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„Danke, dass Sie den Schmerz, von Ihrem Leben zu erzählen, für uns ausgehalten haben“: Mit diesen Worten bedankte sich Rektorin Astrid Barbeaux (li.) bei Abba Naor. Geschichtslehrerin Susanne Schäfer (rechts) hatte dessen Vortrag organisiert. 

Abba Noar (91) im Ickinger Gymnasium

Vortrag eines Holocaust-Überlebenden lässt den Atem stocken

Die Angst habe ihn sein Leben lang begleitet, sagt der der Holcocaust-Überlebende Abba Noar (91) bei einem Vortrag im Ickinger Gymnasium.  Er wisse nicht, was besser gewesen sei: Das ganze Grauen überlebt zu haben oder gleich erschossen worden zu sein.

Icking „Für uns war es schon schlimm, Ihre Geschichte anzuhören. Wie schlimm muss es für Sie sein, mit diesen Erinnerungen zu leben. Wie schaffen Sie das?“ Diese Frage einer Schülerin des Ickinger Gymnasiums nach dem Vortrag des Holocaust-Überlebenden Abba Naor zeigte, wie tief der 91-Jährige die Zehnt- bis Zwölftklässler mit seinem Bericht beeindruckt hatte. Der in Litauen geborene und heute in Israel und München lebende Zeitzeuge, Träger des Bundesverdienstkreuzes und des Bayerischen Verdienstordens, war schon öfter zu Besuch am Ickinger Gymnasium. Rektorin Astrid Barbeaux und Geschichtslehrerin Susanne Schäfer hatten ihn diesmal eingeladen.

Todesmarsch: Erinnerung an gespenstische Szenen

Mit ruhiger Stimme erzählt Abba Naor am Montagvormittag in der Alten Aula über seine Kindheit und Jugend im Ghetto im litauischen Kaunas, im Konzentrationslager Stutthof, im Arbeitslager Utting und auf dem Todesmarsch von Dachau nach Waakirchen – eine geraubte Jugend, die kein junger Mensch der Welt erleben sollte, wie er sagt. Als Zuhörer stockt einem der Atem, wenn Abba Naor berichtet, welche Last auf ihm lag, als er als 13-Jähriger im Ghetto auf seinen zweijährigen Bruder aufpassen musste, während die Eltern arbeiteten. Täglich seien Menschen nicht von der Arbeit zurückgekehrt, seien Kinder verschwunden und getötet worden, darunter Abbas 14-jähriger Bruder Chaim.

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Die Angst habe ihn sein Leben lang begleitet, sagt der Referent. Er wisse nicht, was besser gewesen sei: Das ganze Grauen überlebt zu haben oder gleich erschossen worden zu sein. Der junge Abba wurde Zeuge, wie seine Mutter und sein kleiner Bruder nach Auschwitz gebracht wurden, um dort vergast zu werden. („Ich wusste, ich würde sie nie wieder sehen“). Er erlebte mit, wie seine Großfamilie im Ghetto von 22 auf fünf Personen dezimiert wurde.

Völlig ausgezehrt kam Abba Noar am Ende des Todesmarsches in Waakirche n an.

Schreckliche Fotos laufen während des Berichts über die Leinwand. Der mittlerweile 14-Jährige selbst sang in einer Musikergruppe aus Juden mit, um die Nationalsozialisten zu unterhalten – in der Hoffnung auf eine Extrascheibe Brot oder eine andere Kleinigkeit zu essen. Daher der Titel seiner 2014 erschienen Autobiografie „Ich sang für die SS – Mein Weg vom Ghetto zum israelischen Geheimdienst“. Naor benennt die Schuldigen. Er zeigt ein Bild des SS-Standartenführers und Lagerleiters Karl Jäger. Er verurteilt die Mitläufer in Holland, die geflüchtete Juden für ein paar Gulden verraten, die Schweizer, die niemanden ins Land gelassen hätten.

Allein 1,5 Millionen jüdische Kinder seien im Zweiten Weltkrieg umgebracht worden, sagt der Holocaust-Überlebende und blendet Fotos von drei seiner zehn Urenkel ein. „Stellt Euch vor, diese unschuldigen Kinder hätten damals gelebt. Was wäre mit ihnen geschehen?“, wendet er sich an die Zuhörer. In der Aula ist es ganz still. Im Arbeitslager in Utting – Abba Naor war inzwischen 16 Jahre alt – sei sein einziger Gedanke gewesen, den Tag zu überstehen, erzählt er. Er schildert die menschenunwürdige Unterbringung, die harte Arbeit über zwölf Stunden lang ohne Pause, den Tod so vieler Mitgefangener. „Diese Außenlager waren Vernichtungslager. Sie vernichteten Zehntausende durch Arbeit“, sagt er.

Auf dem letzten Foto ist Abba Naor auf dem Todesmarsch von Dachau nach Waakirchen zu sehen, völlig abgemagert und zerlumpt, mit ausdruckslosem Blick. Sein Weg führte ihn damals unter anderem an Icking vorbei. Seit den 1990er-Jahren unterstützt der in Israel und München lebende Jude Initiativen für weitere Mahnmale des Todesmarsches.

Die Schüler haben viele Fragen an den Gast. Auf die eingangs erwähnte Frage antwortet Abba Naor auf seine trotz allem humorvolle, freundliche Art: „Ich bin fast 92 Jahre alt. Also kann man offensichtlich mit der Erinnerung leben. Ich habe mich entschieden, meine Erlebnisse aufzuschreiben und zu erzählen. Es liegt an jedem Einzelnen, wie er mit seinem Schicksal umgeht.“ 

(Tanja Lühr)

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