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„Lassen Sie uns nicht im Stich!“ Karin Schmid, Inhaberin des Landhotels Klostermaier in Icking (hier mit ihrer Tochter Katharina), hat „einen Hilferuf für unsere Branche“ an den CSU-Bundestagsabgeordneten Alexander Radwan gesendet.

„Stehen bald vor einem Scherbenhaufen“

Icking: Landhotel-Chefin sendet „Hilferuf“ an Bundestagsabgeordneten Radwan

  • Carl-Christian Eick
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Karin Schmid, Inhaberin des Landhotels Klostermaier in Icking, hat „einen Hilferuf für unsere Branche“ an CSU-Bundestagsabgeordneten Alexander Radwan gesendet.

Icking/Berlin – „Wir haben keinen unternehmerischen Fehler gemacht und trotzdem stehen wir jetzt bald vor einem Scherbenhaufen“: Diese traurige Feststellung trifft Karin Schmid, Inhaberin des Landhotels Klostermaier in Icking. Das Klostermaier-Restaurant musste vor vier Wochen aufgrund der Corona-Pandemie schließen, derzeit dürfen nur wenige Hotelzimmer an Geschäftsreisende vermietet werden, die Absage des Oktoberfests ist ein weiterer Nackenschlag. In ihrer Not hat Schmid einen „Hilferuf“ an Alexander Radwan, CSU-Bundestagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Bad Tölz-Wolfratshausen/Miesbach, gesendet. „Einen Hilferuf für unsere Branche“, betont die Gastronomin.

„Erleichterung vielleicht Pfingsten“

Alexander Radwan ist CSU-Bundestagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Bad Tölz- Wolfratshausen/Miesbach.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat den Wirten und Hoteliers in dieser Woche reinen Wein eingeschenkt. Die Betriebe bleiben zu, zu einer „Erleichterung“ könnte es „vielleicht Pfingsten“ kommen, das heißt, frühestens Ende Mai/Anfang Juni. Karin Schmid macht angesichts dieser für sie düsteren Prognose kein Hehl aus ihrer Verzweiflung. „Mir geht es vor allem um das tolle Team, das wir uns im Laufe der Jahre aufgebaut haben“, sagt sie ihm Gespräch mit unserer Zeitung. Vor zwölf Jahren investierte sie einen Millionenbetrag ins Gasthaus ihrer Großeltern in der Isartalgemeinde, das sie gemeinsam mit ihrer Tochter Katharina führt. Fleiß und Herzblut wurden belohnt, der Familienbetrieb florierte. Bis das Coronavirus auf den Plan trat. Mit fatalen Folgen: „Schweren Herzens mussten wir unsere 30 Mitarbeiter vor vier Wochen in 100-prozentige Kurzarbeit schicken“, berichtet Karin Schmid. Ihren sechs Auszubildenden, die zum Teil kurz vor der Abschlussprüfung stehen, versucht sie nach Kräften, Unterrichtsstoff zu vermitteln – denn die Berufsschulen sind verwaist.

Mindestens sechs Wochen wird die Zwangspause für die Klostermaier-Inhaberin und ihre Berufskollegen noch dauern. Den Umsatzverlust werde man definitiv nicht kompensieren können und auch die Kredite, die die Politik dem Gastronomiegewerbe eingeräumt hat, sind in Schmids Augen kein wirklicher Rettungsanker: „Wie sollen wir die Kredite jemals zurückzahlen?“ Das Gros des Geldes, das in den vergangenen Jahren erwirtschaftet worden ist, haben Mutter und Tochter reinvestiert, unter anderem in die Hotelzimmer und den Biergarten.

Mehrwertsteuer absenken

„Lassen Sie uns nicht im Stich!“, appelliert Karin Schmid im Namen ihrer schwer gebeutelten Branche an den CSU-Bundestagsabgeordneten Radwan. Es sei an der Zeit, den Mehrwertsteuersatz für Gastronomiebetriebe von derzeit 19 auf sieben Prozent zu senken.

„Glauben Sie mir: Mir sind die Herausforderungen, vor denen die Branche steht, wohlbekannt“, sagt der 55-Jährige, der in Rottach-Egern lebt, im Gespräch mit unserer Zeitung. Ihm sei bewusst, dass die Gastronomie „als erste heruntergefahren wurde und als eine der letzten Branchen wieder schrittweise heraufgefahren wird“. Radwan ist sich mit seinem Parteichef Söder einig: Er hält die verlangte Absenkung des Mehrwertsteuersatzes für richtig, gibt aber zu bedenken: „Das wird ja genau genommen erst eine Hilfe, wenn’s wieder losgeht, denn es muss ja zunächst Umsatz generiert werden.“

Wie wirken sich die Lockerungen aus?

