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Besetzt: Leere Plätze auf der Intensivstation sind in der Klinik, in der Melanie Dörr arbeitet, schon seit geraumer Zeit Fehlanzeige.

Corona-Pandemie

Im Krieg mit dem Virus: Ickinger Krankenschwester berichtet aus dem Klinikalltag

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Melanie Dörr ist seit 23 Jahren Krankenschwester. Die Ickingerin arbeitet in einer Münchner Klinik. Vom gewöhnlichen Alltag ist dort längst keine Spur mehr.

Icking – „Man kommt jeden Tag in die Arbeit und weiß nicht, was einen erwartet.“ Ein Satz, den man in den letzten Tagen und Wochen öfters zu hören bekommt. Doch bei Melanie Dörr (40) aus Icking hat er eine besonders starke Bedeutung: Sie ist seit 23 Jahren Krankenschwester und arbeitet in einer Münchner Klinik.

Ausgehende Materialien sind das Hauptproblem

Melanie Dörr ist Krankenschwester von Beruf.

Vom gewöhnlichen Alltag ist dort längst keine Spur mehr. „Unser Hauptproblem ist, dass uns die täglichen Materialien ausgehen“, erklärt Dörr. Sprich Schutzmasken und Desinfektionsmittel. Mit den Restbeständen wird so gut es geht gespart. Ein Beispiel: Führen die Klinikangestellten einem Covid-19-Patienten den Beatmungsschlauch ein, erhalten nur noch die zwei Personen Mundschutz, die direkt an seinem Kopf stehen. Der Rest muss ohne auskommen.

Genauso fehlt es an allen Ecken und Kanten am Desinfektionsmittel. Viele Spender werden schon lange nicht mehr aufgefüllt. „Normalerweise desinfiziere ich meine Hände, bevor ich nach Hause fahre. An so etwas ist jetzt nicht mehr zu denken“, sagt Dörr. Hände waschen muss hier jetzt ausreichen. Die Krankenschwester hält während ihres Redeflusses plötzlich einen Moment inne. „Das wäre vor einem Monat noch völlig undenkbar gewesen.“ Ein Satz, der ihr während des Gesprächs noch öfter über die Lippen kommen wird.

Höhepunkt der Corona-Krise ist noch nicht erreicht

Die mangelnde Ausrüstung, die große Ungewissheit vor der Zukunft: Alles Gedanken, die der Ickingerin in den vergangenen Nächsten schon oft den Schlaf raubten. „Keiner kann sagen, was uns die nächsten Tage und Wochen erwartet. Das macht es so schwierig“, gesteht sie und seufzt. Dörr vergleicht die Situation mit einem virtuellen Krieg, in den man zieht, ohne zu wissen, was auf einen zukommt. Fest steht jedoch: Der Höhepunkt der Corona-Krise ist in Deutschland noch nicht erreicht.

Trotzdem ist die Intensivstation der Münchner Klinik bereits jetzt belegt. Dörr: „Am Montag haben wir die OP-Säle umgerüstet, um neue Beatmungsplätze zu schaffen.“ Im nächsten Schritt sollen weitere Patienten in den Aufwachraum verlegt werden.

Verändert hat sich auch die die Atmosphäre im Krankenhaus. Normalerweise herrsche eine lockere und angenehme Atmosphäre, erzählt Dörr. „Jetzt ist die Stimmung sehr angespannt. Es wird nicht mehr viel gelacht. Und im Aufenthaltsraum sitzt jeder allein in einer Ecke.“

Ihre größte Angst in diesen ungewissen Tagen ist, irgendwann einmal selbst über Leben und Tod eines ihrer Patienten entscheiden zu müssen. Wer bekommt ein Beatmungsgerät und wer nicht? „Wenn man die Bilder aus Italien sieht, bekommt man die Hosen gestrichen voll“, gesteht Dörr. „Die sind komplett am Limit. Ich hoffe so sehr, dass wir das nicht erleben müssen.“

Trotzdem lässt die Krankenschwester das Gefühl nicht los, dass viele Menschen die Situation immer noch nicht ernst genug nehmen. In solchen Momenten wird die Ickingerin richtig wütend. Etwa wenn sie von jungen Leuten Aussagen hört wie: „Das Virus trifft doch eh nur die Alten“. „Das ist totaler Quatsch. Bei uns liegen genauso junge Patienten beatmet da“, stellt sie klar.

Krankenschwester: Trotzdem ein Traumberuf

Doch es gibt auch schöne Momente, die Dörr Mut machen, aus denen sie Kraft schöpft. Vor einer Woche startete die Krankenschwester auf Facebook einen Aufruf. Darin bat sie die Ickinger, Schutzmasken für die Klinik zu nähen. Das Ergebnis? „Einfach überwältigend, schwärmt Dörr. Innerhalb weniger Tage kamen um die 100 Masken zusammen. Aber nicht nur die Ickinger waren fleißig. „Meine Kollegen haben ebenfalls herumgefragt, mittlerweile haben wir genug genähte Masken für die Patienten“, freut sich Dörr.

Allen Herausforderungen zum Trotz, eines wird die 40-Jährige nicht müde zu betonen: Krankenschwester ist und bleibt ihr Traumberuf. „Einen anderen Beruf könnte ich mir niemals vorstellen.“

kof

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