Landschaft Spitzbergen
+
In der Weite und Einsamkeit Spitzbergens lernt Jonas Haass, sich in der arktischen Natur richtig zu bewegen.

„Mein ganzes Leben basiert auf Schnee“

Der Ickinger Jonas Haass studiert „Arctic Nature Guide“ auf Spitzbergen

  • Bettina Sewald
    vonBettina Sewald
    schließen

Jonas Haass wird demnächst Besucher durch die Landsschaften des hohen Nordens führen. Dafür studiert er momentan in Spitzbergen, einer Inselgruppe im Arktischen Ozean.

Icking/Spitzbergen – Jonas Haass (26) ist ein im wahrsten Sinne des Wortes cooler Typ: Wenn wir uns hierzulande über Frühlingsluft und Sommerfrische freuen, stapft er freiwillig bei 25 Grad unter null durch die kälteste Region der Welt. Der Ickinger studiert derzeit etwa 3300 Kilometer von der Heimat entfernt „Arctic Nature Guide“ auf Spitzbergen, eine norwegische Inselgruppe Richtung Nordpol. Nicht nur für das Gespräch mit unserer Mitarbeiterin Bettina Sewald musste er sich warm anziehen.

Herr Haass, Sie waren nach Ihrem „International Management“-Studium drei Jahre lang als Process Management/Marketing Trainee bei Sixt, bevor Sie gemerkt haben, dass ein „normaler“ Büro-Job nicht Ihre Zukunft sein kann. Was war der Ausschlag gebende Punkt, etwas verändern zu müssen?

Haass: Ich habe mein Leben lang in den Bergen, im Schnee und in der Natur verbracht und wollte einen Schritt weitergehen. Einen offiziellen „Titel“ als professioneller Guide zu haben, erschien mir der beste Schritt und auch zukunftsorientiert, falls ich den Bergführer noch machen möchte. Ob ich nun tatsächlich als Guide arbeiten werde, weiß ich nicht. Aber ich wollte einfach raus aus dem Büro und Dinge erleben, solange ich jung bin und die Zeit habe. Das Ganze mit einer Ausbildung zu verbinden, fand ich perfekt und wesentlich besser, als nur zu vereisen. Außerdem hoffe ich irgendwie, eine Arbeit zu finden, die sowohl die Bequemlichkeit eines „normalen“ Bürojobs als auch das Erlebnis einer Expedition verbindet. Ich bin optimistisch, dass das klappt. Fest steht: Ich kann weder 100 Prozent im Büro leben, noch 100 Prozent in der kalten Arktis im Zelt.

Was war Ihre bislang aufregendste Expedition?

Haass: Das Wort Expedition klingt immer so, als ob man etwas sehr Extremes macht. Genaugenommen bedeutet es aber nur, dass man mit einem Ziel vor Augen auf Entdeckungstour oder Wanderung geht. Ich hatte viele solcher Touren im Privaten, zum Beispiel in den Alpen, in Schottland oder in den Pyrenäen, die alle aufregend waren. Hier auf Spitzbergen sind wir gerade erst mit Tourenskiern und Pulka (bootsähnlicher Schlitten, Anm. d. Red) für mehrere Tage unterwegs gewesen. Gletscher zu überqueren, die Weite und die vereiste Landschaft – das ist sehr spektakulär. Sobald man sich daran gewöhnt hat, bei minus 30 Grad das Zelt aufzustellen und Routinen entwickelt hat, kann man das alles auch genießen. In Zukunft hoffe ich, Grönland, Spitzbergen und vielleicht irgendwann die Antarktis zu durchqueren. Im Rahmen des Studiums sind die Expeditionen eher einfach gehalten, da es in erster Linie darum geht, Routinen zu entwickeln und zu lernen, Gäste sicher in dieser Gegend zu führen.

Sie waren schon mit vier Jahren auf der Piste und sind seitdem ein ausdauernder Outdoor-Sportler. Was macht diese Faszination Schnee für Sie aus?

Haass: Das Gefühl der Freiheit, wenn man einen Hang runterfährt, die Szenerie rund um das alles und einfach in der Natur zu sein. Splitboarden in den Alpen und Ski-Expeditionen in der Arktis könnten unterschiedlicher nicht sein. Aber beides hat einen gewissen Thrill. Am liebsten bin ich aber daheim oder im Zillertal. Je kürzer der Weg, desto besser. Auch bei uns findet man steile Wände und Couloirs zum Abfahren. Aber nichts geht über Skihochtouren im Frühling im Wallis, umgeben von 4000ern und dem Besten, was die Alpen zu bieten haben.

Haben Sie während ihres Studiums gefährliche Situationen erlebt?

Haass: Zu Hause in den Alpen lebe ich definitiv gefährlicher als hier. Das Risiko einer Lawine umgibt einen ständig, und bei Hochtouren bergen Gletscher und exponierte Regionen Gefahren. Hier ist alles im Rahmen der Ausbildung, und daher ist man auch viel vorsichtiger. Man muss halt immer bewaffnet sein und zu jeder Zeit, auch nachts, muss eine Wache mit Leuchtpistole und Gewehr ums Camp patrouillieren. So lässt sich die Gefahr durch Eisbären sehr gut kontrollieren. Das Wetter ist da schon die wesentlich präsentere Gefahr, und natürlich die Fahrten mit dem Schneemobil.

