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Ein Rennradfahrer schlug in Icking eine Delle in eine Autotür (Symbolbild). 

„Ein bisschen wie von Sinnen“

Rennradler schlägt mit Faust Delle in Autotür - später nimmt der Vorfall ein ungewöhnliches Ende

Bei Irschenhausen eskalierte vor einem Jahr die Begegnung zwischen einem Radler und einem Chrysler-Fahrer. Nun wurde der Streit vor Gericht verhandelt.

Icking/Wolfratshausen Fahrräder und Autos kommen sich auf Landstraßen häufig zu nah. Bei Irschenhausen eskalierte Ende September 2018 die Begegnung zwischen einem Rennradler und einem Chrysler-Fahrer. Nun musste sich ein Dietramszeller (58) wegen Sachbeschädigung vor dem Amtsgericht Wolfratshausen verantworten: Der Mann soll mit der Faust eine Delle in die Beifahrertür des Autos geschlagen haben. Der Fall schien klar – bis sich das Gericht am Tatort selbst ein Bild machte.

Icking: Rennradler schlägt mit Faust Delle in Autotür - Vorfall kommt vor Gericht 

Was war der Auslöser? Der Angeklagte soll das ihm zunächst entgegenkommende Auto angespuckt haben. Daraufhin wendete der Pkw-Fahrer, um den Radler „zur Rede zu stellen“, wie er sagte. Als beide auf gleicher Höhe waren, schlug der Radfahrer zu. Er habe sich ob der seiner Ansicht nach etwas zu forschen Fahrweise, die der Chrysler-Fahrer aus Bruckmühl beim Abzweigen von der Ebenhauser Straße in den Zeller Weg an den Tag gelegte hatte, geärgert und „eventuell den Kopf geschüttelt, aber nicht gespuckt“, sagte der Angeklagte.

Einige Zeit später habe er von hinten „ein heranbrausendes Fahrzeug“ wahrgenommen. „Das klang martialisch. Ich wollte absteigen, aber ich dachte, dann fährt er dich zusammen.“ Der Pkw habe sich neben ihn gesetzt, „nur eine Handbreite weg vom Lenker“. Deshalb habe er ein, zwei Mal gegen das Auto geschlagen, „damit er Abstand hält“. Kurz darauf kamen beide zum Stehen. „Ich hab mich auf den Gehsteig gesetzt. Ich war total fertig“, sagte der Beschuldigte, den die Erinnerung an den Vorfall sichtlich mitnahm.

Rennradler schlägt in Icking Delle in Autotür - Vor Gericht sieht die Sache anders aus

Ein Polizist, der damals zu einem vermeintlichen Verkehrsunfall gerufen worden war, vermochte das „Entsetzen“ des Angeklagten nicht mit dem Geschehen in Einklang zu bringen. „Er war emotional stark aufgebracht, als wäre etwas Schlimmes passiert“, sagte der Beamte vor Gericht. Für die Beifahrerin im Chrysler wirkte der Angeklagte „ein bisschen wie von Sinnen“. Der Autofahrer selbst war sich „keiner Schuld bewusst“. Er sei mit einigem Abstand neben dem Radler gefahren, dieser habe mit dem Arm ins Auto gelangt, bevor er nach rechts umgekippt sei.

Nachdem alle Zeugen gehört worden waren, fuhren die Prozessbeteiligten nach Irschenhausen und stellten die Szene dort nach. Dabei kam heraus: Der Pkw war deutlich zu dicht an den Radler gefahren. „Ich kann mir schon vorstellen, dass das Stress erzeugt, wenn der Radfahrer mit dem Auto neben sich auf eine subjektiv empfundene Verengung der Straße zufährt“, zeigte Richter Helmut Berger Verständnis für die Panik des Angeklagten. Dessen Verteidiger Jost Hartmann-Hilter wurde angesichts der Tatsache, dass das Auto so nah gekommen war, dass sein Mandant während der Fahrt hineingreifen konnte, deutlicher. „Das ist in höchstem Maße unfallgefährdend. Da darf ich mich wehren, um den anderen zu veranlassen mit der Bedrängung aufzuhören“, sagte der Rechtsanwalt. Und: „Wem es augenscheinlich egal ist, wie es dem Radler in der Situation geht, der muss sich gefallen lassen, dass er sich, in Notwehr handelnd, eine Delle einfängt.“

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Radler in Icking vor Gericht: Situation auch für erfahrene Rennradler „bedrohlich“

Der Richter teilte diese Einschätzung: „Für jeden, auch für einen erfahrenen Rennradler, wäre das eine bedrohliche Situation gewesen. Der Angeklagte konnte sich nicht anders helfen, als zu schlagen. Das war durch die Verkehrssituation gerechtfertigt.“ Ob vorher gespuckt oder gestikuliert worden sei, könne dahin gestellt bleiben. Berger folgte dem Antrag von Staatsanwältin und Verteidiger und sprach den Angeklagten vom Vorwurf der Sachbeschädigung frei.

Rudi Stallein

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