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Welche Rolle spielen Werte in der Zukunft? Darüber diskutierten Fernseh produzentin Susanne Porsche (li.), Ex-Außenminister Joschka Fischer (Mi.) und der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank, Paul Achleitner (re.), mit Schülern.

Grüner Ex-Außenminister zu Gast in Icking

Warum Joschka Fischer die Welt am Scheideweg sieht

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Um das Thema Werte ging es am Dienstag in einer Schüler-Talkshow am Günter-Stöhr-Gymnasium. Zu Gast war Ex-Außenminister Joschka Fischer. Er sieht die Welt am Scheideweg. 

Icking – Das Thema „Werte“ hat Konjunktur. Schließlich traut man ihnen zu, den Menschen Orientierung in einer Welt zu bieten, die offensichtlich mitten in einem dramatischen Umbruch steckt. Das P-Seminar Sozialkunde des privaten Günter-Stöhr-Gymnasiums wollte es genau wissen und lud eine Journalistin, einen (Ex-)Politiker sowie einen Bänker zu einer Talkshow ein. Weil man in Irschenhausen offenbar gut vernetzt ist, kamen hochrangige Vertreter ihres Fachs, nämlich die Autorin und Fernsehproduzentin Susanne Porsche, der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, Paul Achleitner, sowie – man höre und staune – Ex-Außenminister Joschka Fischer, der sich sonst eigentlich rar macht. „Ein ganz besonderer Tag in der Geschichte unserer Schule“, frohlockte Schulleiter Michael P. Maier. Und dann wurde diskutiert, zwei volle Stunden lang.

Die Schüler wussten Joschka Fischer aus der Reserve zu locken. Sie fragten ihn, ob er seinen berühmt-berüchtigten Satz „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“ heute bereuen würde. „Nein“, erwiderte Fischer energisch. Schließlich hätte Richard Stücklen einen Parteikollegen und ihn des Saales verwiesen, weil sie Kanzler Kohl attackiert hatten – eine glatte Ungerechtigkeit. „Der Stücklen hat sich doch später darüber gefreut, sonst hätte sich keiner an ihn erinnert.“ Eine schöne, kleine Boshaftigkeit am Rande.

CDU hat laut Fischer ein „Modernisierungs-Defizit im Kopf“

Und weil Fischer schon einmal in Fahrt war, machte er reichlich Anmerkungen zur aktuellen Politik. So fand er, dass der deutschen Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete, die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet und dann ohne Erlaubnis einen italienischen Hafen angesteuert hat, „viel eher ein Orden als ein Gefängnisaufenthalt“ gebührt. Allerdings gab der Politiker auch zu bedenken, dass man Italien viel zu lange allein gelassen habe. „Das darf sich nicht wiederholen.“

Die alte Lust an der Polemik blitzte auf, als er sich der Union widmete. Kramp-Karrenbauer und Co. hätten einen erheblichen „Modernisierungsbedarf im Kopf“. Das habe sich bei der Affäre um das Rezo-Video „Die Zerstörung der CDU“ gezeigt, als der ganze teure Parteiapparat plötzlich in Panik verfallen sei. „Das Richtige wäre gewesen, mit den Schultern zu zucken und die Karawane weiterziehen zu lassen“, sagte Fischer. „Das Wesen eines Sturms besteht darin, dass er vorbeigeht, ob mit oder ohne Shit.“ In seiner Zeit habe das Internet zwar noch keine große Rolle gespielt. „Aber von der Bild-Zeitung auf die Hörner genommen zu werden, war nicht angenehm“, erinnert er sich. „Da muss man als Politiker halt durch.“

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Still wurde es im Saal, als Fischer die jungen Leute mit ihrer eigenen Zukunft konfrontierte. „Als ich geboren wurde, gab es 2,5 Milliarden Menschen auf der Welt. In Eurer Generation werden es neun Milliarden sein.“ Das stelle die Menschheit vor eine globale Herausforderung, wie sie noch nie da war. „Entweder es gelingt, Technologien zu entwickeln, mit denen die Probleme gelöst werden können, oder wir werden auf der Verliererseite stehen.“ Den Schülern riet er dringend, sich für die europäischen Werte starkzumachen.

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Paul Achleitner teilte die Menschen – quer durch alle Länder und Schichten – in solche mit Angst vor der Zukunft und solche mit Freude auf die Zukunft ein. „Leider wird die erste Gruppe immer größer.“ Auf die provokante Frage der Schüler, was sich seit der Finanzkrise bei den Bankern geändert habe, verwies Achleitner darauf, dass es für die Herausforderungen der Zukunft ein funktionierendes Finanzsystem brauche. Es stelle sich die Frage, wie die Gesellschaft mit dem Thema Risiko umgehen will. Das sei bislang noch nicht diskutiert worden. Susanne Porsche, Verfasserin des Buches „Kinder wollen Werte“, nahm die Erwachsenen in die Pflicht, indem sie sagte: „Wir haben vergessen, Werte vorzuleben.“ Den Gymnasiasten riet Porsche, an sich selbst zu glauben. „Wenn es auf dem geraden Weg nicht geht, müsst Ihr halt Umwege gehen.“ 

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