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So hilft der Landkreis einem vergessenen Dorf in Italien

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Von: Sabine Hermsdorf-Hiss

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Das zerstörte Castelluccio: Das einzige Haus, das im zerstörten Teil noch steht, haben die Italiener als Hilferuf und Protest mit der italienischen Trikolore bemalt.
Das zerstörte Castelluccio: Das einzige Haus, das im zerstörten Teil noch steht, haben die Italiener als Hilferuf und Protest mit der italienischen Trikolore bemalt. Die Straßen sind voller Schutt der eingestürzten Häuser. © Privat

2016 bebte die Erde in Mittelitalien und legte das Dorf Castelluccio in Trümmer. Abt Petrus Höhensteiger und Dr. Christoph Preuss setzen sich für die Menschen dort ein.

Icking/Castelluccio di Norcia – Im Jahr 2016 zerstörten Erdbeben das Dörfchen Castelluccio di Norcia in Mittelitalien fast vollständig. Der Wiederaufbau in den sibilinischen Bergen zieht sich hin. Der Ickinger Arzt Dr. Christoph Preuss setzt sich gemeinsam mit Abt Petrus Höhensteiger aus der Benediktiner-Abtei Schäftlarn für die Erdbebenopfer ein.

Es ist ein ganz normaler Augustabend in Castelluccio. In Peppe Caponecchis Ristorante duftet es nach Pizza. Wanderer, Touristen, die zum Gleitschirmfliegen in den Ort gekommen sind, und Einheimische genießen das Ambiente – nicht ahnend, das ein paar Stunden später nichts mehr so ist, wie es war.

Abt Petrus Höhensteiger und Dr. Christoph Preuss.
Produkte aus Castelluccio zeigen Abt Petrus Höhensteiger und Dr. Christoph Preuss. Der Verkauf soll etwas Geld in die Kassen bringen. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Am 24. August gegen 3.36 Uhr bebt die Erde, die Familie Caponecchi wird aus dem Schlaf gerissen. In Panik verlassen sie ihr Haus, die Zeit reicht nicht, um etwas mitzunehmen. „Wir hatten Angst um unser Leben“, erzählt Peppe Caponecchi. Noch ist Castelluccio nicht allzu stark betroffen, im Gegensatz zum Nachbarort Arquata del Tronto. Dennoch wird Castelluccio aus Sicherheitsgründen evakuiert. Nur Landwirte, die mitten in der Linsenernte stecken (die Gegend ist für Linsen bekannt), und die Schäfer bleiben vor Ort, ebenso wie Caponecchi und seine Tochter Deborah. Sie kümmern sich um die Versorgung der Helfer. Der heute 59-Jährige schläft über Wochen hinweg im Auto, da er seine Wohnung nicht mehr betreten darf.

Am 30. Oktober zerstört ein Nachbeben mit der Stärke 6,5 auch Castelluccio. Häuser fallen in sich zusammen, in den Straßen türmt sich der Schutt. Dorfbewohner dürfen die sogenannte „Rote Zone“ nicht betreten. „Die Gefahr war zu groß“, berichtet Preuss, der sich selbst vor Ort ein Bild machte.

Einige Schweizer versuchen Caponecchi zu helfen, indem sie einen Wohnwagen mit Winterkleidung nach Norcia bringen. Ein weiterer Hilfstransport gelingt erst im Frühjahr, vorher lässt es das Wetter nicht zu. „Hier ist es wie im Isarwinkel“, sagt Preuss. „Zwei Meter Schnee sind nicht selten.“

Weitere Nachbeben zerstören die Straßenverbindungen zum Dorf völlig. Die letzten Bewohner, die ausharren, leben unter teilweise katastrophalen Verhältnissen. Peppe Caponecchi kommt mit seiner Frau bei Freunden in Umbrien unter. Noch im November 2016 gründet er gemeinsam mit Giovanni Perla die notariell überwachte gemeinnützige Organisation „Per la vita di Castelluccio onlus“, um Spenden für den Wiederaufbau zu sammeln. Zudem versucht er mit anderen Gastronomen, den Tourismus ein bisschen anzukurbeln.

In einem Baucontainer, der sich schnell zum Treffpunkt für alle entwickelt, versorgt er die Helfer mit Essen. „Er arbeitet oft bis an den Rand der Erschöpfung“, sagt Preuss. Dann kommt die Pandemie und mit ihr die Ausgangssperren, „die die Menschen und besonders die Gastronomie noch mal schwer getroffen haben“, so der Ickinger Arzt weiter.

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Mittlerweile hat Caponecchi eine Notunterkunft gefunden, pendelt jeden Tag 30 Kilometer hin und zurück. Spenden aus Deutschland ermöglichen den Kauf weiterer Container für die Schäfer. In einem Provisorium am Dorfrand kann der 59-Jährige ein neues Lokal einrichten. „Die Menschen aus Castelluccio setzen große Hoffnung auf unsere Unterstützung“, bekräftigt Preuss. „Und ich kann nur sagen, dass wir, da wir die Bewohner hier kennen, auch dafür sorgen, dass die Gelder gut ankommen.“

Mittlerweile gibt es wieder 40 Gästebetten im Dorf. „Früher waren es 300“, rechnet Preuss vor. Woran es vor allem gefehlt hat, war Wasser. „Wir konnten jedoch durch Spenden 2020 und 2021 einzelne Quellen sanieren.“ Preuss und Abt Petrus wollen den Wiederaufbau vorantreiben. „Wir möchten ein Gemeinschaftshaus errichten“, erläutert der Arzt. Dies sei der größte Wunsch der Bürger. Es soll multifunktional sein, als Kirche ebenso wie als Schule dienen. Ein Standort wäre bereits gefunden. „Wir warten nun auf die Genehmigung – und das dauert.“ Auch ein kleiner Straßenzug soll wieder hergerichtet werden.

Wirt Peppe Caponecchi
Ein Motor des Wiederaufbaus: Wirt Peppe Caponecchi arbeitet bis zur Erschöpfung, um seinem Heimatdorf zu helfen. © privat

Es ist schwierig, Mittel zu akquirieren. Um den Erdbebenopfern eine kleine Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, werden im Klosterladen Linsen und andere Produkte aus der Gegend verkauft. „Die Menschen dort brauchen unsere Hilfe“, sagt Abt Petrus. Wie sollen sie ihre Häuser aufbauen, wenn sie kein Geld haben? Es kann nicht sein, dass all die kleinen Dörfer hinten runterfallen, weil der Fokus in Italien auf den größeren Städten liegt.“

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Die Gegend ist für den Benediktinermönch von Bedeutung – schließlich wurde hier der Heilige Benedikt geboren. Sogar Kardinal Reinhard Marx hat tief in den Geldbeutel gegriffen und 10 000 Euro für die Sanierungen gestiftet. „Ebenso unterstützen uns Herzog Franz von Bayern, unser ehemaliger Ministerpräsident Edmund Stoiber und die Präsidentin der Deutschen Roten Kreuzes, Gerda Hasselfeldt.“ Letztere hat schon erreicht, dass zumindest erste Notunterkünfte genehmigt werden. „Die Menschen“, betont Abt Petrus, „brauchen das Wissen, dass sie noch gesehen werden.“

Spendenkonto:
Missio München, IBAN: DE 96750903000800080004, Verwendungszweck: 58005-1073, Castelluccio di Norcia

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