Wie muss man sich Ihr Studium vorstellen, und läuft es normalerweise anders als jetzt?

Haass: Die Stadt Longyearbyen ist eigentlich ganz normal, definitiv keine Augenweide. Aber sie bietet alles, was eine normale Stadt auch hat. Man muss allerdings in Skiklamotten, Daunenjacke und dicken Handschuhen in die Uni laufen. Die Umgebung ist weiß, eisig und bergig, soweit das Auge reicht. Und es ist sehr schwierig, herumzukommen. Aber sobald nach der langen Polarnacht die Sonne über den Horizont kommt, ist es auch atemberaubend schön. Wir mussten allerdings wegen Corona das erste Semester in Alta in Nord-Norwegen verbringen. Normalerweise wären wir von Beginn an auf Spitzbergen gewesen. Sonst läuft es mehr oder weniger normal – bis auf ein paar Abstandsregeln.

Gibt es Ausgangssperren oder andere Beeinträchtigungen wegen Corona?

Haass: Leider ja. Auch vor der Kälte hier oben macht Corona keinen Halt. Alkohol darf in Bars nicht ausgeschenkt werden, man darf keine großen Partys feiern und muss Gesichtsmaske tragen. Das alles juckt uns auf Expeditionen und Touren aber wenig. Nur schade, dass uns niemand besuchen kann. Eigentlich hätten wir als Abschlusstour Freunde als Gäste eingeladen und zehn Tage auf Skitour gebracht. Nun geht das nicht. Leider, das wäre eine einmalige Chance gewesen – und für die Freunde eine kostenlose Expedition im Reich der Gletscher für die man normalerweise Tausende hinlegt.

Cooler Typ: Der Ickinger Jonas Haass.

Gibt es so etwas wie Jahreszeiten oder ist das Wetter immer gleich so nah am Nordpol?

Haass: Es gibt tatsächlich Jahreszeiten. Oktober bis Februar ist es hier komplett dunkel und eisig kalt. Im Februar wird es dämmrig. März, April, Mai und Juni ist dann die offizielle Wintersaison, in der man Licht hat, Skitouren gehen kann und es wunderbar schön ist. Zwischen dem ersten Mal, wenn die Sonne über den Horizont steigt, bis hin zur Mitternachtssonne im April, ist es tatsächlich nur ein Monat. Ab Juli ist der Schnee weg, und die Sommersaison beginnt.

Was würde Greta Thunberg zu Ihrem Studium sagen?

Haass: Vermutlich, dass Touristen in der Arktis nichts zu suchen haben und demnach auch keine Guides. Ich sehe das tatsächlich ähnlich. Der Massentourismus hier oben nimmt immer mehr zu, was zwar Geld bringt, aber der Natur ungemein schadet. Ich hoffe jedoch darauf, Expeditionen zu führen und somit die kleine Menge Menschen, die die Natur richtig zu schätzen weiß. Wissenschaftler brauchen natürlich auch Guides zur Sicherheit, was ich gerne auch machen würde. Und, wie der Naturforscher Sir David Attenborough einmal gesagt hat: „No one protects, what they don’t care about. And no one cares about, what they have never experienced.” Also sollte man zumindest einem kleinen Anteil umweltbewusster Menschen die Möglichkeit geben, hier hochzukommen. Vielleicht sieht das Greta Thunberg genauso.

Wie wichtig ist Ihnen Nachhaltigkeit beziehungsweise wie sehr sorgt Sie der Klimawandel?

Haass: Extrem. Mein ganzes Leben basiert auf Schnee und der Natur. Ich habe zwar auch vieles falsch gemacht, aber ich versuche, mich zu bessern und offen für Veränderung zu sein. Zum Beispiel esse ich kein Fleisch mehr, versuche weniger und nachhaltiger zu reisen – meistens Weitwandern, vermeide Massentourismus, fahre öffentlich oder mit dem Rad und versuche weitestgehend ohne Einwegplastik zu leben. Vor zwei Jahren noch war ich mit dem Helikopter auf Island Snowboarden. Das werde ich sicherlich nie wieder machen. Im Nachhinein habe ich mich deswegen extrem schlecht gefühlt. Auch Skigebiete versuche ich zu meiden zumindest die mit Kunstschnee und ohne Nachhaltigkeitsprojekte. Am besten bleibt man lokal, und mit dem Laber und dem Dammkar haben wir sogar einzigartige Freeride-Gebiete mit Liften direkt vor der Haustür. Ich glaube sowieso, dass in wenigen Jahren Skigebiete unter 2000 Metern nicht mehr funktionieren werden und der Schnee und die Gletscher langsam verschwinden. Zumindest für mich bricht dann eine Welt zusammen.

Sie beenden Ihr Studium voraussichtlich im Sommer. Worauf freuen Sie sich zu Hause am meisten?

Haass: Ich freue mich auf Freundin, Freunde und Familie. Und natürlich auf die Alpen, den See, Wärme und darauf, dass ich ein bisschen Sommer habe und endlich wieder Grün sehe. Und ich freue mich auch irgendwie darauf, wieder frei zu sein und nicht jeden Schritt mit Waffe und Satellitentelefon zu planen.

Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare