Vorsitzende des Historischen Vereins Wolfratshausen. Darüber hinaus liegt der Gemeinde ein Brief von Gottfried Greiner vor – Enkel des jüdischen Komponisten Robert Kahn, der in Icking aufwuchs und als Kind mit den Wenz-Enkeln gespielt hatte. Greiner ist der Meinung: „Vergessen: nein! Vergeben: ja!“ Er plädiert für die Beibehaltung des Straßennamens – wünscht sich allerdings eine Infotafel.

Auf eine Umbenennung pochen dagegen Elisabeth Häberlein und Christian Mielich (beide SPD/Grüne): „Mit einem problematischen Namen einfach weiterzumachen ist nicht angemessen“, sagte Häberlein. Ihr Fraktionskollege Mielich wählte deutlichere Worte: „Wenz war ein Nazi, der Name ist verbrannt.“

Bürgermeisterin Menrad plädiert für gründliche Auseinandersetzung

Otto Güllich (Ickinger Initiative) sieht in einer Umbenennung die Gefahr, die Geschichte quasi zu überschreiben: „Eine Neubenennung wäre angenehm, nach zehn Jahren ist die Sache dann aus der Welt. Wir sollten aber versuchen, das Thema auch in der Zukunft zu verankern.“ Das könne durch eine „gescheite“ Aufarbeitung geschehen. UBI-Gemeinderat Dr. Georg Linsinger stellte fest: „Ich bin hin- und hergerissen, wir sollten keinen Schnellschuss machen.“ Die Idee, eine Infotafel aufzustellen, gefalle ihm, sagte Linsinger. Bürgermeisterin Menrad plädierte für eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Thema: „Das wäre ein aktiver Weg in Zeiten eines aufkeimenden Nationalpatriotismus.“

Die Zusammensetzung des zu gründenden Arbeitskreises wird in der nächsten Gemeinderatssitzung bestimmt. Roederstein schlug vor, den Vorsitz einem Nicht-Ickinger zu überlassen. 

Von Andrea Kästle

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