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Meister im Variieren: Claus Obalski verlieh jeder der Ludwig-Thoma-Figuren seine eigene Stimme.

Hollerhaus startet mit Thoma-Lesung ins Jubiläumsjahr

Ein großer, streitbarer Dichter

Irschenhausen – Ernsthaft? Noch eine Veranstaltung zu Ludwig Thomas 150. Geburtstag? Braucht es das wirklich? Offensichtlich schon. Am Sonntagabend schneiten bei Eiseskälte ganze Scharen von Fans ins Hollerhaus.

Gut, vielleicht hat es auch daran gelegen, dass kein Geringerer als Claus Obalski sich der Texte des in die Kritik geratenen bayerischen Dichters angenommen hat. Der bekannte Ebenhauser Schauspieler las die oft amüsanten, aber harmlosen Geschichten nicht einfach nur – er zelebrierte sie. Verlieh jeder Figur eine eigene Stimme. Dabei variierte er mühelos, vom Donnergrollen des Landrats bei „Auf der Elektrischen“ und dem grantelnden Postsekretär und Quasi-Rausschmeiß-Engel in „Der Postsekretär im Himmel“ bis hin zur geifernden Reischlin in „Die Probier“. Obalski ließ die von ihm mit Bedacht ausgewählten Geschichten lebendig werden. Natürlich gehörte eine Lausbubengeschichte ins Programm, aber auch weniger Bekanntes wie „das Begräbnis“.

Gleichwohl nahm der 62-Jährige auch seinen Bildungsauftrag ernst: Obalski verschwieg auch die letzten Jahre des verbitterten und einsamen Schriftstellers Thoma inklusive seiner politischen Gesinnung nicht. Eingangs trug er zu diesem Themenkomplex einen kritischen Aufsatz von Bernhard Viel vor. Der streitbare Dichter Thoma war zum Schluss zurecht umstritten. Trotzdem steht sein literarisches Werk für sich selbst.

Nur an einem Namen stieß sich Obalski (freilich mit einem Augenzwinkern): Nach einem Ignaz alias Nazi auf Brautschau in „Die Studier“ und dem nächsten Ignazi in der Liebesgeschichte „Monika“, erklärte der Schauspieler: „Schon wieder ein Nazi... also, mit denen hat er es wirklich gehabt.“ Trotz aller Ernsthaftigkeit ein schöner Abend, bei dem Claus Obalski dem Publikum manchen Lacher entlockte. Die einzelnen Thoma-Geschichten wurden musikalisch wunderbar umrahmt durch das spontan zusammengesetzte Quartett von Regina Scharrer (Harfe), Leo Schulz (Gitarre) sowie Christine Michel und Hans Büttner jeweils an der Zither.

Mit „Amazing Grace“ endete der erste Abend im Jubiläumsjahr des Hollerhauses. Denn: Lia Schneider-Stöckl feiert heuer „100 Jahre Atelier“ und kündigte viele Highlights für das Jahr 2017 an. Darunter Anatol Regnier sowie oben genannten Bernhard Viel, unter anderem mit seiner Biografie „Der Honigsammler“, die dem früheren Hollerhaus-Besitzer, dem Erfinder der Biene Maya, Waldemar Bonsels, gewidmet ist. Außerdem entlockte Schneider-Stöckl dem charmanten Mimen Obalski das Versprechen, einen weiteren Abend im Hollerhaus zu gestalten, da sie so viele Fans für diese Lesung vertrösten musste. Ernsthaft. Es geht also in eine weitere Runde mit den harmlosen Texten eines alles andere als harmlosen geistigen Brandstifters, nach dem glücklicherweise keine Straße im Ortsbereich der Gemeinde benannt ist.

ina

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