Und wann geht’s für die Köche, Kellner und Hotelbetreiber wieder los? Auf ein Datum will sich Radwan nicht festlegen. Und: „Wenn wir über mögliche Lockerungen sprechen, sprechen wir nicht über die Rückkehr in die Normalität vor dem Lockdown.“ Bis ein Impfstoff beziehungsweise ein Medikament gegen das Virus zur Verfügung stehen, müssten ganz kleine Schritte gemacht werden: „Wir müssen äußerst verantwortungsvoll wieder hochfahren. Eine schnelle Normalität wie vor dem Lockdown wird – solange es keine Medikamente gibt – nicht möglich sein“, betont der 55-Jährige. „Wir tasten uns nach und nach ran, aber das wird dauern.“ Nach jeder wohlüberlegten Lockerung müsse geprüft werden: „Wie wirkt sich das aus? Ein erneuter Lockdown, zum Beispiel im Herbst, wenn es wieder kühler wird, wäre das schlimmste Szenario.“

Der CSU-Politiker weist darauf hin, dass im weltweiten Vergleich kaum ein Land den Menschen und Unternehmen so viel finanzielle Unterstützung geben kann wie Deutschland. Als Beispiel nennt Radwan das Kurzarbeitergeld – und erinnert daran: „Die CSU ist für die von ihr stets geforderte schwarze Null häufig gescholten worden.“ Jetzt, in der Corona-Krise, könne der Staat mit dem Pfund wuchern, für das er durch sparsames Haushalten gesorgt habe.

3000 Beschäftigte im Gastgewerbe

„Ich weiß, dass viele Menschen verzweifelt sind, das kann ich nachvollziehen“, so Radwan in einem Telefongespräch mit unserer Redaktion. Doch die „ganz große Mehrheit“ könne nachvollziehen, warum die Politik in puncto Ausgangsbeschränkungen und anderen Schutzmaßnahmen so vorsichtig agiere. „Es geht um Leben und Gesundheit.“

Den Gastronomen verspricht der 55-Jährige, „dass wir alles daran setzen“, um ihnen in der Corona-Krise unter die Arme zu greifen. Nach Angaben der Agentur für Arbeit in Rosenheim beschäftigt das Gastgewerbe im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen mehr als 3000 Männer und Frauen. „Wirtshäuser und Hotels sind wichtig, sie sind systemrelevant für Bayern“, stellt der gebürtige Münchner fest.

Für die Branche sei „nicht erst jetzt“ Liquidität das A und O. Radwan, Diplom-Ingenieur und Rechtsanwalt, hält die Idee für zielführend, durch neue Abschreibungsmodelle die Steuerlast für Gastronomiebetriebe zu reduzieren. Eine Möglichkeit wäre es in den Augen des Bundestagsabgeordneten, die „in 2020 zu erwartenden Verluste für das Jahr 2019 geltend zu machen“.

Dass die Umsatzverluste, die der Corona-Krise geschuldet sind, zeitnah kompensiert werden können, glaubt der Rottach-Egerner nicht: „Sie und ich können im Herbst nicht doppelt so viel Schweinshaxen essen“, um die monetären Verluste der Restaurants wettzumachen.

Dass „Nachbesserungen“ nötig sind, hält der 55-Jährige für wahrscheinlich. Über weitere Unterstützungen wird nachgedacht, so Radwan auf Nachfrage. Doch auch weitere Hausaufgaben müssten gemacht werden. Bevor die Gastronomie wieder ans Netz gehe, müsse die Frage schlüssig beantwortet sein: „Wie verhalte ich mich im Wirtshaus, welche Hygienekonzepte werden zum Schutz der Kunden und der Mitarbeiter wie umgesetzt?“ Daher sei es notwendig, „dass jetzt das Gesundheitsministerium – am besten mit der Praxis – an entsprechenden Vorgaben arbeitet“.

Radwan: Kurzfristig keine Normalität

Fest steht für Alexander Radwan, dass es „Normalität“ nicht kurzfristig geben wird: „Der Restaurantbesuch oder der Stammtischabend, wie wir ihn kennen und schätzen, wird so nicht sofort möglich sein.“

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Der Koalitionsausschuss von CDU, CSU und SPD traf sich am Mittwochabend im Kanzleramt in Berlin, um über einen Rettungsschirm für die Gastronomie zu beraten. Ergebnisse wurden bis Redaktionsschluss nicht bekannt.

cce

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