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Claudia Roederstein und Dr. Peter Schweiger im Archiv der Gemeinde. Links im Hintergrund die Karton mit den Akten des Ickinger Gymnasiums.  Die endgültige Beschriftung fehlt noch, ebenso ein Findbuch. 

Archiv hat Akten des Ickinger Gymnasiums übernommen

Menschliche Schicksale zwischen Aktendeckeln

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Zur Zeit sichten die Gemeindearchivare Dr. Peter Schweiger und Claudia Roederstein die alten Akten die Ickinger Gymnasiums. Sie sind berührt von den menschlichen Schicksalen, die ihnen hier begegnen.

Icking – Im ersten Stock des Rathauses gibt es einen Raum, der ganz der Vergangenheit gewidmet ist: das Archiv der Gemeinde. Wer Archive von innen kennt, weiß, dass dort nicht immer Ordnung herrscht. In Icking schon. Sauber aufgereiht stehen Dutzende Ordner, darauf das Wappen der Kommune sowie eine Ziffernfolge, die bestimmten Inhalten entspricht. „Als Kreisarchivar muss ich ja mit gutem Beispiel vorangehen“, sagt Zweiter Bürgermeister Peter Schweiger. Wer hier sucht, der findet auch.

Seit Anfang August sortieren Schweiger und seine Stellvertreterin Claudia Roederstein den neuesten Zugang. Er verdient die Bezeichnung spektakulär. Es handelt sich nämlich um die Akten des Ickinger Gymnasiums von seinen Anfängen 1921 bis zum Jahr 1968. Schweiger gibt zu, schon lange darauf spekuliert zu haben. „Ich wusste ja, welcher historische Schatz da verborgen lag.“ Und als ehemaliger Schüler hat er auch eine persönliche Beziehung zu dem Material.

Dass es sich genau um diesen Zeitraum handelt, ist kein Zufall. Schulen sind verpflichtet, Akten 50 Jahre aufzubewahren. Das Rilke-Gymnasium – seit einigen Jahren ist der berühmte Dichter Namenspatron – hat sich also von allem getrennt, was älter als 50 Jahre ist. Dass es in der Isartalgemeinde einen Platz für die Dokumente des Schullebens von einst gibt, kann man nur als Glücksfall bezeichnen. Denn andernorts werden die Dinge einfach geschreddert.

Das Ickinger Gymnasium wurde erst nach dem Krieg eine staatliche Schule. Unser Foto zeigt den ersten Abiturjahrgang von 1950. In der Mitte der langjährige Schulleiter Walter Niklas, eine prägende Figur in der Historie der Schule. 

In Icking ist das genaue Gegenteil der Fall: Hier archivieren Schweiger und Roe-derstein das Material mit größtmöglicher Sorgfalt. Es handelt sich um gut 50 Kartons, die nach Abschluss der Arbeiten mit dem Symbol des Ickinger Schulkreises – einer symbolischen Isar, umgeben von Eichenlaub – versehen werden soll. Ein Findbuch wird die Benutzung so einfach wie möglich machen. In Icking läuft alles nach den behördlichen Vorgaben – dem sogenannten Einheitsaktenplan.

Einen großen, ja den größten Teil bilden die Schülerakten. Sie umfassen neben den Zeugnissen auch Impfbücher sowie diverse handschriftliche Vermerke der Lehrer über ihre Zöglinge, sowohl schmeichelhafte als auch weniger schmeichelhafte. Diese haben, wenn überhaupt, nur in abgemilderter Form Eingang ins Zeugnis gefunden. Was Lehrer X wirklich über Schüler Y gedacht hat – hier ist es nachzulesen. Freilich hat Schweiger auch in seinen eigenen Schülerakt geschaut. „Ich habe mit einer Mischung aus Belustigung und Empörung zur Kenntnis genommen, wie man mich beurteilt hat“, erzählt er. Speziell sein Lateinlehrer scheint mit dem jungen Schweiger nicht restlos zufrieden gewesen zu sein.

Claudia Roederstein findet die Beschäftigung mit dem Schulleben von einst faszinierend. „Das Ickinger Gymnasium ist reich an Persönlichkeiten und Geschichten“, sagt sie. Gerade heute hat sie die Schülerakten von Hans und Nils Bonsels bearbeitet, den Söhnen von Waldemar Bonsels, dem Erfinder der weltberühmten Biene Maja, der seit Ende des Ersten Weltkriegs in Ambach lebte. Wie gut die Bonsels-Kinder in Latein und Mathematik waren, wie ihr Betragen gewesen ist: All das ist hier nachzulesen. Die Vergangenheit wird für einen Augenblick Gegenwart. „Ich finde das berührend“, sagt Roederstein.

Paul Wenz spielte eine wichtige Rolle am Gymnasium

Eine gewisse Rolle spielt in den Akten des Gymnasiums auch ein Mann, um den sich in Icking im vergangenen Jahr viel gedreht hat: Paul Wenz, Architekt und überzeugter Nationalsozialist. Wenz war dabei, als sich Anfang der 1920er Jahre Ickinger Eltern zusammentaten, um ein Gymnasium vor Ort zu gründen, weil sie es ihren Kindern nicht mehr zumuten wollten, mit der Isartalbahn nach München zu fahren. „Man weiß das heute nicht mehr, aber damals war die Luft in der Großstadt furchtbar schlecht“, erzählt Schweiger. Ihren Kindern das zu ersparen, war tatsächlich ein Hauptmotiv der Eltern.

Mitte der 1950 zog das Gymnasium vom Ichoring an den heutigen Standort, die Ulrichstraße. Am Ichoring waren waren das Rektorat und die Oberstufe in der so genannten Bullrich-Villa untergebracht. 

Wenz war lange ein wichtiger Mann im Elternkreis, er förderte die Schule nach Kräften. Allerdings missfiel den Nationalsozialisten das freigeistige Treiben am Ichoring – dort war die Schule ursprünglich angesiedelt – immer mehr. „Es ist bekannt, dass Juden in Icking relativ lange als Lehrer tätig waren“, erzählt Schweiger. 1935 zog sich Wenz aus dem Elternkreis zurück – vielleicht, weil er genau damit nicht einverstanden war. Näheres hat sich bislang nicht herausfinden lassen. Jedenfalls, darauf legt Roederstein Wert, hat sich in den Akten nichts gefunden, was den Schluss nahelegt, dass man den nach Wenz benannten Berg doch besser umbenannt hätte. Die Gemeinde hatte sich ja auf Empfehlung von Historikern dagegen entschieden.

Die Beschäftigung mit der Historie kommt zur rechten Zeit: 2021 feiert das Gymnasium sein hundertjähriges Bestehen. Vielleicht wird seine bemerkenswerte Geschichte dann neu dargestellt. Bislang gibt es das Buch des ehemaligen Lehrers Martin Hennighaußen, erschienen 1971, anlässlich der 50-Jahr-Feier. Peter Schweiger ist zudem im Besitz des Manuskripts von Hennighaußen, das deutlich umfangreicher ist. Man könnte sagen: Alles wartet nur darauf, genutzt zu werden. „Das eben liebe ich an der Archivarbeit“, sagt Schweiger. „Sie ist nachhaltig.“

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