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60 Meter ragt der Bohrturm in den Himmel. In 4500 Metern Tiefe hofft man, auf heißes Wasser zu stoßen. 

Geothermieprojekt Dorfen 

So denkt die Energiewende Oberland über die Geothermie in Icking

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Icking - Ein bisschen Bammel hatten die Anwohner ja schon, wie laut es in ihrem Dorf zugehen würde, wenn einmal das Geothermieprojekt gestartet ist. Jetzt zeigt sich: Man hört weniger als befürchtet. Die Energiewende Oberland setzt große Hoffnungen in das Projekt.

Das Geothermieprojekt Dorfen ist gestartet, seit gut einer Woche drehen sich die Meißel im Ickinger Erdreich. „Vor diesem Moment haben viele bei uns ein bisschen Bammel gehabt“, sagt Ines Mitreuter, Klavierpädagogin in Attenhausen. „Vorher wusste ja keiner, wie laut es wirklich wird.“ Jetzt ist ein Großteil der Bürger erleichtert. Das Lärmaufkommen ist minimal. „Nur wenn man ganz genau aufpasst, hört man was. Aber die Autobahn ist eigentlich viel lauter.“

Für die Familie Mitreuter, die Luftlinie etwa 400 Meter vom Bohrplatz entfernt lebt, bringen die Bohrungen bis in 4000 Meter Tiefe praktisch keine Beeinträchtigungen mit sich. Auch für ihre Pferde, die bekanntlich sehr nervös sind, spielen die Bohrungen keine Rolle. „Sogar für die ist alles ganz normal.“ Gut findet Ines Mitreuter, dass der Geschäftsführer von Erdwärme Isar, Markus Wiendieck, bei der Meißelweihe gesagt hat, dass man sich bei Problemen jederzeit an das Unternehmen wenden könne. „Das ist hier sehr gut angekommen.“

Die Energiewende Oberland (EWO) beobachtet mit großer Sympathie, was gerade in Icking vor sich geht. „Das macht absolut Sinn“, sagt Vorstandsvorsitzender Stefan Drexlmeier. Er erinnert daran, dass 2022 die Atomkraftwerke vom Netz gehen sollen, aber 48 Prozent des Stroms immer noch in Atomkraftwerken produziert werden. Daran sieht man: Die Zeit drängt gewaltig. „Umso wichtiger ist es, dass man jedenfalls mal einige Landkreise über die Linie bringt.“ Etwa den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen – eben dank des Geothermieprojekts.

Fernwärme bleibt das Fernziel 

Das gilt vor allem für den Strom. Derzeit fehlen laut Drexlmeier 18 Prozent, damit der im Landkreis verbrauchte Strom komplett aus regenerativen Energien wie Wasser, Fotovoltaik oder Biogas gewonnen wird. Diese 18 Prozent würde die Ickinger Geothermie, wenn sie denn erfolgreich ist, leicht decken. „Da sind wir sehr optimistisch.“ Übrigens verweist Drexlmeier nicht so gern auf Gelting, wo eine Bohrung fehlgeschlagen ist, als vielmehr auf Holzkirchen, wo sie gelungen ist. „Die Wahrscheinlichkeit, dass in Icking alles klappt, ist sehr hoch.“ In puncto Strom dürfte der Landkreis demnächst im grünen Bereich sein.

Schwieriger wird es schon beim Thema Wärme. Hier fehlen nach den Erkenntnissen der EWO 81 Prozent aus regenerativen Energien. „Das stellt uns vor echte Herausforderungen“, so Drexlmeier. „Das ist ein dickes Brett.“ Sicher sei es schade, dass momentan in Icking kein Fernwärmenetz angedacht ist. Für die – relativ wenigen – Ickinger Haushalte lohnt sich das nicht. Nur: „Das kann sich leicht noch verändern.“ Eine Kooperation etwa mit Wolfratshausen als Abnehmer läge durchaus im Bereich des Möglichen, meint Drexlmeier. „Da muss man einfach abwarten, was sich entwickelt.“

Genau an diesem Punkt will der Bund Naturschutz (BN) in Icking anknüpfen. Vorsitzende Beatrice Wagner steht der Geothermie grundsätzlich positiv gegenüber, doch das Fehlen eines Fernwärmenetzes findet sie schade. „Es ist bedauerlich, dass die Restwärme einfach in die Luft gepulvert wird“, sagt sie. Viel sinnvoller wäre es, etwa die Grund- und Mittelschule am Hammerschmiedweg in Wolfratshausen, die demnächst erweitert wird, mit Fernwärme vom Isarhochufer zu versorgen. Gespräche mit dem Geschäftsführer von Erdwärme Isar, Markus Wiendieck, der Ickinger Bürgermeisterin Margit Menrad und dem Wolfratshauser Rathauschef Klaus Heilinglechner hat sie bereits geführt. „Sie waren alle sehr offen für das Thema.“ Der nächste Schritt wäre eine Machbarkeitsabschätzung und dann eine Machbarkeitsstudie.

Und noch eine Sorge hat der Bund Naturschutz. Nämlich dass um den Bohrplatz herum irgendwann ein Gewerbegebiet entsteht und wieder Landschaft zerstört wird. „Bei dem Gedanken dreht sich mir das Herz um“, sagt Wagner. Die Ickinger Lokalpolitiker hätten ihr zwar versichert, dass es keine Pläne in diese Richtung gibt. „Aber man weiß ja nicht, was in der Zukunft, nach den nächsten oder übernächsten Wahlen, passieren wird.“ Deshalb will der BN wachsam bleiben.

Daten, Fakten, Hintergründe

Das Geothermieprojekt Dorfen gilt als das größte in Deutschland. Hier sollen ab Mitte 2020 auf einer Fläche von drei Fußballfeldern 30 Megawattleistung Strom für 60 000 Haushalte produziert werden. Bevor es losgehen konnte, musste kräftig investiert werden. Bei der Meißelweihe vor einer Woche war die Rede von einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Die Behörden, namentlich das Bergamt, achten extrem auf die Einhaltung aller Vorschriften. Das Bergamt hat sogar Polizeigewalt und kann im Fall der Fälle sofort einschreiten. Auf dem Bohrplatz arbeiten etwa 100 Arbeiter aus aller Herren Länder, Amtssprache ist Deutsch, Arbeitssprache Englisch. Wie Geologe Winfried Büchl erklärt, schaut es in 4000 Metern Tiefe etwa so aus wie in der Schwäbischen Alb an der Erdoberfläche. Es handelt sich um zerklüftetes Kalkgestein, durch das etwa 150 Grad heißes Wasser fließt. „Die geologischen Voraussetzungen sind perfekt.“ Der tiefste Punkt der Bohrung, der „TD“ (= Total Depth) in etwa 4500 Metern Tiefe soll in vier Monaten erreicht sein. Dann wird entschieden, ob genügend Wasser gefördert werden kann. Wenn nein, wird die Anlage zurückgebaut. Wenn ja, geht es mit den Bohrungen in Walchstadt weiter. Dort wird das Wasser wieder in den Untergrund geleitet. Fortschritte bei der Bohrung werden unter www.erdwaerme-isar.de gemeldet.

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